US-Außenminister John Kerry hat dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad eine letzte Möglichkeit dargelegt, wie er doch noch einen Angriff auf sein Land verhindern könnte. "Er könnte nächste Woche sämtliche seiner chemischen Waffen der internationalen Gemeinschaft übergeben", sagte Kerry. So könnte die Krise nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff nahe Damaskus vom 21. August einfach gelöst werden. "Aber er ist nicht im Begriff, das zu tun, und es ist offensichtlich auch nicht möglich", sagte Kerry nach einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen William Hague in London.

Das US-Außenministerium stellte klar, dass damit nicht ein Ultimatum an das syrische Regime gestellt wurde, wie es in ersten Meldungen hieß. "Außenminister Kerry hat eine rhetorische Bemerkung gemacht über die Unmöglichkeit und Unwahrscheinlichkeit, dass Assad die Chemiewaffen übergeben könnte", teilte das Ministerium mit. "Er hat darauf abgezielt, dass diesem Diktator, der eine lange Geschichte damit hat, Schindluder mit den Fakten zu treiben, nicht zugetraut werden kann, die Chemiewaffen zu übergeben. Sonst hätte er das schon längst getan."

Kerry bekräftigte darüber hinaus, dass die USA die Hinweise für eindeutig halten, wonach Assads Armee für den Giftgaseinsatz verantwortlich sei. "Wir wissen, dass sein Regime den Befehl zur Vorbereitung eines Chemiewaffen-Angriffs gegeben hat, wir wissen, dass sie Kräfte stationiert haben", sagte Kerry. Assad hatte dagegen am Wochenende erklärt, es sei nicht klar, ob es einen Giftgasangriff gegeben habe und wer dafür verantwortlich sei. Kerrys Angaben zufolge werden die Chemiewaffen aber durch die syrische Führung streng kontrolliert. Allein Präsident Assad, sein einflussreicher Bruder Maher al-Assad und ein nicht namentlich genannter General entschieden über die Verlegung und den Einsatz.

Nach Angaben des US-Außenministers ist seiner Regierung klar, dass es nur eine politische Lösung für den Bürgerkrieg geben könne. "Eine Lösung wird nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am Verhandlungstisch gefunden werden. Wir müssen aber an diesen Tisch kommen", sagte Kerry. Es sei aber notwendig, gegen Diktatoren einzuschreiten, die ihr eigenes Volk mit Chemiewaffen töteten.

Das syrische Regime warnte die USA vor den Folgen eines Angriffs. "Sie müssen mit allem rechnen", sagte Assad in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS. Der syrische Präsident verwies darauf, dass Entscheidungen im Falle eines Angriffes nicht nur von seiner Regierung getroffen würden, sondern dass es in der Region "unterschiedliche Akteure" gebe. So müsse beispielsweise mit dem Einsatz von Chemiewaffen gerechnet werden, "falls Aufständische, Terroristen in der Region oder andere Gruppe solche besitzen".

Russland beunruhigt

Auch die russische Regierung erneuerte seine Warnungen vor einem militärischen Angriff. Ein solcher gefährde auch das Leben russischer Staatsangehöriger in dem Land, sagte Außenminister Sergej Lawrow. "Das beunruhigt uns", sagte er. Ein militärisches Eingreifen sei unzulässig. "Es gibt keine Alternative zu einer friedlichen Lösung des syrischen Konflikts", sagte Lawrow nach einem Treffen mit dem syrischen Außenminister Walid al-Muallim.

Russland lehnt eine eigene Beteiligung an dem Krieg ab, unterstützt das Regime von Assad aber mit Waffen. Ein neues russisches Gesetz würde eine Militäraktion zum Schutz eigener Bürger in Syrien erlauben. Präsident Wladimir Putin hatte gesagt, dass Russland seinem Verbündeten Syrien im Fall eines US-Angriffs helfen wolle. Er ließ jedoch offen, wie genau diese Hilfe aussehen soll. 

US-Präsident Barack Obama strebt einen Militärschlag gegen Syrien als Vergeltung für den angeblichen Einsatz von Giftgas durch die Assad-Regierung an. Derzeit kämpft Obama um die Zustimmung des US-Kongresses für einen solchen Schritt. Eine Entscheidung könnte noch in dieser Woche fallen.

UN-Hochkommissarin verlangt Verhandlungen

Die Hochkommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navy Pillay, hat sich entschieden gegen einen Angriff auf Syrien gewandt. Damit oder durch weitere Waffenlieferungen in das Bürgerkriegsland könne ein "ein regionaler Flächenbrand entzündet werden, der zu viel mehr Toten und noch mehr Elend führt", sagte Pillay.

Es gebe kaum noch Zweifel, dass in Syrien chemische Waffen eingesetzt worden seien. Und das sei eines der schwersten aller Verbrechen, sagte sie bei der Eröffnung der 24. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates. Allerdings müssten erst noch "alle Umstände und Verantwortlichkeiten geklärt werden".