Siert Bruins Niederländer wegen NS-Verbrechen vor Gericht

Vor dem Landgericht Hagen muss sich der 92-jährige Siert Bruins wegen Mordes verantworten. Er soll 1944 in den Niederlanden einen Widerstandskämpfer erschossen haben. von Claudia von Salzen

Das Verbrechen geschah vor 69 Jahren: In der Nacht vom 21. auf den 22. September 1944 wurde der niederländische Widerstandskämpfer Albert Klaas Dijkema auf dem Bauernhof seiner Eltern von zwei Angehörigen der deutschen Sicherheitspolizei festgenommen. Die beiden SS-Männer fuhren ihn auf ein stillgelegtes Fabrikgelände in Appingedam und befahlen ihm, aus dem Auto auszusteigen. Dann schossen sie mindestens vier Mal von hinten auf Dijkema. Er wurde in den Hinterkopf getroffen und war sofort tot. Die SS-Männer behaupteten später, sie hätten ihn "auf der Flucht erschossen".

Ab diesem Montag muss sich einer der beiden mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Hagen verantworten. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft wirft dem 92-jährigen Siert Bruins heimtückischen Mord vor. 

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Der gebürtige Niederländer, der sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte und später in der Grenz- und Sicherheitspolizei in seiner Heimat eingesetzt wurde, war 1949 auch wegen des Mordes an Dijkema in den Niederlanden zum Tode verurteilt worden. Später wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Verbüßt hat Bruins sie nie. Er profitierte wie viele andere ausländische SS-Männer von einem Erlass Adolf Hitlers, der ebenjenem Personenkreis die deutsche Staatsbürgerschaft zusicherte.

Siert Bruins lebte jahrzehntelang unentdeckt in Deutschland

Bruins besorgte sich Papiere auf den Namen Siegfried Bruns und lebte jahrzehntelang unentdeckt im westfälischen Breckerfeld. Dort spürte ihn der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal 1978 auf. Die Niederlande verlangten die Auslieferung des ehemaligen SS-Mannes, doch davor schützte ihn die deutsche Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre später wurde Bruins in Hagen wegen Beihilfe zum Mord an zwei jüdischen Brüdern 1945 in den Niederlanden zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Das Verfahren gegen Bruins ist der erste NS-Verbrecherprozess in Deutschland seit dem Urteil gegen John Demjanjuk im Mai 2011. Auch wenn beide Prozesse nicht vergleichbar sind, zeigt sich auch im Fall Bruins eine veränderte Praxis der deutschen Justiz. In früheren Fällen hatten deutsche Staatsanwälte ähnliche Erschießungen während der NS-Zeit meist nicht als Mord, sondern als Totschlag gewertet – der war dann aber bereits verjährt.

Der heutige erste Verhandlungstag endete nach 35 Minuten. Der Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen und machte keine Angaben zu seinem Lebenslauf. Ein von ihm selbst verfasster Lebenslauf aus dem Jahre 1944 wurde verlesen. Ein Gutachter erklärte, dass Bruins täglich nur drei Stunden lang verhandlungsfähig sei. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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Leserkommentare
  1. Kein Mitleid angebracht.

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    • Tubus
    • 02. September 2013 17:50 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen. Danke, die Redaktion/jp

    • Case793
    • 02. September 2013 19:55 Uhr

    Das muss man natürlich nicht haben. Aber eine freiwillige Meldung zur Waffen-SS ist kein Ersatz für das Feststellen der individuellen Schuld für einen bestimmten Mord. Und ich bin sehr gespannt wie man den nach 69 Jahren erbringen will!

  2. freiwilligen Waffen SS-ler waren nun einmal die fanatischsten. Schade, daß er wie so viele andere auch fast eine Ewigkeit nahezu unbehelligt leben konnte.

    2 Leserempfehlungen
  3. 3. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren. Danke, die Redaktion/jp

    2 Leserempfehlungen
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    Ihr Kommentar ist von A bis Z "willkürlich". Erstens verjahrt Mord nicht. Zweitens trat der Angeklagte freiwillig der Waffen-SS bei, die von dem Nürnberger Tribunal als verbrecherische Organisation eingestuft wurde. Zu den Prozessen gegen diese Täter sagte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, in der SZ am 7. Mai. Dieses Jahres:

    >>Ich bin seit 1982 mit der Materie befasst und war jahrelang hin- und hergerissen. Das gebe ich offen zu. Aber der Kontakt mit sehr vielen Opfern und Angehörigen sagt mir ganz einfach, es wäre nicht vertretbar, den Überlebenden zu sagen, wir machen jetzt einfach Schluss. Es ging in der NS-Zeit um ein staatlich organisiertes und befohlenes Morden. Der Nachfolgestaat dieses Befehlsgebers von damals kann nicht einfach sagen: Das interessiert uns nicht mehr.<< Zitatende

    Darum wäre es "verrückt", diese Täter zeit ihres Lebens unbehelligt zu lassen. Die Opfer und deren Angehörige kommen in Ihrem ideologisch gefärbten Schlussstrichzieher-"Weltbild" offenbar nicht vor.

