Politische VerbindungenBurschenschaft Gothia – ein Bund fürs Leben

Berlins Regierender Wowereit hat seinen umstrittenen Staatssekretär Büge vor die Wahl gestellt: Amt oder Burschenschaft? Büge hat sich entschieden – eine Frage der Ehre. von Hannes Heine

Treffen Deutscher Burschenschaftler auf der Wartburg Eisenach (Archiv).

Treffen Deutscher Burschenschaftler auf der Wartburg Eisenach (Archiv).  |  © Ralph Orlowski/Getty Images

Am Zaun gibt es keine Klingel, am Briefkasten steht kein Name. Trotzdem wissen alle in der Zehlendorfer Königsstraße, im Südwesten der Hauptstadt, wer in dieser Stadtvilla zwischen Tannen und Birken zu Hause ist. Und die Bewohner wollen es auch gar nicht verheimlichen.

Ein Sandweg führt zum Haus, davor drei leere Parkplätze, ein paar Fahrräder neben der Tür. In der Mittagssonne hängt eine Deutschlandfahne von der eierschalenfarbenen Wand. Aus dem zweiten Stock reckt sich eine Terrasse, darüber ein meterhohes Schild in orange, weiß, schwarz. Es ist das Wappen der Gothia, einer 1877 gegründeten Burschenschaft, Wahlspruch: "furchtlos und beharrlich".

Anzeige

Um Burschenschaften im Allgemeinen, und die Gothia im Besonderen, gab es zuletzt viel Wirbel. In der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus halten viele die Gothia für eine gefährliche Melange aus Nationalkonservativen und Rechtsradikalen. Nach monatelangem Druck hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich ein Gothia-Mitglied entlassen: An diesem Sonntag endet die Amtszeit von Michael Büge. Der CDU-Politiker war bislang Staatssekretär für Soziales.

Büge wollte die Gothia partout nicht verlassen, selbst um den Preis seines Amtes. Warum bleibt ein Politiker lieber in seiner Burschenschaft als in seiner Landesregierung? Was macht das eine wichtiger als das andere? Eine Frage der Ehre? Oder sind Burschenschaften schlicht Karrierenetzwerke, verlässlicher als die Postenverteilung in der Politik?

Aus dem Zehlendorfer Verbindungshaus gibt es derzeit keine Antworten. Immerhin war Gothia-Sprecher Thomas Elsholtz, im Hauptberuf PR-Berater, bereit, mit seinen Bundesbrüdern zu sprechen. Ein paar Tage später die Rückmeldung: Der Rummel der vergangenen Monate sei heftig gewesen, man wolle vorerst unter sich bleiben.

Burschenschaften waren schon in der Versenkung verschwunden. Wer ihnen beitrat, tat es wegen der Familie, der Überzeugung – Burschenschaften verstehen sich als politische Verbindungen – oder wegen des Studentenzimmers, behielt das aber für sich. Seit der Bildungsreform in den 1970er Jahren wurde das traditionelle Burschenschaftermilieu bürgerlicher Männer in den Hörsälen kleiner. Arbeiterkinder und Frauen strömten an die Hochschulen. Erst vor zwei Jahren kehrten die Traditionsverbindungen schlagartig ins Bewusstsein zurück. In der Deutschen Burschenschaft – dem Dachverband, dem die Gothia angehört – wurde über die Abstammung eines deutsch-chinesischen Studenten gestritten. Und ein Bonner Burschenschafter erklärte den im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer zum "Landesverräter".

Nicht nur deshalb scheinen die Verbindungen aus der Zeit gefallen zu sein. Bei der Gothia heißt E-Mail unironisch E-Post. Und im Internet wirbt sie mit Bildern aus ihrer Villa, auf denen fast nur Historisches zu sehen ist: Da ist der "Paukflur" und der "Kneipsaal", da hängen im "Chargenzimmer" zwei Säbel an der Wand. Als Pauken werden Fechtübungen mit stumpfen Klingen bezeichnet, "Kneipe" ist eine Feier, bei der die Burschenschafter in Uniformen erscheinen. Die "Chargia" wiederum ist der meist drei- bis vierköpfige Vorstand, der jedes Semester gewählt wird.

Leserkommentare
  1. ...die freie Entscheidung von Herrn Büge.

    Schön, dass es in Deutschland noch Männer gibt, die mit dem Wort Ehre etwas anfangen können!

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

    36 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..die erzwungene Entscheidung des Herrn Büge.

    Schön, dass es in Deutschland noch Landesregierungen gibt, die ihre zwielichten Mitarbeiter aus dem Amt zwingen!

    Feiern Sie ruhig Ihren Märtyrer.

    • Panic
    • 29. Juni 2013 12:38 Uhr

    "Schön, dass es in Deutschland noch Männer gibt, die mit dem Wort Ehre etwas anfangen können!"

    Wenn ich sowas lese, dann bin ich, um Ihren Forumnamen mal zu zitieren, auch besorgt. Und das mit dem Hintergrund des rechtsradikalen Gedankenguts. Sitzt es sich bequem in den Nesseln?

