Bundestagswahl"Locker bleiben!"

Der SPD-Kanzlerkandidat hätte gern noch zwei Wochen Wahlkampf. Er spüre bei den Wählern einen Stimmungsumschwung, sagt Peer Steinbrück im "Tagesspiegel"-Interview. von Hans Monath

Frage: Herr Steinbrück, Sie haben sich mit Stinkefinger fotografieren lassen. Was sagt Ihre Frau zu dem Foto?

Steinbrück: Die wusste ja, wofür das ist und dass es um Gebärdensprache geht. An diesem Spiel im Magazin der Süddeutschen Zeitung haben schon viele teilgenommen. Es geht darum, auf Fragen ohne Worte nur mit Grimassen, Gesten oder anderen schauspielerischen Mitteln zu antworten. Ich finde, das ist eher etwas zum Lachen. Auch im Bundestagswahlkampf muss es erlaubt sein, sich gelegentlich unkonventionell zu geben. Sonst greift jene Langeweile um sich, die dann auch wieder kritisiert wird ...

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Frage: Ist das jetzt Teil des Wahlkampfes …

Steinbrück: Ach was!

… oder gibt es sieben Tage vor der Wahl auch noch einen privaten Kandidaten in der Öffentlichkeit?

Steinbrück: Überhaupt nicht. Das war ein satirisches Format, das seit Jahren erfolgreich erscheint. Wo ist das Problem?

Frage: Sie haben sich monatelang beschwert, dass die Medien nicht Ihre Politik, sondern nur Ihre Person thematisierten. Jetzt standen mal die Inhalte im Vordergrund, da richten Sie selbst das Interesse wieder auf Fragen des Verhaltens, der Stilsicherheit eines Mannes, der Kanzler werden will. Ist das klug?

Steinbrück: In allen meinen Auftritten stehen Inhalte im Vordergrund, jedenfalls mehr als bei den inhaltsleeren Veranstaltungen von Frau Merkel, wie mir berichtet wird. Daran ändert sich doch nichts, wenn ich daneben mal einen satirischen Auftritt habe. Locker bleiben!

Frage: Wie viele TV-Duelle würden Sie gerne noch mit Frau Merkel austragen?

Steinbrück: Wenn es nach mir gegangen wäre, wären es zwei gewesen. Aber Frau Merkel wollte ja nicht. Heute bin ich froh, dass das TV-Duell früher stattgefunden hat, als ich es ursprünglich für richtig gehalten habe. Denn seitdem kriegen wir Rückenwind.

Leserkommentare
  1. Er kann es nicht. Und die Leute sollten sich genau überlegen, ob sie diesen Dampfplauderer in Verantwortung wählen. Sind alle seine Fehltritte etwa vergessen?

    Erinnert sich der Wähler etwa zwei Wochen nicht mehr an das, was über Monate und Jahre an ihm kritisiert wurde? Seine fachliche Inkompetenz etwa (Asmussen, Deregulierung der Banken), seine Begeisterung für die Hartz-Agenda, seine öffentlichen Auftritte mit Gerhard Schröder oder auch seine kriecherischen Versprechen vor der Hessischen Handelskammer, unter seiner Kanzlerschaft werde es keine Belastungen für Vermögende und Industrie geben? Oder auch die vielen Offenbarungen seiner Persönlichkeit: seine Sparkassendirektorenbewunderung, Verachtung billigen Weins, die öffentlich zur Schau gestellte Weinerlichkeit, seine allgemeine Großkotzigkeit und bellend-holzschnittartige Rhetorik, seine nichtssagenden alljährlichen Auftritte an der LSE oder seine lächerliche martialische Rhetorik in außenpolitischen Fragen?

    Und nun hält er krampfhaft alles Politische aus seinem Wahlkampf heraus, wissend dass jede politische Aussage durch seine Person und die jüngere Vergangenheit seiner Partei konterkariert wird. Und dafür macht er einen Stimmungswechsel im Land aus?

