Um viertel nach sechs an diesem Samstagabend schreitet der stellvertretende Bundessprecher der Alternative für Deutschland langsam nach vorne ans Rednerpult in der Erfurter Messehalle. Alexander Gauland räuspert sich und sagt: "Das ist nun keine ganz einfache Sache hier." Hinter ihm auf der Leinwand stehen ein paar Zeilen, die es in sich haben und die nun diskutiert werden sollten. Es geht um die Krim-Krise, um Russland und letztlich darum, was die AfD in der Welt will. Gauland behält Recht. Es wird wirklich keine einfache Sache.

Nachdem die AfD zum Auftakt ihrem Vorsitzenden Bernd Lucke einen Korb gegeben hatte, indem sie sich weigerte, ihm mit einer neuen Satzung noch mehr Macht zu geben, widmet sich die Partei danach auf ihrem Parteitag der inhaltlichen Selbstfindung. Ein Europawahlprogramm wird verabschiedet und eine Ukraine-Resolution diskutiert.

Nicht nur wegen der beschlossenen Inhalte, auch aus zwei weiteren Gründen ist das sehr aufschlussreich. Weil es erstens zeigt, wie weit die Positionen noch auseinanderliegen bei all jenen, die sich zur "Volkspartei des gesunden Menschenverstandes" (Lucke) zählen, wie sehr also die inhaltlichen Fliehkräfte noch an der jungen Partei zerren. Und weil zweitens die Parteispitze um Lucke gleichzeitig vorführt, wie sie diese Fliehkräfte zusammenzuhalten versucht, wie sie diese Partei führen will.

Insgesamt bitte deutlich weniger Geld ausgeben

Zuerst zum Europaprogramm. Ein "Redaktionsteam" aus nur drei verdienten Herren, darunter der frühere BDI-Präsident und heutige Talkshow-Star Hans-Olaf Henkel, hatte mit der Unterstützung einer "großen Europakommission" einen 26-seitigen Entwurf erarbeitet: Weg mit dem Einheits-Euro, weniger Macht für "Brüssel", Auflösung des Rettungsschirms ESM, mehr Stimmgewicht für Deutschland in der Europäischen Zentralbank, Finanzpolitik komplett zurück in die Hände der Nationalstaaten. Keine Beitrittsverhandlungen mit der Türkei mehr, ein Vetorecht für nationale Parlamente gegen Gesetzentwürfe der EU, und insgesamt bitte deutlich weniger Geld ausgeben.

Man muss all das nicht für richtig oder überhaupt für praktikabel halten, die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat bereits die Widersprüchlichkeit dieses Programms aufgezeigt. Dass das Programm aber nicht noch radikaler geworden ist, liegt an Lucke und daran, wie er die Debatte bestimmte.

Der Landesverband Bayern kam mit einigen Forderungen zum Parteitag nach Erfurt, die er vorher von seinen Mitgliedern hatte abstimmen lassen und die das EU-Programm in eine deutlich rechtere, mindestens aber populistischere Ecke gedrückt hätten. Die bayerischen AfD-ler wollten das Recht auf politisches Asyl begrenzen. "Wollen wir das wirklich?", fragte Lucke zurück, "das würde einen sehr ungünstigen Eindruck vermitteln". Antrag abgelehnt.

Volksabstimmung über die Kündigung des Vertrags von Lissabon, die Geschäftsgrundlage der EU? Lucke: "Diesen Vertrag kann man juristisch gar nicht kündigen." Antrag abgelehnt.

Schulen sollen Kinder nicht weltanschaulich und religiös beeinflussen: "Wir wollen doch, dass die Schüler Gewaltenteilung und unser Rechtsverständnis lernen, und den Religionsunterricht wollen wir ja wohl auch nicht abschaffen", sagt Lucke. Antrag abgelehnt.

Schluss mit der Diskriminierung der deutschen Sprache in der EU-Bürokratie! Dazu sagt Lucke nichts. Der Antrag wird angenommen. Die Macht des Parteichefs scheint fast unbegrenzt in dieser Phase, was er sagt, wird gemacht. Weil er auf Mäßigung drängt, sind die offiziellen programmatischen Beschlüsse der AfD moderater als die Einstellungen vieler Parteimitglieder.