Krise in ÄgyptenMuslimbrüder wollen täglich demonstrieren

Die Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mursi denken nicht ans Einlenken. Trotz der vielen Toten wollen sie ihren Machtkampf mit der Regierung fortsetzen.

Anhänger des entmachteten ägyptischen Präsidenten Mursi bei Protesten in Kairo

Anhänger des entmachteten ägyptischen Präsidenten Mursi bei Protesten in Kairo  |  © Hassan Ammar/AP

Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Die islamistische Muslimbruderschaft rief zu weiteren Protesten gegen die Regierung und das Militär auf. Sie forderte die Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi auf, täglich zu demonstrieren. Erklärtes Ziel der Bruderschaft ist die Wiedereinsetzung des Anfang Juli vom Militär entmachteten Mursi. Damit könnten die Unruhen weiter andauern und das Land tiefer ins Chaos stürzen.

Nach dem Freitagsgebet hatten Zehntausende Ägypter trotz einer Ausgangssperre gegen die Absetzung Mursis protestiert. Dabei kam es zu Ausschreitungen und Schusswechseln zwischen bewaffneten Bürgerwehren und den Anhängern Mursis. Die Polizei setzte Tränengas ein. Nach offiziellen Angaben starben im ganzen Land mindestens 80 Menschen, etwa 300 wurden verletzt. Nach der gewaltsamen Räumung ihrer Protestlager, bei der am Mittwoch landesweit 638 Menschen starben und Tausende verletzt wurden, hatten die Mursi-Anhänger den Freitag zu einem "Tag des Zorns" erklärt.

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Der politische Arm der Muslimbrüder, die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, teilte mit, die Demonstrationen gegen die Absetzung Mursis durch das Militär gingen weiter, "gewaltfrei und ohne Vandalismus". Der Widerstand gegen die von der Armee eingesetzte Übergangsregierung sei eine "islamische, nationale und moralische" Pflicht. Der oberste geistliche Führer der Muslimbrüder, Mohammed Badia, warnte, die Armee wolle eine Diktatur errichten.  

Mursi-Anhänger verharren in belagerter Moschee

Einsatzkräfte und Zivilisten umstellten in der Nacht eine Moschee in Kairo. Dort hatten Anhänger der Muslimbruderschaft Zuflucht gesucht. Auch am Samstagvormittag widersetzen sie sich der Polizei, die sie aufforderte, die Moschee zu räumen. Nach stundenlangen Verhandlungen hätten zwar erste Mursi-Anhänger die Fateh-Moschee verlassen, es hielten sich aber noch etwa 700 Menschen im Inneren auf, sagten Augenzeugen dem Nachrichtensender Al-Jazeera. Sie hätten Angst vor den Einsatzkräften. 

In den Verhandlungen ging es unter anderem darum, ob die Demonstranten anschließend von der Polizei verhört werden sollen oder nicht. Eine Frau, die sich in der Moschee aufhielt, sagte der Nachrichtenagentur AFP am Telefon, die Menschen in dem Gotteshaus verlangten, dass sie nicht festgenommen und vor Angriffen von verfeindeten Gruppen geschützt würden, die vor der Moschee Stellung bezogen hatten.

Die Polizei hatte am Freitag 1.004 Unterstützer von Mursi festgenommen. In Kairo seien 558 Mitglieder der Muslimbruderschaft verhaftet worden, teilte das ägyptische Innenministerium mit.


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Leserkommentare
    • Rend
    • 17. August 2013 6:25 Uhr

    Wenn jeder jeden Tag auf die Straße geht? Einfach erschreckend, zu sehen wie dieses ehemals stabile Land die Rangleiter der desolatesten Staaten der Welt praktisch jede Woche immer weiter nach oben klettert.

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    Seit Mursis Sturz demonstrierten die Muslimbrüder, bildeten zwei Camps, beharrten stur auf ihren Forderungen und dominierten das Bild Ägyptens. Zwischenzeitlich kam es zu Konfrontationen mit den Sicherheitskräften, welche die Muslimbrüder medial geschickt zu ihrem Vorteil nutzten.

    Alle Vermittlungsversuche der EU, USA, der arabischen Länder und ägyptischer Religionsführer scheiterten. Niemand fand einen Zugang zu den Muslimbrüder, der sie zum Entgegenkommen bewegte. Stattdessen folgten sie dem Märtyrerversprechen, mit dem Mursi die letzten Tage im Amt ausharrte.

    Der Räumung der Camps am Mittwoch trotzten sie furchtlos. Donnerstag folgten die Ausschreitungen gegen den Staat und die koptische Minderheit. Am Freitag, dem Tag des Zorns, zeigten sie stolz ihre Waffen und glaubten, Polizeistationen stürmen zu können.