    Entweder die Wähler sind völlig meschugge und entpolitisiert oder sie erkennen sich in dieser Verkörperung der Entsolidarisierung wirklich wieder. Ich weiß nicht, was mir unsympathischer ist.

    Wer den Politik-, nicht nur den Personalwechsel will, wählt diesmal die Linke.

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    • ursulaf
    • 15. September 2013 13:10 Uhr

    Die Linke ist für den Großteil der Wähler keine Alternative. Da muss die Linke noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten.

  2. << Ich bin sicher, dass in diesem Wahlkampf alle ein blaues Wunder erleben werden, die die bisherigen Umfragen für Realität halten. <<

    Oh, und wartet erstmal ab, wie die Wahl vorbei ist, sich eine neue (oder alte) Regierung bildet und sich diese dann all der schönen Wahlversprechen in Anbetracht der "Sachzwänge", die die marktkonforme Demokratie mit sich bringt, nicht mehr erinnern mag.
    Denn leider leider leider ist die Partizipation durch den "Souverän" in der schönen bürgerlichen Scheindemokratie darauf beschränkt, einem Stellvertreter ob luftiger Zusagen eine Blankovollmacht auszustellen und sodann 4 Jahre zur Tatenlosigkeit verdammt zu sein und schauen zu müssen, was dieser damit anstellt. "Alternativlos" natürlich.

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    Es steht zu befürchten, dass die kommende Bundestagswahl eine Wahl für Postdemokratie und für Neoliberalismus wird. Dafür sprechen einige Untersuchungen. Etwa die Veröffentlichung, dass die CDU bei Erstwählern wohl deutlich stärkste Partei werden wird. O tempora, o mores! Oder auch dass Frau Merkels "Matriarchat" die Sehnsucht nach einem/r starken Fürher/in wiedererweckt hat. Aber Deutschlands Presse ist dermaßen exekutivhörig, dass man dem Establishment all dies durchgehen lässt.

    Die CDU-frömmelnde und SPD-unkritische Haltung hat auch nicht nur mit dem Wahlkampf zu tun oder mit der Lenkung der Medien. Der Verdacht liegt nahe, dass die Deutschen in den letzten Jahren durch die Aushöhlung der Mittelschicht und durch historische Unkenntnis vieler Leute deutlich autoritärer geworden sind. Da lassen sich auch Journalisten nicht ausnehmen.

    Die Konservativen haben es geschafft, Obrigkeitshörigkeit in Seriosität, Affirmation in Patriotismus, eine unsolidarische Haltung zu einer verantworlichungsvollen und Kritik in Kennzeichen von Unwissenheit umzudefinieren. Und niemand entlarvt die Hegemoniepolitik der einzigen verbliebenen Staatspartei CDU. Die SPD nicht, weil sie dazu intellektuell nicht in der Lage ist, die Grünen nicht, weil sie damit kein Problem haben und die Linke kann es (noch) nicht leisten, weil sie (noch) nicht in Institutionen verankert ist und ihr weithin misstraut wird.

  3. glaubt man den Umfragen, so scheinen ein Großteil der Menschen ihre Wahlentscheidung nach Tagesform umzuentscheiden. Kann es nicht sein, daß die Umfragen einfach weniger genau sind, als man denkt - und all die "Trends" und "Umschwünge" der letzten Tage nur ein Ergebnis der Meßunsicherheit?

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  4. Dass diese Serie just eine Woche vor der Wahl erscheint und dann noch mit einer PR-trächtigen Pointe ist doch vorher abgesprochen gewesen mit der SZ.

    Für wie blöd hält man uns?!

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  5. Es steht zu befürchten, dass die kommende Bundestagswahl eine Wahl für Postdemokratie und für Neoliberalismus wird. Dafür sprechen einige Untersuchungen. Etwa die Veröffentlichung, dass die CDU bei Erstwählern wohl deutlich stärkste Partei werden wird. O tempora, o mores! Oder auch dass Frau Merkels "Matriarchat" die Sehnsucht nach einem/r starken Fürher/in wiedererweckt hat. Aber Deutschlands Presse ist dermaßen exekutivhörig, dass man dem Establishment all dies durchgehen lässt.

