Schizophrenie : Gefährlicher Wahn

Der Fall Mollath schürt die Angst, zu Unrecht für krank erklärt zu werden. Dabei wird vergessen, dass psychisch Kranke auch Täter sein können. Ein Kommentar

Der Fall des jetzt aus der Psychiatrie freigekommenen Gustl Mollath erregt die Gemüter. Besonders heftig diskutiert wird dabei die Frage, wie stichhaltig psychiatrische Gutachten sind. Noch in den 1990er Jahren stand die forensische (gerichtliche) Psychiatrie wegen zu laxen Umgangs mit psychisch kranken Rechtsbrechern in der Kritik, was zu gesetzlichen Verschärfungen führte – und dazu beitrug, dass in der forensischen Psychiatrie, dem Maßregelvollzug, die Zahl der Behandlungsplätze auf rund 10.000 verdoppelt wurde.

Jetzt schwingt das Pendel offenbar in die andere Richtung. Den Gutachtern wird nun unterstellt, Menschen zu Unrecht zu psychiatrisieren. Mollaths Schicksal wirft ein zweifelhaftes Licht auf den Paragrafen 63 des Strafgesetzbuches, der bei Schuldunfähigkeit eine zeitlich nicht befristete Unterbringung vorsieht (in der Praxis sind es im Durchschnitt sieben bis acht Jahre).

Manchem gilt der "Mollath-Paragraf" als "dunkler Ort", der dringend aufgehellt, also gelockert werden muss. Auch aus dem Bundesjustizministerium dringen Reformvorschläge. So soll die Unterbringung im Maßregelvollzug öfter überprüft und zeitlich begrenzt werden.

Aber selbst wenn man einen Paragrafen ändert, in die eine oder andere Richtung – das Problem, dass psychisch Gestörte Straftaten begehen können, schafft man damit nicht aus der Welt. Bis zu zehn Prozent aller Tötungsdelikte werden von psychisch Kranken begangen. Häufig sind es Taten, die bizarr anmuten oder sich scheinbar aus heiterem Himmel ereigneten. So wurde in einem Berliner Supermarkt im Mai 2013 ein Mann völlig ohne Anlass von einem offenkundig geistig Verwirrten erstochen. Und im Juni 2012 brachte in Berlin-Kreuzberg ein mutmaßlich psychisch Kranker seine Frau vermutlich in wahnhafter Verkennung der Realität um und zerstückelte sie.

Aus Angst und Panik kann Gewalt werden

Oft ist die Ursache einer solchen Tat ein mit Verfolgungswahn einhergehendes seelisches Leiden, eine schizophrene Psychose. Die Täter haben den Kontakt zur Realität verloren, werden von Wahnvorstellungen bestimmt oder haben Halluzinationen. Nicht selten hören sie Stimmen, die ihnen das Handeln befehlen. Sie begehen Straftaten, weil sie sich bedroht fühlen, gewissermaßen als Gegen- oder Notwehr. Das moralisch Böse ihres Tuns ist ihnen häufig nicht klar, mehr noch: Im Kampf gegen eine vermeintliche Weltverschwörung gegen Teufel und Dämonen sind sie die Guten, die zum Handeln gewissermaßen gezwungen werden. Den Kranken ist meist nicht bewusst, wie seltsam ihre Gedankengänge sind, und sie kommen nicht auf die Idee, sich in Behandlung zu begeben.

Seltener kommt es vor, dass Taten sorgfältig geplant werden. Etwa weil die Person sich in ihrem Wahn gleichsam eingerichtet und eingesponnen hat. Mit dem populären Gebrauch des Wortes "schizophren" im Sinne von "zwiespältig" oder "widersinnig" hat die Krankheit nichts zu tun. Die Schizophrenie bedroht die ganze Persönlichkeit und spaltet sie nicht etwa in mehrere auf, à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Patientenrechtsorganisationen, Therapeuten und Ärzte betonen, wie wichtig es ist, psychisch Kranke nicht zu stigmatisieren und etwa als "gefährliche Irre" abzustempeln. Natürlich sind solche Klischees abzulehnen. Nur eine kleine Minderheit unter den Schizophrenen begeht Tötungsdelikte, ein pauschales Misstrauen ist ungerechtfertigt und inhuman. Allerdings ist es eine traurige Tatsache, dass diese Minderheit besonders häufig an schweren Gewalttaten beteiligt ist. Besser als eine allgemeine Verurteilung – oder auf der anderen Seite ein Ignorieren potenzieller Gefährlichkeit – ist die Suche nach Gründen für die Gewalt und nach Wegen, sie zu verhüten. Neben anderen Risikofaktoren sind es in erster Linie Drogen- und Alkoholmissbrauch, die einer Straftat den Weg ebnen.

