Zschäpe-AnwältinAntifaschismus, falsch verstanden

Die Zschäpe-Anwältin Sturm verlässt Berlin, weil sie angefeindet wurde. Die Angriffe auf sie zeugen von einem verengten Blick auf den Rechtsstaat, kommentiert F. Jansen.

Links zu sein oder zumindest linksliberal, ist in Berlin weithin selbstverständlich. Also tritt auch der Antifaschismus massiver auf als im Rest der Republik. Und das ist nicht immer gut so.  Die Anwältin Anja Sturm, die im NSU-Prozess Beate Zschäpe verteidigt, bekam es zu spüren: Sturm ist in ihrer Kanzlei und bei den linken Mitgliedern der Vereinigung Berliner Strafverteidiger unter Druck geraten – nun kehrt sie Sozietät und Stadt den Rücken.

Dass Sturm mit Neonazis sympathisiere, behauptet zwar niemand. Es wäre auch grotesk. Die vermeintliche Sünde der Anja Sturm ist die Übernahme des Zschäpe-Mandats an sich. Dass manche Strafverteidiger für sich ein solches "Killermandat" ablehnen, ist legitim. Es aber einer Kollegin vorzuwerfen, zumal einer dezidiert liberalen, zeugt von einem verengten Blick auf den Rechtsstaat.

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Da wird der Grundsatz ignoriert, dass jedem Angeklagten, mag die Tat noch so grässlich sein, eine engagierte Verteidigung zusteht. Was also macht Anja Sturm falsch? Sollten etwa nur rechtsextreme Anwälte Rechtsextremisten verteidigen? Dass sich Sturm veranlasst sieht, die Stadt zu verlassen, ist ein Lehrstück über falsch verstandenen Antifaschismus in Berlin.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. dann einen Mörder oder Kinderschänder verteidigen?
    Der Verteidiger ist wohl nur dazu da die Ordnung der Gerichtsverhandlung einzuhalten.

    9 Leserempfehlungen
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    • ramzes
    • 27. Juli 2013 20:42 Uhr

    Aber man sollte bedenken, dass Fr. Zschäpe moralisch mindestens so viel vorzuwerfen ist wie einem Mörder oder Kinderschänder...

    Im Jahre 68 nach dem Dritten Reich scheint das Wissen, was ein Rechtsstaat ist (den hier zu lesenden Kommentaren zufolge), noch sehr unterentwickelt zu sein.

    Jeder und jede Angeklage hat das Recht auf einen Verteidiger oder eine Verteidigerin! Auch wenn es um so grässliche Dinge wie Mord,
    Vergewaltigung, Schändung, Kriegsverbrechen geht. Und die Verteidigung hat sich voll für den Mandanten einzusetzen, persönliche Meinung hin oder her.

    Das sollte doch im Jahre 2013 staatskundliches Allgemeingut geworden sein. Oder hat da jemand versagt?

    • fx66
    • 27. Juli 2013 21:44 Uhr

    Sie sollten bedenken, dass der Slogan "Todesstrafe für Kinderschänder" v.a. aus der rechtsextremen Ecke kommt. Also brauchen wir kein Gerichtsverfahren und Ihr politischer Standpunkt wäre dann ebenso geklärt?

    Ansonsten weiß ich nicht, was Sie mit diesen Beispielen zeigen wollen..!? Alles in allem ein nichtssagender Kommentar.

    Ein Mörder oder Kinderschänder ist man in einem Rechtsstaat erst NACH dem Urteil, nicht davor!

    • Otto2
    • 28. Juli 2013 20:55 Uhr

    Ich war einmal mit kleinen Kindern im Theater, wo ein bekanntes Märchen von Schauspielern aufgeführt wurde. Nach dem Ende wurde die Schauspielerin, die die böse Hexe gespielt hatte, wütent beschimpft und ausgeschrien.

  2. F. Jansen, vielen Dank, ausgezeichneter Kommentar.

    Kurz, Sachlich, Objektiv und Realitätsnah.

    Die Antifa und manche Linksliberale schießen vor Verblendung tatsächlich weit über das Ziel hinaus. Dabei sind sie selbst faschistisch und absolut intolerant ohne es überhaupt zu merken. Diese ganze sinnlose "Schwaben- und Touristen- Diskussion" in Berlin ist dafür das beste Beispiel.