    Salut

    auch wenn man mal die Rechtsradikalismusdebatte beiseite läßt, ist doch gerade die Gothia dafür bekannt, eher eine Möglichkeit für die Knüpfung von Seilschaften und "Connections" für junge Karrieristen zu sein, was dann später im Berufsleben leidlich ausgenutzt wird.

    Also sollte man eher von einer Gaunerehre sprechen. Richtige Ehre - nach den meisten mir bekannten Definitionen - ist etwas völlig anderes und hat nichts mit markigen Sprüchen, Operettenuniformen oder Nationalismus zu tun; die Burschenschaften sind höchtens eine Parodie von Ehre.

    "Schön, dass es in Deutschland noch Männer gibt, die mit dem Wort Ehre etwas anfangen können!"

    die meinen, sie würden so etwas ähnliches, wie eine Deutungshoheit über den Begriff der Ehre besitzen.
    Noch trauriger,
    wenn diese Menschen dann auch noch meinen, diese Ehre ausgerechnet vermehrt im Métier von Burschenschaften und Burschenschaftlern verorten zu können.

    MfG
    biggerB

    Ich weiss nicht, ob die Entscheidung Büges etwas mit Ehre zu tun hat. Aber ich sehe in Wowereits Entlassungsentscheidung einen unzulässigen Eingriff in die persönliche Freiheit Büges. Solange die Burschenschaft Gothia nicht durch Gerichte als verfassungsfeindliche Verbindung eingestuft wird, gibt es m.E. keine Handhabe, einen Bürger allein wegen seiner Mitgliedschaft in der Gothia aus politischen Ämtern zu entfernen. Darüber hinaus sollte die Frage erlaubt sein, ob Wowereit nicht bereits bei der Ernennung Büges über dessen Verbindung zur Gothia bescheid wusste.

    Sein,bei einem Verein der einen Mann wie "Dietrich Bonhoeffer

    als Landes Verraeter bezeichnet?

  2. Eine Anfrage per E-Post – auch sie haben ein libidinöses Verhältnis zur deutschen Sprache

    Das ist natürlich schlimm, wenn jemand nicht die Sprache durch Anglizismen verhunzen möchte.

    Auch ansonsten: Tendenzös und manipulativ geschrieben. Objektiver (guter) Journalismus liest sich anders.

    29 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • iWitz
    • 29. Juni 2013 12:41 Uhr

    Die Verwendung des Begriffes "E-Mail" ist für Sie also eine "Verhunzung", weil sie aus dem Englischen kommt, der Begriff "Manipulation" dagegen ist akzeptabel, weil er lateinischen Ursprungs ist? Von der permanenten gegenseitigen Beeinflussung von Sprachen haben Sie noch nie etwas gehört? Und wie sehr Sie offenbar Ihre deutsche Sprache vor "Verhunzung" schützen, ist Ihrem Nickname - Entschuldigung: Spitznamen - "KateWalker" konsequent zu entnehmen.

    Sie behaupten, der Artikel sei "tendenziös und manipulativ" (schon wieder eine Sprachverhunzung). Können Sie auch einen Beleg für Ihre Behauptung liefern?

    Warum ist das "e" von "e-mail" eigentlich deutscher als "mail"?

    Ich kann sehr gut nachvollziehen wenn Angehörige einer anderen Generation diese ganzen Anglizismen, auch rudimentärer Art, ablehnen. Ich bin 86 geboren und finde ich selbst häufig "too much" (ja, das habe ich mit Absicht so formuliert). Man könnte nun sogar darüber diskutieren dass Email die Sache verharmlost, es ist eben tatsächlich elektronische Post und eigentlich gehört dieses Kommunikationsmedium ernster genommen und der klassischen Papierpost gleichgestellt. Hier messen Öffentlichkeit und Staat aber mit zweierlei Maß. Man stelle sich mal vor, jemand hätte vorgeschlagen systematisch von jedem Bürger und jedem Unternehmen aufzuzeichnen wer wann welchen Brief an wen verschickt, das ganze zentral über 6 Monate gespeichert. Wir hätten ernsthafte Debatten über den Untergang der freiheitlich-demokratischen Grundordnung geführt - zu Recht. Beim Thema "Vorratsdatenspeicherung", wo es um nichts anderes geht, war es eher ein Thema für Computerfreaks und Bürgerrechtler, nichts für die "Massen". Die Email ist eben kein Spielzeug mehr sondern ebenso sensibles Kommunikationsmittel wie die Briefpost, und sicherlich auch keine Postkarte. Auch wenn sie nicht extra verschlüsselt ist, ein Papierkurvert kann auch jeder Unbefugte auf dem Transportweg leicht aufreißen, sogar unbemerkt, die Stasi hat es vorgemacht. Trotzdem ist das bei uns eine Straftat, zurecht. Emails hingegen mitzulesen, also den elektronischen Umschlag zu öffnen obwohl man nicht der Empfänger ist, wird bagatellisiert.