    Und Samstag sitzen 700 Anhänger der Muslimbrüder verängstigt in der Fateh-Moschee am Ramsesplatz und trauen sich nicht heraus!

    Die Führer der Muslimbrüder fordern zwar zu täglichen Demos auf, aber die ersten Anhänger wollen keine Märtyrer werden. Das sollte ihnen zu denken geben. Wenn sie keine Märtyrer haben, dann werden die Muslimbrüder zu einer normalen Partei!

    Die Moschee sollte eingekesselt bleiben, weil sie die Angst der Muslimbrüder zeigt. Deshalb sollte man sie mit Wasser und Nahrung versorgen, damit sie nicht sterben. Sie werden diejenigen, die verhandeln müssen!

  1. Eine demokratisch gewählte Regierung hat die Demokratie immer mehr beschnitten in dem sie u.a. die Scharia wieder einführte/einführen wollte.
    Der Präsident erweiterte seine Befugnisse, ging stramm auf die Position eines Diktators zu und nur weil er demokratisch gewählt war, darf er das ungestraft?
    Das ist Demokratie ad absurdum geführt.
    Demokratie kann in keinem Land funktionieren, indem das Volk, die Wähler nicht wissen, worauf sie sich einlassen. In Europa hat die Demokratisierung mit den Schlagworten LIBERTE, FRATERNITE, ÉGALITÉ ihren Anfang genommen und der Prozess als solcher dauert bis heute an und muss sich täglich neu beweisen. Nur durch Beschneidung der Privilegien von Kirche und Adel, dem
    Willen des Volkes, sich nicht fremd bestimmen zu lassen und der mehr oder weniger freiwilligen Kooperation der herrschenden Eliten konnte der lange Weg in Richtung Demokratie eingeschlagen werden.
    Trennung von Kirche und Staat, der einzig gangbare Weg! Wenn Badia vor einer Militärdiktatur warnt , so kann man andererseits vor einer Diktatur durch die Islamisten warnen und wo das hinführt, sieht man ja. Ein gebildetes Volk wird weder eine Militärdiktatur noch einen Gotteststaat dulden. Und genau das wird in Ägypten nicht gewollt.

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    • lxththf
    • 17. August 2013 10:44 Uhr

    Bereits vor der franz. Rev. gab es im hl.röm.R.dt.N. demokratische Mittel, wie z.B. Landtage, in denen verschiedenste Schichten vereint waren. Es ist historischer Nonsens, dass die Trennung von Staat und Kirche auch nur im Ansatz einen demokratisierenden Effekt hatte und wenn man es ganz genau betrachtet, waren die Früchte der franz. Revolution, die Sie hier historisch ins Feld führen, ein europäischer Krieg und die Stärkung des monarchischen Prinzips.
    Zu ihrer aktuellen Analyse: die Scharia wieder eingeführt. Im Ernst? Vielleicht belesen Sie sich erst zu diesem Thema ein wenig, bevor Sie solche populistischen Phrasen verbreiten. Die Scharia war auch unter Mubarak Quelle des Rechts und in der Verfassung verankert, so wie bei den meisten islamischen Staaten. Könnten Sie mir auf Anhieb definieren, was Scharia ist, oder kommt da nur "Hand abhacken"? So Sie wollen, wäre es schön, denn es würde mich interessieren, was Sie darunter verstehen.
    "Der Präsident erweiterte seine Befugnisse, ging stramm auf die Position eines Diktators " Tatsächlich hat Mursi temporär Dekrete erlassen, mit denen er in das Militär eingriff, und sich mit der Justiz anlegen konnte. Jetzt nun die Frage. Meinen Sie nicht, dass es dafür Hintergründe gab, wie z.B. die Blockadepolitik eines Verfassungsgerichts, in dem die alten Eliten ihren Platz hatten? Ein Verfassungsgericht in Ägypten hat eine andere Stellung, als z.B. das deutsche. Das sollten sie sich vor Augen halten. Zuletzt könnte man nun noch lang

  2. Die Zeitredaktion sollte über alle Unruhen im Irak, Syrien, Lybien, Tunesien und Türkei berichten und mit Interviews von Regierenden, Oppositionellen und Bürgern ein besseres Bild über die aussichtslose Lage geben. Wer profitiert von einem nahöstlichen Konfessionskrieg, wer finanziert z.B. die Muslimbrüder, wo sind die Muslimbrüder noch weltweit vertreten?, wer finanziert die radikalen Brigaden in Syrien, welchen Einfluß hat der Iran auf die Schiiten im Irak, wer finanziert die Bombenanschläge der Sunniten im Irak? Wie heissen die Drahtzieher und religiösen Stiftungen? Was ist aus den Strukturen der Stammesclans in Lybien geworden, was ist mit den Gaddafimilliarden? Und wieviel Geld zur Finanzierung von Terror und sinnlosen Bombenanschlägen kommt aus Steueroasen und der Schweiz von anonymen Nummernkonten? Hat ein unpolitischer Islam eine Chance als Verhaltenskodex für eine soziale korruptionsfreie Marktwirtschaft zu dienen?