    38 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jp

    • ramzes
    • 27. Juli 2013 20:42 Uhr

    Aber man sollte bedenken, dass Fr. Zschäpe moralisch mindestens so viel vorzuwerfen ist wie einem Mörder oder Kinderschänder...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wer darf"
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jp

    • bvdl
    • 27. Juli 2013 21:10 Uhr

    ...sie macht vor aller Öffentlichkeit Witzchen mit der Angeklagten, sie freut sich auf manchen öffentlich zugänglichen Bildern geradezu in der Konversation mit Frau Zschäpe, sie erzählt ihr von ihren Familienverhältnissen um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Und das ist eben das, was man ablehnen muss. Verteidigen ja, sich "gemein machen": nein!

    18 Leserempfehlungen
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    Das ist eine schwere Beschuldigung, für die Sie keinen Beweis haben. Und damit ist es eine schwere Beleidigung.

    Das ist sie aber noch nicht.
    Wie stellen Sie sich denn eine/n Verteidiger/in der Dame vor? Wie soll er auftreten?
    Jedes Gesprächsangebot der Angeklagten mit einem tadelnden Blick stumm abweisen? Sie stets aufs Neue darauf hinweisen, wie moralisch verwerflich sie dochg sei? Womöglich gar noch wie im Stalinismus mit der Anklage kooperieren?

    Es ist tatsächlich nicht zu fassen. Natürlich muss eine Verteidigerin mit ihrer Mandantin wie mit einem normalen, keiner Tat schuldigen Person umgehen!

    • hakeen
    • 27. Juli 2013 21:22 Uhr

    Wenn es um Rechtstaat geht, ja alle haben den Grundrecht vor einem Gericht verteidigt zu werden.
    Aber es sollte "professionell" sein. Witze mit Angeklagte zu machen usw passt nicht zu diesem Bild. Wen dagegen was sagt, möchte ich nur fragen:

    Sie gehen zum einen Rathaus Tod ihres Geliebtes/Eltern usw melden lassen. Und die Behörde an der Stelle macht Witze vor viele andere Leute über ein relevante/irrelevante Thema. Wie würden Sie fühlen als Gegenseitige?

    Was erwarten Sie denn? Dass ein Verteidiger dem eigenen Mandanten mit Verachtung gegenüber tritt, gar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus geht? Rechtsanwälte müssen die eigene Meinung daheim lassen, ansonsten kann man dem Mandanten nie gerecht werden und im Übrigen diesen Job auch nicht machen (persönlich kann man über einen großen Teil der Verfahren die vor Gerichten ausgetragen werden "kontroverser" Meinung sein, bis hin zu jahrelangen Streitereien unter Nachbarn um Lapalien, aber jeder hat nun einmal das gute Recht..).

    Bevor ich mich entschieden habe Jurist zu werden war u.a. das ein Beweggrund für mich, der Respekt vor diesem Prinzip der "blinden Justiz" die jeden Bürger ohne Anschauung seiner Person fair beurteilt (nicht verurteilt). Es ist manchmal fast übermenschlich, für Verteidiger, sich professionell zu verhalten und für einen Mandanten alles rauszuholen was möglich ist, bei den leider üblichen Verbrechen die Menschen sich so gegenseitig antun. Dem gebührt Respekt, nicht Tadel. Die Angeklagte und mutmaßliche Täterin ist Frau Z., nicht Ihr Reichtsbeistand.

    • fx66
    • 27. Juli 2013 22:05 Uhr

    > Und das ist eben das, was man ablehnen muss. Verteidigen ja, sich "gemein
    > machen": nein!

    Ist das Ihre Meinung, die Sie hiermit zur Objektivität und absoluten Wahrheit erklären? Eine Verteidigerin muss(!) ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Und wie sie das macht, kann Ihnen und mir völlig egal sein.

    Anm.: Der Vorkommentar #21 galt übrigens Ihnen (nicht Sven Gabelbart). Mein Fehler.

