Die ägyptische Übergangsregierung hat die gewaltsame Räumung der Protestlager von Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi gerechtfertigt und den Einsatz der Polizei gelobt. "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Dinge einen Punkt erreicht haben, den kein sich selbst achtender Staat akzeptieren darf", sagte Ministerpräsident Hasem el-Beblawi in einer Fernsehansprache. Die Regierung habe keine andere Wahl gehabt, um eine Ausbreitung von Anarchie zu verhindern. Er dankte der Polizei für ihr "zurückhaltendes Vorgehen" in Kairo

Bei Kämpfen rund um die Räumung der Protestcamps in Kairo starben landesweit 278 Menschen, darunter 43 Sicherheitskräfte. Zudem gab es rund 2.000 Verletzte. Die Muslimbrüder, zu denen der Anfang Juli gestürzte Präsident Mursi gehört, gingen von deutlich mehr Todesopfern aus. Die Übergangsregierung rief für einen Monat den Notstand aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre. Diese brachte etwas Ruhe in die angespannte Situation.

Aus Protest gegen das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte reichte Vizepräsident Mohamed ElBaradei seinen Rücktritt ein. In einem Brief an Übergangspräsident Adli Mansour schrieb der Friedensnobelpreisträger, es habe gewaltlose Alternativen gegeben, um die politische Krise im Land zu beenden. "Es ist für mich schwierig geworden, weiter die Verantwortung für Entscheidungen zu treffen, mit denen ich nicht übereinstimme, und deren Auswirkungen mir Angst machen", hieß es in dem Schreiben ElBaradeis. "Ich kann nicht die Verantwortung für einen einzigen Tropfen Blut übernehmen."

Auch westliche Politiker zeigten sich entsetzt über die Gewalt. "Das Blutvergießen muss beendet werden, und zwar durch Gespräche und Verhandlungen", sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bei einem Besuch in Tunesien. "Das ist eine Eskalation der Gewalt, die vermeidbar war", sagte er im ARD-Fernsehen. "Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben auch für unser Verhältnis zu Ägypten." Den Rücktritt ElBaradeis nannte er eine "Schwächung des politischen Prozesses" in Ägypten. Westerwelle hatte erst vor zwei Wochen mit Vertretern der Übergangsregierung und der Muslimbrüder gesprochen. Er appellierte erneut an alle Deutschen in dem Land, die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts im Internet zu beachten. Im Auswärtigen Amt trat der Krisenstab zusammen.  

Kritik an der Gewalt kam auch von der Europäischen Union und den USA. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte, alle Seiten müssten an der Wiederherstellung demokratischer Strukturen durch Wahlen arbeiten und die friedliche Teilnahme aller politischen Kräfte zulassen. US-Außenminister John Kerry sagte, der Notstand müsse so schnell wie möglich aufgehoben werden. Der einzige Ausweg sei eine politische Lösung. "Die heutigen Ereignisse sind beklagenswert und laufen dem ägyptischen Streben nach Frieden, Zusammenhalt und echter Demokratie zuwider", sagte Kerry.  

Die Polizei hatte am Mittwoch bei der Räumung der beiden Protestlager von Mursi-Anhängern zunächst Tränengas eingesetzt. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen. Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Daraufhin rief Übergangspräsident Adli Mansour den Notstand aus, der Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung ermöglicht. In Kairo und mehreren anderen Provinzen durfte von 21 Uhr bis 6 Uhr kein Mensch die Straße betreten.