ZEIT ONLINE: Das Grenzregime der EU im Mittelmeer ist seit der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa wieder in die Kritik geraten. Sind die europäischen Staaten mit ihrer Strategie der Abschottung alleine?

Kasparek: Nein. Die Grenzen werden weltweit dichtgemacht. Um die amerikanisch-mexikanischen Grenze gibt es beispielsweise seit Jahren eine politische Auseinandersetzung, Australien vertrat in den 1990er Jahren – und jetzt auch wieder – die "Pazifische Lösung", also die Abdrängung von Flüchtlingsbooten auf hoher See. Eine Abschottung findet auch im kleineren Maßstab an den Grenzen Südafrikas oder im gesamten südostasiatischen Raum statt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich der europäische Grenzschutz vom Rest der Welt?

Kasparek: Die Strategien sind global sehr ähnlich. Einzigartig ist die politische Konstellation in Europa: Man hat viele Nationalstaaten und die EU als supranationale Organisation, dazu kommen unzählige Organisationen und Think Tanks. Deshalb konnte sich in den letzten 15 Jahre trotz aller Beteuerungen keine kohärente Grenzpolitik herausbilden. Und wie die vergangenen Wochen wieder gezeigt haben: Da gibt es kein System, nur einen Trümmerhaufen.

ZEIT ONLINE: Es sieht nicht so aus, als würde sich die EU-Einwanderungspolitik bald ändern. Warum?

Kasparek: In den vergangenen Jahrzehnten wurde Migration und Flucht vor allem als Sicherheitsproblem definiert, verstärkt seit dem 11. September. Die politische Verantwortung ist im Wesentlichen bei den Innenministern und den Technokraten der Kontrolle angesiedelt. Man müsste den mutigen Schritt nach vorne machen und ihnen die Kompetenz für Fragen der Migration entziehen. Solange sie bei den Apologeten der Grenze und der Kontrolle verbleibt, wird sich das Sterben fortsetzen.

ZEIT ONLINE: Was steckt hinter der Motivation, Grenzen zu errichten und zu schützen?

Kasparek: Die veraltete Vorstellung, dass eine Politik der sogenannten Null-Migration möglich wäre. Das hat besonders in Deutschland und in Westeuropa eine gewisse Tradition. Anders sieht das in den südlichen Ländern der EU aus: In Spanien gab es lange Zeit eine Art der geduldeten Migration von Arbeitern, die auf den Gemüsefeldern zum Einsatz kamen. Die waren ganz wichtig für die Wirtschaftsentwicklung des Landes. Ähnlich sah es in Süditalien und Griechenland aus. Diese Politik hat zwar ebenfalls den Menschen beim Grenzübertritt ihre Rechte entzogen. Allerdings gab es in Italien, Spanien und Griechenland immer wieder kollektive Legalisierungen. Bis 2008: Unter der EU-Ratspräsidentschaft des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy wurde der Europäische Pakt für Einwanderung und Asyl geschlossen und diese kollektiven Legalisierungsmechanismen abgeschafft. Dieser Pakt in Kombination mit Dublin II hat die Migrationspolitik Südeuropas den Vorstellungen von Migrationspolitik, die im Norden Europas vorherrschen, untergeordnet, und effektiv zum Erliegen gebracht.

ZEIT ONLINE: EU-Organisationen wie Frontex oder Verordnungen wie Dublin II sollen dafür sorgen, dass Zuwanderung kontrolliert stattfindet und dass Asylanträge dort gestellt werden, wo Migranten ankommen. Ist das keine gute Idee?

Kasparek: Das stimmt leider so nicht. Konkret gibt es derzeit kaum Möglichkeiten der legalen Migration nach Europa. Dublin II ist kein Instrument für kontrollierte Zuwanderung, sondern ein europäischer Mechanismus, um einer – so hat es oft den Anschein – lästigen Verpflichtung mit dem niedrigsten Aufwand nachzukommen. Heute sorgt Dublin II innerhalb von Europa für eine unfaire Verteilung der Verantwortung. Nun sind vor allem Staaten an der Außengrenze wie Griechenland, Zypern oder Malta für den Großteil des Asylsystems in Europa zuständig. Dublin II blendet außerdem die Wünsche von Asylsuchenden aus. Viele von ihnen wissen genau, in welches Land in Europa sie wollen. Weil sie dort Familien haben, zum Beispiel. So haben wir mittlerweile in Europa eine große Gruppe von Asylsuchenden, die niemals die Chance haben, irgendwo anzukommen. Frontex wiederum befasst sich nur in dem Sinne mit Migration, als dass in Europa Grenze als Mittel zur Regulation von Migration verstanden wird. Die Folgen haben wir gerade erst wieder gesehen.