Wer dem Drogenkonsum vorbeugt, senkt also auch das Gewaltrisiko, das von gefährdeten psychisch Kranken ausgehen kann. Zugleich gilt, dass die Behandlung der Psychose helfen kann, mit dem Wahn auch die Gefahr von Straftaten zurückzudrängen. Mit den Dämonen weicht die Gewalt – wenn alles gutgeht. Eine Reform des Maßregelvollzugs sollte daher die Therapie stärken – auch im Interesse der Gesellschaft.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Richtig !!

Zitat: "für ein eigenes, im weiten Teilen irrationales Sicherheitsgefühl!".

Wohin das führt, sieht man in den USA und ich bin wieder einmal mehr desillusioniert, was für einen und diesmal auch noch gefährlichen M... man hier bei ZON als Autor ablassen kann.

Jeder Post hier wird gegen gelesen, aber solch einen unsachlichen und in weiten Teilen durch persönliche Meinung statt Recherche gestützen Artikel kann der Autor veröffentlichen.

Sie haben Recht

Kritik an diesem Experiment ist angebracht. Dies halte ich durchaus für gerechtfertigt. In Folge dieses Experimentes wurde ja auch die Diagnostik verbessert.

Das Experiment zeigt aber auch auf, dass man einmal abgestempelt nicht mehr ohne weiteres aus dieser Rolle heraus kommen kann:

"Da die Testpersonen während des Klinikaufenthalts aber keine Symptome mehr zeigten, wurden sie schließlich nach durchschnittlich 19 Tagen (in einem Fall sogar 52 Tagen) entlassen, allerdings nicht als geheilt, sondern als symptomfrei."

"Die anderen Patienten durchschauten dagegen die Täuschung relativ schnell und hielten die Testpersonen für Journalisten oder Professoren."

Symptomfreiheit

"Da die Testpersonen während des Klinikaufenthalts aber keine Symptome mehr zeigten, wurden sie schließlich nach durchschnittlich 19 Tagen (in einem Fall sogar 52 Tagen) entlassen, allerdings nicht als geheilt, sondern als symptomfrei."

Falsche Fakten führen führen fast zwangsläufig zu falschen Diagnosen. Das war wahrscheinlich auch im Fall Mollath so. Solange die falschen Grundlagen nicht als solche erkannt werden, ändert sich auch an der Diagnose nichts. Aufgrund einer zirkelschlüssigen Argumentation wurde bei Mollath aber nicht einmal die Symptomfreiheit erkannt.

Schon, aber...

"Falsche Fakten führen führen fast zwangsläufig zu falschen Diagnosen."

Dies ist zweifelsfrei, doch leider kann man nicht den Schluß ziehen, dass echte Fakten zu richtigen Diagnosen führt. Irren ist halt menschlich. Das Problem scheint mehr darin zu liegen, dass einmal gestellte Diagnosen nicht mehr in Zweifel gezogen wird. Selbst fehlende Symptome können die Diagnose nicht abändern. Ich finde dies einfach bizarr. Der Vergleich hinkt, aber wenn ich weder Fieber, Husten oder sonst was aufzeige, dann käme man doch auch nicht auf die Idee mir dennoch eine Grippe zu diagnostizieren. Soviel ich weiß hat Mollath sieben Jahre lang keine Symptome gezeigt.

hinkender Vergleich

"Der Vergleich hinkt, aber wenn ich weder Fieber, Husten oder sonst was aufzeige, dann käme man doch auch nicht auf die Idee mir dennoch eine Grippe zu diagnostizieren."

Der Vergleich hinkt in der Tat, da eine Grippe vollständig ausheilt. Bei einer in Schüben verlaufenden chronischen Erkrankung, wie der Schizophrenie sieht das anders aus. Obwohl man auch bei chronischen Erkrankungen nach länger bestehender Symptomfreiheit von einer de facto Heilung spricht.

Zirkelschlüsse

Das zirkelschlüssige Argument im Fall Mollath war seitens der Gutachter, dass Mollath konsequent Fakten leugnete, die die Gutachter als wahr voraussetzten. Bei aller Schlamperei und Verfahrensmängel ist dies ein objektives Problem Inder Begutachtung, das eigentlich nur dadurch gelöst werden kann, dass sich eine Diagnose nicht nur auf ein Merkmal stützen darf sondern auf mehrere voneinander unabhängige Merkmale. Dazu sind externe Gutachter notwendig, die die Möglichkeit zu einem frischen Blick auf die Dinge haben.