    Die CDU-frömmelnde und SPD-unkritische Haltung hat auch nicht nur mit dem Wahlkampf zu tun oder mit der Lenkung der Medien. Der Verdacht liegt nahe, dass die Deutschen in den letzten Jahren durch die Aushöhlung der Mittelschicht und durch historische Unkenntnis vieler Leute deutlich autoritärer geworden sind. Da lassen sich auch Journalisten nicht ausnehmen.

    Die Konservativen haben es geschafft, Obrigkeitshörigkeit in Seriosität, Affirmation in Patriotismus, eine unsolidarische Haltung zu einer verantworlichungsvollen und Kritik in Kennzeichen von Unwissenheit umzudefinieren. Und niemand entlarvt die Hegemoniepolitik der einzigen verbliebenen Staatspartei CDU. Die SPD nicht, weil sie dazu intellektuell nicht in der Lage ist, die Grünen nicht, weil sie damit kein Problem haben und die Linke kann es (noch) nicht leisten, weil sie (noch) nicht in Institutionen verankert ist und ihr weithin misstraut wird.

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    Antwort auf "Blaues Wunder"
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    << Der Verdacht liegt nahe, dass die Deutschen in den letzten Jahren durch die Aushöhlung der Mittelschicht und durch historische Unkenntnis vieler Leute deutlich autoritärer geworden sind. <<

    Adorno, "Erziehung zur Mündigkeit":
    "Wenn sie leben wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gegebenen sich anzupassen, sich zu fügen; sie müssen eben jene autonome Subjektivität durchstreichen, an welche die Idee von Demokratie appelliert, können sich selbst erhalten nur, wenn sie auf ihr Selbst verzichten. … Die Notwendigkeit solcher Anpassung, die zur Identifikation mit Bestehendem, Gegebenem, mit Macht als solcher, schafft das totalitäre Potenzial. Es wird verstärkt von der Unzufriedenheit und Wut, die der Zwang zur Anpassung selber produziert und reproduziert."
    Siehe auch: http://www.heise.de/tp/r4...

    D.h. die gesellschaftliche Regression die einer politischen Restauration vorangeht, ist in der Krise ein Selbstläufer.

  6. Anfang der 80er, als die Bewegung der Grünen enstand, da war er voll auf der Seite des industriepolitischen Establishments und hat sich über die Ökofreaks lustig gemacht.

    Ende der 90er als die Finanzmärkte boomten, stand er voll auf der Seite der Finanzindustrie.

    Seit der Finanzkrise macht er auf Regulierung und will die Linke noch links überholen.

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    Immer zu spät.
    Immer mit dem Wind

    Das ist der wahre Steinbrück
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    der Wahrheitsfindender Kommentar. Ich glaube es nicht!

    • NGC1672
    • 15. September 2013 13:10 Uhr

    "Seit der Finanzkrise macht er auf Regulierung und will die Linke noch links überholen."
    Wo? Wie?

    ...schließt das Handeln "nach dem Wind" - das nach dem Reden, dem Versprechen kommt - ausdrücklich ein.
    Steinbrück ist in dieser Hinsicht kein Opportunist, weil es denkbar unwahrscheinlich ist, dass er, P€€r, das ganze sozial-gerechte Wahlkampfgequatsche ernst meint und tatsächlich umsetzen möchte (was sich allein bei der Frage "Mit wem?" schon erledigt).
    Nein, Steinbrück ist einfach nur ein machtinteressierter Lügner wie Schröder der links blinkt um rechts abbiegen zu können.

  7. in SPON und SZ-online gelesen hat was man aus den Wahlkampfteam von Herrn Steinbück "gerade jetzt" erfahren hat, kann man nur noch traurig sein über die Wahlkampfberichterstattung der , die alles andere als neutral ist! Wen es wirklich so ist, dass 30% der Wähler noch nicht wissen wen sie wählen sollen, dann sind sie wirklich nur zu bedauern und man darf sich dann nicht wundern, wenn viele davon sagen, da geht ich nicht hin, das tue ich mir nicht an!!!

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