Am Zaun gibt es keine Klingel, am Briefkasten steht kein Name. Trotzdem wissen alle in der Zehlendorfer Königsstraße, im Südwesten der Hauptstadt, wer in dieser Stadtvilla zwischen Tannen und Birken zu Hause ist. Und die Bewohner wollen es auch gar nicht verheimlichen.

Ein Sandweg führt zum Haus, davor drei leere Parkplätze, ein paar Fahrräder neben der Tür. In der Mittagssonne hängt eine Deutschlandfahne von der eierschalenfarbenen Wand. Aus dem zweiten Stock reckt sich eine Terrasse, darüber ein meterhohes Schild in orange, weiß, schwarz. Es ist das Wappen der Gothia, einer 1877 gegründeten Burschenschaft, Wahlspruch: "furchtlos und beharrlich".

Um Burschenschaften im Allgemeinen, und die Gothia im Besonderen, gab es zuletzt viel Wirbel. In der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus halten viele die Gothia für eine gefährliche Melange aus Nationalkonservativen und Rechtsradikalen. Nach monatelangem Druck hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich ein Gothia-Mitglied entlassen: An diesem Sonntag endet die Amtszeit von Michael Büge. Der CDU-Politiker war bislang Staatssekretär für Soziales.

Büge wollte die Gothia partout nicht verlassen, selbst um den Preis seines Amtes. Warum bleibt ein Politiker lieber in seiner Burschenschaft als in seiner Landesregierung? Was macht das eine wichtiger als das andere? Eine Frage der Ehre? Oder sind Burschenschaften schlicht Karrierenetzwerke, verlässlicher als die Postenverteilung in der Politik?

Aus dem Zehlendorfer Verbindungshaus gibt es derzeit keine Antworten. Immerhin war Gothia-Sprecher Thomas Elsholtz, im Hauptberuf PR-Berater, bereit, mit seinen Bundesbrüdern zu sprechen. Ein paar Tage später die Rückmeldung: Der Rummel der vergangenen Monate sei heftig gewesen, man wolle vorerst unter sich bleiben.

Burschenschaften waren schon in der Versenkung verschwunden. Wer ihnen beitrat, tat es wegen der Familie, der Überzeugung – Burschenschaften verstehen sich als politische Verbindungen – oder wegen des Studentenzimmers, behielt das aber für sich. Seit der Bildungsreform in den 1970er Jahren wurde das traditionelle Burschenschaftermilieu bürgerlicher Männer in den Hörsälen kleiner. Arbeiterkinder und Frauen strömten an die Hochschulen. Erst vor zwei Jahren kehrten die Traditionsverbindungen schlagartig ins Bewusstsein zurück. In der Deutschen Burschenschaft – dem Dachverband, dem die Gothia angehört – wurde über die Abstammung eines deutsch-chinesischen Studenten gestritten. Und ein Bonner Burschenschafter erklärte den im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer zum "Landesverräter".

Nicht nur deshalb scheinen die Verbindungen aus der Zeit gefallen zu sein. Bei der Gothia heißt E-Mail unironisch E-Post. Und im Internet wirbt sie mit Bildern aus ihrer Villa, auf denen fast nur Historisches zu sehen ist: Da ist der "Paukflur" und der "Kneipsaal", da hängen im "Chargenzimmer" zwei Säbel an der Wand. Als Pauken werden Fechtübungen mit stumpfen Klingen bezeichnet, "Kneipe" ist eine Feier, bei der die Burschenschafter in Uniformen erscheinen. Die "Chargia" wiederum ist der meist drei- bis vierköpfige Vorstand, der jedes Semester gewählt wird.