Lewis Tshabalala hat bereits Geburtstag gefeiert. "Ich fühle mich wie ein junger Mann", sagt der 78-Jährige, als ihm Schauspieler Lehasa Moloi aus der populären Fernsehserie "Rockville" mit scharfer Klinge zunächst das ergraute Barthaar und dann auch noch die buschigen Augenbrauen stutzt. "Meinen Bart hat mir noch keiner geschnitten – und jetzt tut es gleich eine solche Berühmtheit." Der alte Mann stammt aus dem Township Soweto, am vergangenen Wochenende hatten die Pensionäre aus dem Altenheim Itlhokomeleng mit den Schauspielern ihren Spaß, die für die alten Leute grillten und ihnen sogar eine Maniküre verpassten.

Die Aktion in dem Johannesburger Township ist nur eine von hunderten Veranstaltungen, mit denen Südafrika in dieser Woche seinen Volkshelden Nelson Mandela zu seinem 95. Geburtstag ehrt. Im ganzen Land werden einfache und prominente Bürger vor allem am Donnerstag mindestens 67 Minuten ihrer Zeit für das Gemeinwohl zur Verfügung stellen – zur Erinnerung an die 67 Jahre, die Nelson Mandela selbst seit dem Eintritt in die Politik im Jahre 1942 in den Dienst der Gesellschaft gestellt hat. "Unser Ziel ist es, Mandelas Vermächtnis zu ehren und wie er Gutes zu tun, um damit das Leben anderer Menschen zu berühren", sagt Zelda la Grange, die jahrelang für Südafrikas großen Versöhner als persönliche Assistentin arbeitete.

Gerade weil Mandela wie kein anderer die Einheit des Landes nach der Apartheid symbolisiert, empfinden es viele Südafrikaner als angenehme Pflicht, sich an den Aktionen zu beteiligen, und in den Schulen beim Malern oder den Suppenküchen beim Kochen zu helfen. Doch Südafrika geht dem nationalen Feiertag mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn Nelson Mandela ringt seit sechs Wochen mit dem Tod.

Zu Tausenden sind sie in den letzten sechs Wochen hierher gepilgert, vor den Krankenhauseingang in Pretoria. Schulklassen, Kirchenchöre, Fußballvereine, aber auch politische Opponenten singen und beten für den großen Versöhner – oder nehmen einfach nur still Abschied von ihm. Dutzende harren Tag und Nacht aus, direkt vor dem hohen Eisenzaun, um, wie etwa eine Gesangsgruppe aus Kanada, dem Volkshelden ein vorzeitiges Geburtstagsständchen zu bringen. Auf einer Strecke von etwa 20 Metern schmücken Sträuße aus Proteen, der südafrikanischen Nationalblume, bunte Kindermalereien, Pappherzen und andere Basteleien den scharf bewachten Klinikzaun. "Wir lieben dich, Tata (Vater)", steht auf vielen der Plakate. Bereits am Sonnabend, dem letzten Tag der südafrikanischen Winterferien, hatte eine Schulklasse aus dem Township Shoshanguve hier 95 bunte Luftballons in den wolkenlosen Himmel über der Landeshauptstadt steigen lassen, um Mandela für die von ihm gelebte Versöhnung zu danken. "Für mich bleibt er der Mann, der wie kein anderer für unsere Freiheit gekämpft hat", sagt Karabo Mongatane. Doch nicht nur für Südafrika, sondern für den Kontinent, ja, die ganze Welt habe er mit seinem Eintreten für Frieden und Versöhnung Großes geleistet, sagt der Politikstudent, der auch morgen am eigentlichen Geburtstag des großen Mannes wiederkommen will.

Mandelas Weggefährten sprechen schon lange von Abschied. Wie beispielsweise George Bizos. Er hatte Mandela 1948 das erste Mal beim Jurastudium in Johannesburg getroffen und ihn 15 Jahre später im Hochverratsprozess verteidigt. Als einer von ganz wenigen durfte er Mandela auf der Sträflingsinsel Robben Island und danach auch auf dem Festland regelmäßig besuchen. Doch Bizos will Mandela jetzt nicht mehr besuchen. "Was kann ich denn noch tun? Ihn ein letztes Mal anschauen und versuchen, mit aller Kraft meine Tränen zurückzuhalten? Nein, das möchte ich nicht."

Das Privatkrankenhaus liegt nur knapp einen Kilometer vom Regierungssitz entfernt, vor dem Nelson Mandela vor fast 20 Jahren zum ersten schwarzen Präsidenten des früheren Apartheidstaates vereidigt worden war. Und wenn es das Schicksal so will, wird er dort auch seinen Geburtstag verbringen, angeschlossen an eine Herz-Lungenmaschine, die ihm beim Atmen hilft.

Sein Gesundheitszustand schwankt zwischen "ernst", "kritisch" "sehr kritisch" und "kritisch, aber stabil". Zuletzt soll er sich "leicht gebessert" haben. "Er ist sicherlich ein sehr kranker Mann" sagt Denis Goldberg, ein anderer alter Mitstreiter, der Mandela vor zwei Wochen für eine knappe halbe Stunde besuchte. "Es ging ihm jedoch weit besser als ich es mir nach all den Berichten vorgestellt habe", sagte Goldberg anschließend. Zwar habe Mandela wegen eines Schlauches in Mund und Nase nicht sprechen können, doch habe er auf seine Worte und alte Anekdoten erkennbar reagiert. "Ich finde die vielen uninformierten Spekulationen einfach unerträglich", sagte Goldberg. Einem Besuch hatte er nur unter der Bedingung zugestimmt, dass er anschließend auch offen über Mandelas Zustand sprechen dürfe. "Wir können im ANC nicht ständig Transparenz predigen und dann permanent Geheimniskrämerei betreiben", sagte Goldberg.