Ägypten : Muslimbrüder können kaum Anhänger mobilisieren

Am "Tag der Märtyrer" demonstrierten nur einige Tausend Anhänger des Expräsidenten Mursi. Die Freilassung seines Vorgängers hat derweil nicht die befürchteten Folgen.
Eine Anhängerin des entmachteten ägyptischen Präsidenten Mursi demonstriert in Kairo. © Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Die Aufrufe der ägyptischen Muslimbrüder zu erneuten Massendemonstrationen gegen die Übergangsregierung und das Militär nach dem Freitagsgebet haben wenig Widerhall gefunden. An den Protesten der Islamisten beteiligten sich landesweit einige Tausend Menschen, deutlich weniger als noch vor einer Woche.

Trotzdem kam es während der Demonstrationen zu gewalttätigen Ausschreitungen: In der nördlichen Provinzstadt Tanta wurde ein Demonstrant getötet. 25 weitere Menschen wurden verletzt, als wütende Anwohner einen Demonstrationszug der Muslimbruderschaft attackierten. In einigen Städten trieb die Polizei protestierende Islamisten mit Tränengas und Warnschüssen auseinander.

Die Demonstrationen unter dem Motto "Freitag der Märtyrer" richteten sich gegen Polizeigewalt und die Entmachtung von Präsident Mohammed Mursi durch die Armee Anfang Juli. In der Vorwoche waren am "Freitag des Zorns" bei Zusammenstößen zwischen Mursi-Anhängern und dem Militär mehrere Hundert Menschen getötet worden. 

Nur wenige Mubarak-Gegner

Die Haftentlassung des 2011 gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak führte aber nicht wie befürchtet zu zusätzlichen Spannungen. Vor dem Justizpalast in Kairo hielten einige Dutzend junge Angehörige von Revolutionsgruppen Plakate mit der Aufschrift "Nieder mit Hosni Mubarak" hoch. Mubarak steht in einem Militärkrankenhaus unter Arrest.

Mubarak, der Ägypten 30 Jahre lang regiert hatte, muss sich vor Gericht wegen der Tötung von mehr als 800 Demonstranten Anfang 2011 verantworten. Der Prozess wird an diesem Sonntag fortgesetzt. Am selben Tag beginnt auch der Prozess gegen das Oberhaupt der Muslimbrüder, Mohammed Badia, dem unter anderem Aufstachelung zur Gewalt vorgeworfen wird.   

Nahezu die gesamte Führungsriege der Muslimbrüder ist inzwischen in Haft. Zuletzt wurde mit Ahmed Aref einer der letzten Sprecher der Bewegung festgenommen. "Wir erhalten keine Weisungen mehr", sagte ein Mitglied der Muslimbrüder aus dem Nil-Delta. "Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen, die meisten führenden Köpfe sind inhaftiert." 

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Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Der Machtkampf ist beendet!

Jetzt muss sich der politische Übergang bewähren!

Nach den Gewaltexzessen vom 14/08/2013 bis 17/08/2013 war die Woche in Ägypten friedlich. Das liegt auch an den Verhaftungen der führenden Muslimbrüder. Die Basis erhält keine Anweisungen und kann nicht mehr großflächig kommunizieren. Es gehen nur noch wenige zu den Demos.

Die 10 Mio. Anhänger können zwar eine neue Führungsstruktur lokal und überregional aufbauen, aber mit jedem Kandidaten und jeder Führungsebene müssen sie die Ziele der MB neu diskutieren, ehe sie Funktionäre wählen. Die neuen MB sollten kompromissbereiter und weniger gewaltbereit sein, damit sie politisch eingebunden werden können!

Die Justiz muss rechtsstaatliche Prozesse führen, damit der Übergangsprozess legitimiert wird!

Jetzt muss die Arbeit an der Zukunft folgen!

Eine erste Beurteilung des vorläufigen Verfassungsentwurfs von Zaid Al-Ali vom „International Institut for Democracy and Electoral Assistence“ (IDEA) in Stockholm!

Der Autor:
http://www.verfassungsblo...

IDEA:
http://www.idea.int/about...

Verfassungsentwurf in Kurzform:
http://t.co/XMSoOt6Pg1

Der Artikel:
http://t.co/ywULoesOF0

Der Verfassungsentwurf enttäuscht, weil er nur der ägyptischen Verfassungstradition folgt. Er ist konservativ, religiös orientiert, wenig pluralistisch und nicht besonders demokratisch. Parteien und Bürger spielen kaum eine Rolle. Details im Artikel.

Weder die Politiker 2012, noch die Juristen erwägen einen demokratischen Rahmen, der Entwicklungen in anderen (afrikanischen) Ländern berücksichtigt.

Es gibt die Gleichstellung aller Menschen in Artikel 38. Frauen und andere Religionen werden durch die Scharia eingeschränkt. Ein Konflikt IN der Verfassung!

Menschenrechte werden erwähnt, aber durch einfache geregelt. So können sie ausgehebelt werden, was eine Erwähnung obsolet machen würde. Eine Verfassung müsste die zulässigen Ausnahmen beschränken!

Niemand fragte sich, wie man institutionell eine zukünftige Diktatur verhindern kann. Eher sichern die alten Institutionen ihre Freiräume.

Manche erforderliche Änderung kostet die Unterstützung der Salafisten, welches erst die Vollversammlung in zwei Monaten riskieren kann!

Die Rettungsfront meldete aber schon Widerspruch an!

Ich glaube die MB hat sich vorerst mit ihrem Verlust abgefunden

Dabei hat ihr nicht so sehr die Ächtung durch das Militär zu schaffen gemacht, sondern der fast hysterische Hass von großen Teilen der Bevölkerung.

Es kann sein, dass viele Ägypter auf die staatliche Propaganda hereingefallen sind, es kann ebenfalls sein, dass die sogenannten "Liberalen" nur durch das Militär ihre Interessen gewahrt sehen können und nicht wie in Demokratien üblich durch die Wahlurne.Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich die MB trotz aller Hindernisse und der unfairen Behandlung in dem einem Jahr nicht sehr glücklich ausgesehen haben und grosse Teile der Bevölkerung gegen sich aufgebracht haben.