Sollte ich irgendwann mal eine extremistische Bewegung gründen, würde ich eines penibel vermeiden: rechtsradikales Gedankengut bedienen. Neonazis sind zu marginalisiert und die Verbrechen des Faschismus zu präsent. Damit könnte meine Bewegung nie in der Mitte der Gesellschaft Fuß fassen.

Nein, ich würde Verschwörungstheorien und Feindbilder suchen, die so allgemein akzeptiert sind, dass eine Mehrheit sich darauf einigen kann, ohne zweimal nachzudenken zu müssen. Ich kenne auch drei: den Kapitalismus, das Bankenwesen und Amerika.

Ich fürchte nur, ich bin zu spät.

Seit einigen Wochen halten kleine, aber wachsende Scharen von Menschen in mehreren Städten immer Montags sogenannte "Friedens-Mahnwachen" ab. Ihr Motto: "Frieden in Europa jetzt!" und – damit der Feind des Friedens auch beim Namen genannt wird – "Hinter allen Kriegen der letzten 100 Jahre steckt die amerikanische Zentralbank".

Die Presse berichtet vor allem über die Randgruppen, die sich zu den Demonstranten gesellt haben: rechte "Reichsbürger" zum Beispiel, die die BRD als Staat nicht anerkennen wollen, oder auch die "Chemtrails"-Anhänger, die glauben, die Regierungen der Welt würden den durch Flugzeuge verbreiteten Kondensstreifen unheimliche Chemikalien beimischen, um die Bevölkerung unfruchtbar zu machen.

Die meisten aber sind ganz normale Menschen, die Angst vor einem Krieg haben. Und zwar vor einem Krieg, von dem man nur auf diesen Mahnwachen hört: Dem Dritten Weltkrieg, der gerade in der Ukraine von der Nato und der amerikanischen Zentralbank vorbereitet wird.

Habe ich da was verpasst? Putin marschiert mit Panzern in ein unabhängiges Nachbarland der EU ein, das wird aber nicht als Konflikt zwischen Russland, der Ukraine und der EU ausgelegt, sondern als Kriegstreiberei der Nato und der amerikanischen Zentralbank. Das ist eine außergewöhnliche kognitive Leistung, die nur in Deutschland möglich ist.

Hier ist der feste Glaube schon lange etabliert, dass Amerika, die Banken und der Kapitalismus die ganze Welt zugrunde richten. Was vor 70 Jahren die "internationale jüdische Weltverschwörung" war, ist heute "Die Amis, die Banken, der Kapitalismus".

Das haben wir – die Politiker und die Medien – erst möglich gemacht.

Zum Beispiel der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der 2005 in einem verzweifelten populistischen Versuch, Wähler zu gewinnen, internationalen Banken und sonstigen "Heuschrecken" die Schuld für die eigene Finanzlage in die Schuhe schob.

Oder die Schlagzeilen in den Jahren 2008 bis 2010: Was nach dem Kapitalismus kommt und Ist der Kapitalismus zu Ende? Seitdem weiß der Deutsche, wer an jeder Krise Schuld ist. Und das, obwohl der beispiellose Wohlstand der letzten 100 Jahre hierzulande dem Kapitalismus zu verdanken ist und auch von den Banken ermöglicht wurde.

Dann ist da noch Amerika, übrigens Deutschlands wichtigster Markt – seine Cash Cow.

Man kann gut und gern eine Menge an Amerika kritisieren, aber heute kennt kaum noch ein Deutscher die Realität in Amerika, die Mythen kennt er dafür umso besser: