In diesen Tagen denkt die ganze Welt an den Kalten Krieg. Ich denke an den Platz des himmlischen Friedens. 1989 saß ich tagelang vor dem Fernseher und sah die Live-Bilder aus Peking: Tausende demonstrierten für Demokratie vor dem Mao-Mausoleum auf dem Tian'anmen-Platz. Es war ein atemberaubendes Spektakel: Glasnost in der UdSSR und jetzt auch Demokratie in China! Das war der Aufbruch in eine neue Zeit des Friedens, der Vernunft, der Freiheit. Mir war klar, dass die chinesische Regierung keine andere Wahl hatte, als freie Wahlen zu erlauben. Was sonst? Auf unbewaffnete Studenten schießen? Während die ganze Welt zuschaute?

Dann kam der 3. Juni und das chinesische Militär begann zu schießen. Und hörte nicht auf, bis rund 2.700 unbewaffnete Demonstranten tot waren und noch einmal 7.000 verwundet. Das waren Tage, in denen ich etwas Grundsätzliches gelernt habe: Der Mensch ist kein moralisches Wesen.

Wir wiegen uns in dem Glauben, die Zeiten hätten sich geändert, die alten Tage der willkürlichen Machtherrschaft seien vorbei. Doch sobald wir unseren Wohlstand, unsere Sicherheit, unsere Macht gefährdet sehen, tun wir alles, um diese zu verteidigen. Der Mensch ist kein Moraltier, sondern ein Machttier, und seine Politik ist keine Moralpolitik, sondern Machtpolitik. Egal, wie er sie tarnt. Vieles wird sich auf dieser Welt ändern – das nicht.

Was auf der Krim passiert, ist ein interessantes Beispiel. Der russische Präsident Waldimir Putin hat ganz klare Interessen dort: Seine Flotte ist dort angedockt, und die Bevölkerung ist zu mehr als die Hälfte russisch. Als die EU den Pro-EU-Demonstranten zum Sieg verhalf, wurde ihm klar, dass er mit der Ukraine auch die Krim verlieren würde. Also annektierte er sie. Das ist Machtpolitik. Und nicht nur Putin betreibt sie.

Seit dem Mauerfall dehnt die EU ihren Einflussbereich immer weiter nach Osten aus, stets über den Protest von Putin hinweg. Und weil die neuen Mitgliedstaaten im Osten der EU freiwillig, sogar jubelnd beitreten, merken wir im Westen gar nicht, wie aggressiv wir expandieren. Putin aber ärgert sich wahrscheinlich jeden Tag darüber. In den vergangenen zehn Jahren war er zu schwach, um dem entgegenzutreten – jetzt sind wir die Schwachen.

Wir haben verlernt, wie die Welt funktioniert. Oder auch: Wir wollen es gar nicht wahrhaben. Stattdessen bilden wir uns ein, die Welt funktioniere auf einer größtenteils vernünftigen Basis, mit viel Kompromiss und Rücksicht, wo erwachsene Menschen ihre Konflikte höchstens noch bei der Fußballweltmeisterschaft austragen. Und das Gute (also wir) siegt immer.

Und weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass Machtpolitik kein Ding der Vergangenheit ist, wissen wir auch nicht mehr, damit umzugehen. Jetzt steht die EU am Scheideweg: Hat sie den Mumm, Machtpolitik mit Machtpolitik zu begegnen? Oder verkriecht sie sich wieder in den alten Mustern, wie die Deutschen im Kalten Krieg?

Deutschland im Kalten Krieg: Das bedeutet vor allem Friedensdemos. Und Sprüche. Und Empörung. Und Talkshows. Oh Gott, die Talkshows. All das nennt man Moralpolitik, und die Betonung liegt auf Moral. Politisch ist daran eigentlich nichts. Moralpolitik ist im Grunde dazu da, das Volk abzulenken, während die Politiker im Hintergrund ungestört die Entscheidungen fällen.

Oder, die Europäer – und vor allem die Deutschen – begegnen Macht mit Macht.