In der Münchner Innenstadt reckt Vitali Klitschko am Samstag die Fäuste in die Luft. "Ich weiß besser als jeder: Ohne Kampf gibt es keinen Sieg. Wir werden kämpfen. Und wir werden siegen", sagt der ehemalige Boxweltmeister und prominenteste ukrainische Oppositionspolitiker. Einige Hundert sind zum Sendlinger Tor gekommen, um gegen Präsident Viktor Janukowitsch zu demonstrieren – wie es im eisigen Kiew seit Wochen Tausende tun. Sie jubeln Klitschko zu, rufen seinen Namen und entschlossene Parolen: "Gemeinsam gegen Diktatur!"

Ein paar knappe, aber eindrückliche Worte, dann macht sich der Zwei-Meter-Mann wieder auf den Weg. Er hat wenig Zeit, doch der Besuch sei ihm wichtig gewesen, sagt er. Viel Applaus bekommt er auch am Abend im Hotel Bayerischer Hof. Diesmal von Staatsmännern, Diplomaten, Militärs, Politikexperten, die dort zur Sicherheitskonferenz gekommen sind.

Natürlich war Klitschko nicht nach Deutschland gekommen nur für einen kurzen Auftritt auf dem Podium der Münchner Konferenz. Ihm ging es vor allem um Gespräche am Rande des Treffens: mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Außenminister John Kerry. Die drei waren nicht die einzigen, die ihm und anderen Oppositionsführern – etwa Arseni Jazenjuk, der die Partei der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko führt – demonstrativ Beistand leisteten.

Klitschko verlangt Sanktionen

Während in seiner Heimat Tausende auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew auf die Barrikaden gehen und Befürchtungen die Runde machen, die Regierung könne das Militär gegen die Demonstranten einsetzen, warb Klitschko um Unterstützung westlicher Staaten für eine Lösung des seit Wochen andauernden Machtkampfes. "Die Temperatur runterschrauben" sei jetzt wichtig.

Viele "Freunde der Ukraine" habe er in München getroffen, denen allen an einer Stabilisierung des Landes gelegen sei. Und Klitschko machte deutlich, worum es ihm bei seiner Reise ging: Solidarität sei nicht genug. "Wir haben über Sanktionen gesprochen", sagte er. Sanktionen gegen jene, die für schwere Menschenrechtsverletzungen in den Auseinandersetzungen mit Regierungsgegnern verantwortlich seien. Konkret nannte Klitschko die Sperrung von Konten als Druckmittel: "Das ist nicht nur unehrlich verdientes Geld, das ist sogar blutiges Geld."

"Wir haben unseren eigenen Weg", habe Janukowitsch über die Zukunft der Ukraine gesagt. Das griff Klitschko auf: "Die letzten Ereignisse haben gezeigt, dass es der Weg des Terrors und der Gewalt ist."

Dem russischen Außenminister Sergej Lawrow konnte das alles nicht gefallen. Schon in der Debatte um den syrischen Bürgerkrieg wurde die Position seines Landes angegriffen, so auch beim Thema Ukraine. Mit unbewegtem Gesicht hörte er sich während der gesamten bisherigen Konferenz deutliche Kritik an, die nur selten diplomatisch verpackt war – wie etwa bei Steinmeier, der sagte: "Die Menschen in der Ukraine müssen über ihre Zukunft entscheiden und niemand sonst außerhalb des Landes." Es ist bekannt, dass Steinmeier auf gute deutsche Beziehungen mit Russland setzt und nichts riskieren will. Direkter war Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen: Ein Staat habe das Recht, selbst seine Bündnisse zu wählen. Russland missachte dies, sagte er.

Russland beschuldigt die Europäer

Lawrow hingegen verteidigte den harten Kurs Janukowitschs gegen die Demonstranten, deren Wut sich ja auch gegen dessen prorussischen Kurs und die Abkehr der Ukraine von Europa richtet. Den Europäern warf er vor, mitverantwortlich für die Eskalation der Proteste zu sein: Antisemitische und rassistische Hetze, das Besetzen von Regierungsgebäuden, Molotowcocktails gegen Sicherheitskräfte – ein solches Verhalten würde doch auch im Westen überall sofort bestraft werden. "Was hat das mit dem Streben nach Demokratie zu tun, wenn die EU dazu noch ermutigt?", fragte Lawrow. Sie zwinge der Ukraine ihren Kurs auf. Somit waren die Fronten klar: Russland macht aus dem Konflikt ein geopolitisches Kräftemessen.

Auch der ukrainische Außenminister Leonid Koschara, der neben Klitschko auf dem Podium platziert worden war, gab sich unnachgiebig: "Wir werden unsere strategische Ausrichtung nicht ändern." Zwar sagte er, die Ukraine könne kein nicht-europäisches Land sein, aber ebenso sei es unmöglich, sie "Russland einfach zu entreißen". Die Gewalt schrieb Koschara allein terroristischen Gruppen zu, die Regierung habe ja auch alle Forderungen der Opposition erfüllt, nun liege die Verantwortung bei ihr. "Unterstützen Sie diese Extremisten mit ihren Nazi-Symbolen, die mit Molotowcocktails die Polizei angreifen?", fragte er Klitschko mehrfach. "Das ist kein friedlicher Protest mehr."

Den Ex-Boxer hält es bei diesen Anschuldigungen nicht mehr auf dem Ledersessel. Wortlos verlässt er seinen Platz, nur um kurz darauf mit einem Stapel Broschüren zurückzukehren: eine Dokumentation der Polizeigewalt gegen die Demonstranten in drastischen Bildern, auf dem Titel das Wort atrocities – Gräueltaten. Er reicht sie herum, auch Koschara zeigt er sie. Der Außenminister hebt seine Brille und wirft nur einen flüchtigen Blick darauf. Einen weiteren Versuch, die Opposition für die Eskalation verantwortlich zu machen, quittiert Klitschko stumm, hält nur eines der Fotos hoch. Er geht als Sieger vom Podium, ohne Koschara die Hand zu reichen, doch später werden sie noch einmal reden.