Es ist schon jetzt zum Symbol geworden: das unscharfe Handy-Foto, auf dem sich der freigelassene Michail Chodorkowski und Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher am Flughafen in Berlin begrüßen. Auf dem Bild zu sehen ist auch der Russlandexperte Alexander Rahr. Seit gestern wurde spekuliert, welche Rolle der 54-jährige Forschungsdirektor des deutsch-russischen Forums bei der Begnadigung des russischen Regierungskritikers Chodorkowski spielte. Nun hat Rahr in Interviews mit der Welt und Spiegel Online bestätigt, bei der Planung zur Freilassung geholfen zu haben.

Vor zweieinhalb Jahren sei Genscher auf ihn zugekommen und habe ihn im Vertrauen gebeten, ihm bei der Sache Chodorkowski beizustehen, sagte Rahr der Welt. Rahr war damals bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), darum sei Genscher, der frühere Präsident dieser Organisation, auf ihn gekommen. 

"Er hat mir vertraut, und ich habe auch für ihn übersetzt, weil er nicht wollte, dass zu viele Personen darüber Bescheid wissen, sagte Rahr Spiegel Online. Es sei extrem wichtig gewesen, dass Genschers viele Treffen mit der russischen Führung nicht an die Öffentlichkeit gelangten, sagte Rahr. "Nur so konnte die Mission ein Erfolg werden." 


Rahr kannte Chodorkowski persönlich. Als Leiter der Russlandstelle in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik habe er den Russen mehrmals getroffen, sagte er. Zuletzt habe er Chdorkowski im September 2003 auf eine Konferenz geladen, die Genscher leitete. Die Gespräche mit Putin und anderen habe aber immer Genscher allein geführt. "Er hat sich zweimal mit dem russischen Präsidenten getroffen", sagte Rahr. 

Von der Freilassung Chodorkowskis habe er am Donnerstagnachmittag durch das russische Fernsehen erfahren, als Putin seine Begnadigung ankündigte, sagte Rahr. Er habe dann gleich Genscher angerufen. Dieser habe ihn daraufhin gefragt, ob er mit ihm zum Flughafen fahren könnte, um die Mission zu beenden und zu übersetzen. "So stand ich neben Genscher in diesem historischen Moment und übersetzte das Gespräch der beiden", sagte Rahr. Er sei beeindruckt gewesen, wie ruhig und souverän Genscher angesichts der Verantwortung war, die er als ehemaliger Außenminister auf sich genommen hatte, sagte Rahr. Letztlich ginge es um nichts weniger als die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen.

Auf die Frage, warum der russiche Regierungschef Chodorkowski letztlich begnadigt habe, sagte Rahr: "Ich glaube, dass Putin diesen Fall Chodorkowski endlich loshaben möchte. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er zehn Jahre Strafe für ausreichend hält. Für Putin ist auch wichtig, dass in den deutsch-russischen Beziehungen endlich wieder Normalität einkehrt."

"Putin will Normalisierung der deutsch-russischen Beziehungen"

Wie Chodorkowski seine Zukunft plane, wisse er nicht, sagte Rahr. Als er gemeinsam mit ihm und Genscher zum Adlon fuhr, habe Chodorkowski die ganze Zeit telefoniert. "Im Adlon haben wir uns noch einmal hingesetzt und einen Wodka getrunken. Herr Genscher hat noch ein paar schöne Worte gesprochen, und dann sind wir gegangen, um ihn in Ruhe zu lassen."

Kremlchef Wladimir Putin hatte Chodorkowski nach mehr als zehn Jahren Haft überraschend aus humanitären Gründen begnadigt. Wenige Stunden nach seiner Entlassung aus einem russischen Straflager war er gestern in Berlin-Schönefeld gelandet, wo er von Genscher abgeholt wurde.  

In einem kurzen Gespräch mit The New Times sagte Chodorkowski, er sei allen dankbar, die geholfen hätten, damit er das Straflager verlassen könne. "Das Wichtigste ist jetzt: Freiheit, Freiheit, Freiheit." Morgen will sich Chodorkowski auf einer Pressekonferenz in Berlin zu seinen Zukunftsplänen äußern.