    Naja.. Konservative\Traditionalisten.. hat es immer gegeben, wird es immer geben. Dass da auch hier und da Rechte rumspringen ist nicht weiter verwunderlich. Ich persönlich finde ja die Rituale und Uniformen etc. lächerlich und von Gestern, aber es gibt eigentlich keine Gesetze die es einem Staatssekretär verbieten sich in seiner Freizeit lächerlich zu machen. Warum er da wählen musste, versteh ich nicht... Ich hätte auch so gehandelt.. aus Prinzip, nicht weil die Burschenschaft mir so wichtig wäre.

    Dass dort dennoch merkwürdiges Gedankengut gepflegt (SPD- ganz, ganz links.. selten so gelacht... gibt schon einen Hinweis auf das Wertesystem...) finde ich allerdings bedenklich.. aber eben nicht illegal.

    "Auch ansonsten: Tendenzös und manipulativ geschrieben. Objektiver (guter) Journalismus liest sich anders."

    Dann haben Sie aber auch nur gelesen, was Sie lesen wollten um ihre eigenen Vorurteile zu befriedigen - oder gleich gar nicht, weil man ja eh schon weiß was drin steht, Hauptsache aber man gibt seinen Senf dazu.

    Der sehr lange Artikel teilt Burschenschaften sehr schön in "solche und solche".
    Er geht auf die Motivationen der Studenten ein, die auch alles andere als einheitlich sind.

    'Tendenziös und maipulativ' geht anders.

  3. Auch mit dem Risiko, dass man mir ein libidinöses Verhältnis zur deutschen Sprache diagnostiziert:
    Zwischen "Schwarzweiß" und "Fotos" hat sich ein sehr populäres Deppenleerzeichen eingeschlichen. Sollte in einer guten Zeitung seltener der Fall sein, als es ist.

    9 Leserempfehlungen
  4. ..die erzwungene Entscheidung des Herrn Büge.

    Schön, dass es in Deutschland noch Landesregierungen gibt, die ihre zwielichten Mitarbeiter aus dem Amt zwingen!

    Feiern Sie ruhig Ihren Märtyrer.

    46 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich unterstütze..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Moika
    • 29. Juni 2013 14:59 Uhr

    Büge ein Märtyrer und zwielichtig - das ist doch einfach Unsinn!

    Ich halte Büge für einen Mann, der einfach sich selbst und seinen Prinzipien treu geblieben ist. Abgesehen davon ist das Ultimatum Wowereits schon eine Unverschämtheit an sich. Büges Verbindung ist keine kriminelle Vereinigung und bietet von daher schon keine Ansatzmöglichkeit, Wowereits Verlangen zu manifestieren.

    Die Schäden, die Wowereit alleine in seiner Amtszeit angerichtet und zu verantworten hat - nicht nur BER, können zwanzig Büges nicht leisten. Wenn der regierende Bürgermeister selbst ein Mann der Prinzipien wäre, hätte er längst zurücktreten müssen. Aber vielleicht lautet sein Prinzip ja auch: Egal, was man mir vorwirft, egal, was ich angerichtet habe, ich wanke und weiche nicht. Um die Behebung der Schäden können sich schließlich andere kümmern. Kurzum: Ein Chef vom Feinsten.

  5. dass hier richtig Hetze gegen Burschenschaften betrieben wird. Warum ist das wohl so?

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die Gesellschaft, Parteien und Medien, sind insgesamt nach links gerückt -

    was vor 20 Jahren noch als konservativ wahrgenommen wurde, gilt nun als rechtsextrem und wird diskreditiert

    ob dieser Trend unsere Gesellschaft langfristig weiterbringt, darf bezweifelt werden

    hat nichts mit Hetze zu tun.

    Jaaa die Gesellschaft ist nach links gerückt, ganz genau !

    Die Stimme der Frau zählt nun etwas und es nicht mehr nur noch Objekte und Hausfrauen. Das ist total links.

    Und das die viele Mitglieder durch Fetternwirtschaft hohe Tiere in Wirtschaft, Politik und Justiz werden und man das auch mal kritisch hinterfragen kann ist totaaal links.

    Inwiefern sind wir denn nach links gerückt würd ich mal gern wissen?

  6. Wie heißt lt. Wikipedia die Bundeshymne der Burschenschaft Jenensia zu Jena ?

    Soviel zu rechtsradikalen Liedgut und vorurteilsfreien "Qualtitätjournalismus".

    Man muss nicht alles gut finden finden was Burschenschaften machen,
    Aber solange sie sich nachweislich an das Grundgesetz halten sollte man sie in der Politik und Medienwelt nicht vorverurteilen und in eine bestimmte Schublade stecken.

    35 Leserempfehlungen
    • Panic
    • 29. Juni 2013 12:38 Uhr

    "Schön, dass es in Deutschland noch Männer gibt, die mit dem Wort Ehre etwas anfangen können!"

    Wenn ich sowas lese, dann bin ich, um Ihren Forumnamen mal zu zitieren, auch besorgt. Und das mit dem Hintergrund des rechtsradikalen Gedankenguts. Sitzt es sich bequem in den Nesseln?

    Salut

    33 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich unterstütze..."
    • Gerd R
    • 29. Juni 2013 12:39 Uhr
    8. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service