Wolfgang Schäuble hat Hitler gesagt – laut genug, dass es allerorten vor Empörung brodeln wird. Ausgerechnet vor Schülern zog er Parallelen zwischen der Annexion der Krim durch Russland und dem Vorgehen des Nazi-Regimes 1938: "Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr."

Mit solchen Vergleichen macht man sich in Deutschland selten Freunde, höchstens die falschen. Es geht eigentlich immer schief. Nicht nur, weil die gezogenen Parallelen oft schräg sind. Vor allem, weil beim Schwingen dieser rhetorischen Keule gleich alles Schreckliche mitgedacht ist, was das Dritte Reich zur historischen Singularität macht. Längst sollten alle gescheiten Teilnehmer des öffentlichen Diskurses wissen, dass sie dafür kräftig auf die Mütze bekommen. Sie tun es trotzdem.

Man denke nur an Helmut Schmidt, der schimpfte: "Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch." Oder an Herta Däubler-Gmelin, die als Justizministerin über den amerikanischen Präsidenten George W. Bush sagte, er wolle mit dem Irakkrieg von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken: "Das ist eine beliebte Methode. Das hat Hitler auch schon gemacht."

Das Phänomen ist kein deutsches. Die Briten denken beim Fußball gelegentlich an Blitzkrieg, den Amerikanern rutscht in der Polit-Arena schon mal das böse H-Wort raus. Ja, selbst in Israel verweisen Schimon Peres oder Benjamin Netanjahu auf den Nationalsozialismus, wenn es um die Bedrohung ihres Volkes durch das iranische Atomprogramm geht.

Nun also Schäuble. Der alte Hase wird es aushalten, wenn man sich über seine Worte erregt, Entschuldigungen fordert, die Verharmlosung der Verbrechen des Nazi-Regimes beklagt. Das klingt erfahrungsgemäß schnell wieder ab; der Finanzminister hat auch bereits einräumen lassen, er habe es "klar abgelehnt, Russland in irgendeiner Weise mit dem Dritten Reich zu vergleichen", auch nicht Putin mit Hitler. Dennoch sah sich die Kanzlerin genötigt festzustellen: "Ich betrachte den Fall der Annexion der Krim als einen für sich stehenden Fall."

Ein Vergleich ist gerechtfertigt

Die Krim ist nicht das Sudetenland, und Russland ist nicht Nazi-Deutschland. Natürlich nicht. Putins Griff nach der Krim weist aber Analogien auf, die einen Vergleich rechtfertigen: Die NS-Propaganda behauptete, Tschechen würden Massaker an den rund drei Millionen Sudetendeutschen verüben, Hitler begründete die Annexion mit deren Schutz, versicherte anschließend, darüber hinaus habe Deutschland keine weiteren territorialen Ambitionen in Europa – es kam anders.

Wie Putin sich die Krim genommen hat, ist in der jüngeren europäischen Geschichte beispiellos. Man muss bis 1938 zurückgehen, um eine ähnliche Rechtfertigung für eine Annektierung von Staatsgebiet zu finden. Diese historische Parallele hat Schäuble aufgezeigt, er hat nicht Putin mit Hitler verglichen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber lernen lässt sich auch aus Ähnlichkeiten.

Schäuble ist bei Weitem nicht der Erste, der in Sorge vor den nächsten Schritten Putins in die Geschichtsbücher blickt. Manche erinnern an die britische und französische Appeasement-Politik, die Hitler gewähren ließ. Ein Jahr danach ließ er die Wehrmacht in Polen einmarschieren.   

Putin zog an der Grenze zur Ukraine Zehntausende Soldaten und schweres Gerät zusammen. Beobachter halten einen Einmarsch durchaus für möglich. Wenn Schäubles Zitat, der Vergleich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der deutschen Debatte dabei hilft, die Dramatik der aktuellen Lage zu verstehen, dann war es das wert.