Links zu sein oder zumindest linksliberal, ist in Berlin weithin selbstverständlich. Also tritt auch der Antifaschismus massiver auf als im Rest der Republik. Und das ist nicht immer gut so.  Die Anwältin Anja Sturm, die im NSU-Prozess Beate Zschäpe verteidigt, bekam es zu spüren: Sturm ist in ihrer Kanzlei und bei den linken Mitgliedern der Vereinigung Berliner Strafverteidiger unter Druck geraten – nun kehrt sie Sozietät und Stadt den Rücken.

Dass Sturm mit Neonazis sympathisiere, behauptet zwar niemand. Es wäre auch grotesk. Die vermeintliche Sünde der Anja Sturm ist die Übernahme des Zschäpe-Mandats an sich. Dass manche Strafverteidiger für sich ein solches "Killermandat" ablehnen, ist legitim. Es aber einer Kollegin vorzuwerfen, zumal einer dezidiert liberalen, zeugt von einem verengten Blick auf den Rechtsstaat.

Da wird der Grundsatz ignoriert, dass jedem Angeklagten, mag die Tat noch so grässlich sein, eine engagierte Verteidigung zusteht. Was also macht Anja Sturm falsch? Sollten etwa nur rechtsextreme Anwälte Rechtsextremisten verteidigen? Dass sich Sturm veranlasst sieht, die Stadt zu verlassen, ist ein Lehrstück über falsch verstandenen Antifaschismus in Berlin.

Erschienen im Tagesspiegel