  4. Ihr Kommentar ist von A bis Z "willkürlich". Erstens verjahrt Mord nicht. Zweitens trat der Angeklagte freiwillig der Waffen-SS bei, die von dem Nürnberger Tribunal als verbrecherische Organisation eingestuft wurde. Zu den Prozessen gegen diese Täter sagte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, in der SZ am 7. Mai. Dieses Jahres:

    >>Ich bin seit 1982 mit der Materie befasst und war jahrelang hin- und hergerissen. Das gebe ich offen zu. Aber der Kontakt mit sehr vielen Opfern und Angehörigen sagt mir ganz einfach, es wäre nicht vertretbar, den Überlebenden zu sagen, wir machen jetzt einfach Schluss. Es ging in der NS-Zeit um ein staatlich organisiertes und befohlenes Morden. Der Nachfolgestaat dieses Befehlsgebers von damals kann nicht einfach sagen: Das interessiert uns nicht mehr.<< Zitatende

    Darum wäre es "verrückt", diese Täter zeit ihres Lebens unbehelligt zu lassen. Die Opfer und deren Angehörige kommen in Ihrem ideologisch gefärbten Schlussstrichzieher-"Weltbild" offenbar nicht vor.

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    Antwort auf "[…]"
    • Tubus
    • 02. September 2013 17:50 Uhr
    5. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen. Danke, die Redaktion/jp

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    • Tubus
    • 02. September 2013 18:31 Uhr

    Bei Angeklagten, die in den Gerichtssaal getragen werden müssen oder vor Altersschwäche nur stundenweise verhandlungsfähig sind, stellt sich doch regelmäßig die Frage, wann der Strafanspruch eines Staates erlischt. Man kann das natürlich auch als Relativierung bezeichnen, wenn man diese Diskussion unterdrücken möchte.

    • Tubus
    • 02. September 2013 18:31 Uhr

    Bei Angeklagten, die in den Gerichtssaal getragen werden müssen oder vor Altersschwäche nur stundenweise verhandlungsfähig sind, stellt sich doch regelmäßig die Frage, wann der Strafanspruch eines Staates erlischt. Man kann das natürlich auch als Relativierung bezeichnen, wenn man diese Diskussion unterdrücken möchte.

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    Antwort auf "[…]"
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    Nur was hat das fortgeschrittene Alter des Täters mit seiner (vor Gericht noch zu erweisenden) Schuld zu tun? Natürlich relativieren Sie, wenn Sie einen Freispruch mit dem sachfremden Argument der Altersschwäche rechtfertigen wollen. Mord ist Mord, auch noch retrospektive in 1000 Jahren, ob der Täter dann noch lebt oder (aller Voraussicht nach) gestorben sein wird. Und Mord verjährt (in moralischer Hinsicht) nicht.

    Zu fragen wäre deshalb, warum es so vielen Foristen (ich erinnere an lange, wirklich ellenlange Debatten um den Prozess des früheren KZ-Wächters Hans Lipschis hier im ZEIT-Forum) um die Verteidigung dieser Verbrechen und der sie verübt habenden Verbrecher geht.

    ???

  5. Nur was hat das fortgeschrittene Alter des Täters mit seiner (vor Gericht noch zu erweisenden) Schuld zu tun? Natürlich relativieren Sie, wenn Sie einen Freispruch mit dem sachfremden Argument der Altersschwäche rechtfertigen wollen. Mord ist Mord, auch noch retrospektive in 1000 Jahren, ob der Täter dann noch lebt oder (aller Voraussicht nach) gestorben sein wird. Und Mord verjährt (in moralischer Hinsicht) nicht.

    Zu fragen wäre deshalb, warum es so vielen Foristen (ich erinnere an lange, wirklich ellenlange Debatten um den Prozess des früheren KZ-Wächters Hans Lipschis hier im ZEIT-Forum) um die Verteidigung dieser Verbrechen und der sie verübt habenden Verbrecher geht.

    ???

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    Antwort auf "Relativierung?"
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    • Tubus
    • 02. September 2013 20:18 Uhr

    "Mord ist Mord, auch noch retrospektive in 1000 Jahren, ob der Täter dann noch lebt oder (aller Voraussicht nach) gestorben sein wird. "

    Richtig! Nur hatte ich bereits in dem durch die Redaktion gelöschten Beitrag die Frage gestellt, ob diese Tatsache es rechtfertigt, unter allen Umständen den Strafanspruch eines Staates aufrecht zu erhalten. Dann drohen in der Tat mittelalterliche Verhältnisse, wo verstorbene Verbrecher exhumiert wurden, um sie nachträglich zu köpfen, um damit der Gerechtigkeit zu genügen.

    • Case793
    • 02. September 2013 19:55 Uhr

    Das muss man natürlich nicht haben. Aber eine freiwillige Meldung zur Waffen-SS ist kein Ersatz für das Feststellen der individuellen Schuld für einen bestimmten Mord. Und ich bin sehr gespannt wie man den nach 69 Jahren erbringen will!

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  • Schlagworte Nationalsozialismus | Gericht | Mord | Waffen-SS | Justiz | Niederlande
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