Genau vor 75 Jahren brannten die Synagogen. Organisierte nationalsozialistische Schlägertrupps zerstörten im gesamten Deutschen Reich jüdische Geschäfte, plünderten und misshandelten, verhafteten oder töteten Tausende Juden. Die "Reichspogromnacht" vom 9. November 1938 steht bis heute für den Antisemitismus in Deutschland. Sie markiert den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zu ihrer systematischen Verfolgung.

Doch Antisemitismus gehört in Deutschland nicht der Vergangenheit an, sagt die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane. "Wir erleben derzeit einen starken Anstieg beim Antisemitismus, und niemanden scheint das richtig zu stören." Auch in einer aktuellen EU-weiten Studie gibt eine deutliche Mehrheit der in der EU lebenden Juden an, mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert zu sein, auch in Deutschland. Hat sich der Antisemitismus in Deutschland tatsächlich verschärft?

Laut Innenministerium hat sich die Zahl "antisemitischer Straftaten" von 2011 auf 2012 tatsächlich um 10,9 Prozent erhöht, darunter fallen Delikte wie Pöbeleien gegen Jüdinnen und Juden, Brandanschläge auf Synagogen, Schändungen jüdischer Friedhöfe oder die Zerstörung von Stolpersteinen. Die Zahl der "antisemitischen Gewalttaten" hat sich demnach sogar um 41,3 Prozent erhöht. 

Langfristig betrachtet lässt sich jedoch kein Aufwärtstrend feststellen, die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr: Seit Einführung der Statistik vor zwölf Jahren wurden 2006 mit über 1.800 Fällen die meisten antisemitischen Straftaten registriert, 2011 wiederum erreichten die Zahlen mit 1.239 Fällen ihren bislang niedrigsten Stand. In den meisten Fällen handelt es sich um Propagandadelikte, Sachbeschädigungen, Volksverhetzungen sowie Verstöße gegen das Versammlungsgesetz. Nur die wenigsten Fälle seien laut Innenministerium Gewaltdelikte und tatsächlich auch systematisch geplant, wie beispielsweise im Fall von Brand- und Sprengstoffanschlägen gegen Gedenkstätten oder Synagogen. Und die Kriminalstatistik zeigt auch: Nur ein Bruchteil der politisch motivierten Kriminalität in Deutschland ist gegen Juden oder jüdische Institutionen gerichtet: 2012 meldete das Innenministerium 2.464 Gewaltdelikte dieser Art, davon wurden 41 Fälle als "antisemitische Gewalttat" deklariert.  

Antisemitismus zeigt sich nicht allein in der Kriminalstatistik

Dennoch sagt Ralf Melzer von der Friedrich-Ebert-Stiftung: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. "Judenfeindliche Einstellungen werden immer offener, dreister und weniger versteckt gezeigt." Auch Jan Riebe von der Amadeu-Antonio-Stiftung warnt davor, Antisemitismus in Deutschland zu bagatellisieren. Die Gefahr, die von judenfeindlichen Handlungen ausgehe, könne aus mehreren Gründen nicht allein mit der Kriminalstatistik aufgezeigt werden: Man müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, da es immer von der Polizeibehörde abhänge, ob ein Delikt als judenfeindlich eingestuft wird. Außerdem sei Antisemitismus vor allem eine Welterklärungsstrategie, die sich nicht nur in physischen Gewalttaten äußere, sagt Riebe. "Große Sorge bereitet uns deshalb vor allem jener Antisemitismus, der in der Mitte der Gesellschaft stattfindet."

Tatsächlich stellt ein Expertenbericht im Auftrag des Bundestages bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung einen latenten Antisemitismus fest. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nimmt Deutschland damit einen Platz im Mittelfeld ein, hinter westeuropäischen Ländern wie Italien, Großbritannien, Niederlande und Frankreich. 

Laut einer Studie der Ebert-Stiftung von 2012 ist der sogenannte "sekundäre Antisemitismus", also die Relativierung des Holocausts und Judenfeindlichkeit in Reaktion auf den Holocaust, bei knapp 24 Prozent der Deutschen verbreitet. Und auch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft geht davon aus, dass judenfeindliche Argumentationen und Stereotype mittlerweile in Gesellschaftskreisen als akzeptabel gelten, in denen sie noch vor einigen Jahren abgelehnt wurden.