Ein Schauplatz des Drogenkrieges: Zerschossene Hauswand in San Cristobal de las Barrancas © Alejandro Acosta/Reuters

Wer kämpft hier gegen wen? Im mexikanischen Drogenkrieg ist diese Frage schwer zu beantworten: Armee und Polizei machen Jagd auf die Kokainkartelle. Bürgerwehren wiederum versuchen, die Drogenbanden aus ihren Gebieten mit Waffengewalt zu vertreiben. Korrupte Polizisten werden von den Kartellen angeheuert. So unübersichtlich die Lage in Mexiko oft erscheint und so unterschiedlich die Interessen einzelner Gruppen sind, eins haben Sicherheitskräfte, Mafiosi und selbst ernannte Gesetzeshüter gemeinsam: Sie alle nutzen auch deutsche Waffen.

Das von der baden-württembergischen Firma Heckler & Koch hergestellte Sturmgewehr G3, sein Nachfolger G36, die Maschinenpistole MP5 und zahlreiche Pistolen sind in Mexiko weit verbreitet. Der Staat ist stolz darauf, dass seine Sicherheitskräfte mit Waffen made in Germany ausgestattet sind. Im Heeresmuseum in Mexiko-Stadt hängen Pistolen, Maschinenpistolen und Sturmgewehre von Heckler & Koch. Auf einem Schild, das unter dem Sturmgewehr G3 angebracht ist, steht: "Herkunftsland: Deutschland". Gebaut werden diese Waffen aber auch seit Jahrzehnten in Mexiko. Das G3, einst das Standardgewehr der Bundeswehr, wird seit 1959 von Soldaten genutzt – aber auch von Rebellen, Terroristen und Kriminellen. Nach der Kalaschnikow (AK-47) gehört das deutsche Gewehr zu den am meisten verbreiteten Kleinwaffen der Welt.

Der Dokumentarfilm Waffen für die Welt – Export außer Kontrolle von Regisseur Daniel Harrich, der diesen Dienstagabend auf Arte läuft, zeigt, wo deutsche Waffentechnologie überall eingesetzt wird. Harrich folgt dem G3 in den Sudan und Südsudan, wo die Armeen beider Staaten, aber auch Rebellen und Reitermilizen mit dem G3 bewaffnet sind. Seit Jahren wird dem Iran vorgeworfen, dass es G3 aus seiner Produktion an den Sudan geliefert hat. Auch in Saudi-Arabien produzierte G3 könnten dort gelandet sein. Das Sturmgewehr wurde zu Hochzeiten von 18 Staaten nachgebaut. Der Film beschäftigt sich zudem mit zweifelhaften Rüstungsgeschäften in Bosnien und Kolumbien. Und er wirft die Frage auf, ob Mexiko für die Entwicklung des Gewehres FX-05, das dem G36 stark ähnelt, Unterstützung von Heckler & Koch erhalten hat.

G36-Gewehre in Libyen

Nur sehr selten werden Waffenhändler und Rüstungsfirmen wegen illegaler Deals angeklagt. Meist haben die Ermittler große Probleme, das Auftauchen von deutschen Waffen in Krisengebieten zu überprüfen. Zu unübersichtlich sind heute die Wege vieler Kleinwaffen im globalisierten Rüstungsmarkt. So ist bis heute ungeklärt, wie G36-Sturmgewehre in Libyen landen konnten. Rebellen erbeuteten sie während des Bürgerkrieges aus Depots des Diktators Gaddafi. Eine Genehmigung für die Ausfuhr der Waffen hat die Bundesregierung nie erteilt.

Deutsche Waffenexporte - "Waffenkontrolle findet nur auf dem Papier statt" Das Schnellfeuergewehr G36 ist eine hochmoderne und profitable Waffe. Hersteller Heckler & Koch darf es nur mit Genehmigung der Regierung ins Ausland verkaufen. Trotzdem taucht es immer wieder in Krisengebieten auf.

Der Hersteller Heckler & Koch beteuert, keine Gewehre nach Libyen geliefert zu haben. Ähnlich sieht es im Fall von Georgien aus. Auch dort wurde das G36 von Elitesoldaten im Krieg gegen Russland eingesetzt, obwohl es gar nicht in die Hände der Georgier hätte gelangen dürfen. Im Fall von Libyen verlaufen die Ermittlungen schleppend. Deutsche Fahnder sollen ein Gewehr überprüft haben, doch in der Waffe waren alle Seriennummern entfernt. Woher das G36 kam? Die Stuttgarter Staatsanwälte schweigen dazu. In Fall von Georgien hat nicht einmal ein Ermittlungsverfahren begonnen – obwohl die Bundesregierung bestätigt hat, dass Sturmgewehre des Typs in Georgien aufgetaucht sind und es keine Exportgenehmigung gab.

Anders sieht es im Fall Mexiko aus. Dort gab es Exportgenehmigungen, die aber bestimmte Provinzen, in denen der Drogenkrieg herrscht, ausschloss. Trotzdem gelangten Tausende G36-Gewehre an Polizeibehörden in vier Provinzen, für die keine Exportgenehmigung vorlag. Mitarbeiter von Heckler & Koch, das zeigte ein Prozess am Arbeitsgericht in Villingen-Schwenningen, der im Januar 2014 zu Ende ging, sowie Unterlagen, die ZEIT ONLINE vorliegen, wussten, dass die Gewehre in die verbotenen Provinzen geliefert wurden. Hintergrund des Gerichtsverfahrens: Heckler & Koch hatte zwei Mitarbeiter fristlos entlassen, weil diese im Fall Mexiko angeblich eigenmächtig  gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen hätten. Das Unternehmen selbst beteuerte stets, sich an Recht und Gesetz gehalten zu haben. Das Arbeitsgericht aber entschied gegen Heckler & Koch: "Die ausgesprochenen Kündigungen lösen das Arbeitsverhältnis nicht wirksam auf. Ein Kündigungsgrund liegt nicht vor."