    "sie macht vor aller Öffentlichkeit Witzchen mit der Angeklagten," " sie erzählt ihr von ihren Familienverhältnissen um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen."
    Da kann einem eine Menge zu einfallen. Z.b., dass über 200 Verhandlungstage angesetzt sind und man irgendwie miteinander umgehen muss. Oder dass es durchaus im Sinne der anderen Prozessteilnehmer ist, wenn ein solches Vertrauensverhältnis besteht, das für eine vernünftige Prozessführung sorgt oder gar dafür, dass die Angeklagte irgendwann mal redet. Oder dass ein menschenwürdiger Umgang miteinander doch das ist, worum es in dem Prozess geht - und dass das immer ganz schlecht ist, wenn man jemandem den unwürdigen Umgang vorhalten will, ihn aber selbst gerne an den Tag legt.

    "sie freut sich auf manchen öffentlich zugänglichen Bildern geradezu in der Konversation mit Frau Zschäpe," Das genau wissen Sie woher? Wissen - nicht glauben, nicht Boulevard!

    Wenn man ein "entspanntes Verhältnis" zu seiner Mandantschaft aufrecht erhält, kann das nur im Sinne des Verfahrens und auch im Sinne der "Opfer" sein, denn eine längeren Prozess als nötig kann keiner wollen.

    Ein "steriles Verhalten" dürfte eher kontraproduktiv sein, denn der / die Mandant/in könnte irgendwann zu der Meinung gelangen, dass man sie nicht ausreichend verteidigt.

    In Deutschland hat man eben die "einteilige Anwaltschaft", wenn sie fast keinen persönlichen Kontakt zwischen Anwalt und Angeklagtem fordern, dann müssen sie zum Beispiel das britische System Einführen.
    Da gibt es Barrister /Solicitor und der Barrister plädiert dann nur vor dem High Court bzw. Crown Court.

    vor allem dann nicht, wenn es die hinrichtung im saale erwartet.
    von daher dürfen auch Sie rumkritteln...
    eine professionelle anwältin wird sich davon nicht beeindrucken und bedrücken lassen.

    • dacapo
    • 28. Juli 2013 9:27 Uhr

    ........ Ihnen klar sein, was Sie falsch machen. Aber das geht Ihnen offensichtlich nicht ab.

    Dieses Motto, von Ihnen, wenden Sie bitte als allererstes auf sich selber an: Sie machen sich gemein mit Ihren Empfindungen beim Bilderbetrachten, ohne zu wissen, was in der Situation geschah, und posaunen das als Tatsache heraus. - RAin Anja Sturm muß ein Vertrauensverhältnis zur von ihr vertretenen Angeklagten Beate Zschäpe aufbauen; vielleicht öffnet sich BZ dann doch noch, um selbst auszusagen. Wäre Ihnen das unangenehm? -

    [...] Bis zur Urteilsverkündung gilt erst einmal die Unschuldsvermutung,
    denn die Vorwürfe müssen erst einmal bewiesen werden,Ferner sollten
    Sie schon mal davon ausgehen das von den ganzen Vorwürfen nicht viel
    übrig bleib,u.diese Frau womöglich nur noch wegen Brandstiftung verurteilt
    wird u. bei Anrechnung der U-Haft nach der Verhandlung auf "freien Fuß"
    kommt. Wir leben ja in einem Rechtsstaat in dem es keine SIPPENHAFTUNG
    gibt.

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. 5. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf relativierende Aussagen. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
  4. 6. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "Sie haben Recht"
  5. der Verteidigt wird. Auch muss es egal sein, wer den Menschen als Anwalt verteidigt. Alles emotional personenbezogene, welches nichts mit der Tat zu tun hat, gehört da einfach nicht rein!
    Es muss nur bewertet werden, um was es sich handelt und danach entschieden. Komplett versachlicht also! In Zukunft werden Algorithmen (bzw. Entscheidungs-Automaten) die Sache übernehmen.

    Eine Leserempfehlung
  6. Das ist eine schwere Beschuldigung, für die Sie keinen Beweis haben. Und damit ist es eine schwere Beleidigung.

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  • Schlagworte Anja Sturm | Beate Zschäpe | Rechtsstaat | Republik | Stadt | Tagesspiegel
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