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  3. Was mich betrifft, ich habe diese Bilder aus dem Orient langsam satt. Ich sehe häufig, wie sich die Märtyrer, Opfer oder auch Krieger für die Kamera extra in Pose werfen und wie die Mutter vor der Kamera besonders laut plärrt.

    Meiner Meinung nach geht es in Ägypten hauptsächlich darum Frust und Zorn abzubauen und ich bezweifle, dass Politik und Religion eine große Rolle spielen, wenn dann nur als Rationalisierungsinstrument - irgendwer, oder irgendwas muss schließlich Schuld sein an der aufgestauten Wut.

    Gleich was die westliche Völkergemeinschaft auch unternimmt; den Zorn kann sie nicht bändigen. Dies ist eine individuelle Angelegenheit, in der wenn überhaupt Therapeuten hilfreich wären, wobei ich bezweifle, dass sich die Menschen auf der Straße mit solch einem Ratschlag anfreunden könnten.

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    Frust und Zorn sind das Resultat von zuvielen Menschen auf zuwenig Platz und mit zuwenig Ressourcen. Darauf lässt es sich im Wesentlichen runterbrechen.

    Moralische, religiöse oder politische Rechtfertigungen für Gewalt und Anarchie sind da nur Symptome, keine Ursachen. Jeder sucht eine Legitimimation um andere wegzudrücken um mehr von den knappen Gütern abzubekommen.

    Wir sollten uns übrigens nicht einbilden, dass sowas nur im Orient möglich ist. Dort wurde einfach nur der Druck früher größer und die kulturell-religiösen Strukturen machen gesellschaftliche Reformen schwerer. Aber genug Druck und Kairo ist überall. Garantiert.

  4. ... investigativen Journalismus. Wenn der nahe Osten und Nordafrika im religiösen Chaos versinken, werden die Stellvertreterkriege heimlich in Europa weiter ausgetragen. Wir sollten uns von der Berichterstattung nicht ermüden lassen, sondern Fragen stellen und auf deren Beantwortung drängen. Europäische Journalisten sollten vor Ort sein und berichten.

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    sondern Fragen stellen und auf deren Beantwortung drängen."

    Wie meinen Sie das? Was gefällt Ihnen nicht an den Artikeln von Reuters, Afp und Dpa?

    Ja,richtig...und eventuell sollten wir Online-Leser mal überlegen,ob das noch zu bekommen ist,wenn man im Internet alle kostenlos liest,statt für den angemahnten Qualitätsjournalismus wie früher etwas zu zahlen.

  5. 6. Tja...

    Frust und Zorn sind das Resultat von zuvielen Menschen auf zuwenig Platz und mit zuwenig Ressourcen. Darauf lässt es sich im Wesentlichen runterbrechen.

    Moralische, religiöse oder politische Rechtfertigungen für Gewalt und Anarchie sind da nur Symptome, keine Ursachen. Jeder sucht eine Legitimimation um andere wegzudrücken um mehr von den knappen Gütern abzubekommen.

    Wir sollten uns übrigens nicht einbilden, dass sowas nur im Orient möglich ist. Dort wurde einfach nur der Druck früher größer und die kulturell-religiösen Strukturen machen gesellschaftliche Reformen schwerer. Aber genug Druck und Kairo ist überall. Garantiert.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kultur der Lüge"
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    ...natürlich...

  6. ...natürlich...

    Antwort auf "Tja..."
    • sozio
    • 17. August 2013 9:05 Uhr

    Nicht ein Wort darüber, dass Muslimbruderschaft Faschismus und Totalitarismus bedeutet. Das sind keine gewöhnlichen Demonstranten; davon abgesehen, dass das Blutvergießen schrecklich ist, regt mich diese falsche und ängstliche Vorsichtigkeit in der Berichterstattung wirklich auf.

    5 Leserempfehlungen
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    • Mak2013
    • 17. August 2013 11:13 Uhr

    ....man verhätschelt den Islam im Rahmen einer marktkonformen Political Correctness. So wird zwar - durchaus bedauernd - darauf hingewiesen, dass Christen extrem gefährdet sind, wenn die Muslimbruderschaft auf die Straße geht, aber eine causale Verbindung zum Islam wird geleugnet.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, kp
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Innenministerium | Militär | AFP | Ausgangssperre | Bruderschaft
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