Die Wahrheit über den Konflikt in der Ukraine? Die Amerikaner greifen nach den ukrainischen Weizenfeldern, weil sie vor den Toren der EU Genmais anbauen wollen – und zwar auf Betreiben des Agrarriesen Monsanto. Diesen Genmais wollen sie dann in Bio-Diesel umwandeln, der so billig ist, dass sie ihn wiederum in die EU exportieren können, um damit den EU-Markt für russisches Gas zu untergraben. Das endgültige Ziel: der Zusammenbruch Russlands.

Das, verehrte Leser, ist eine Verschwörungstheorie, und zwar eine echt plausible, die ich selbst erfunden habe und hiermit der Öffentlichkeit selbstlos zur Verfügung stelle. Denn viele Menschen gerade in Deutschland haben ein Problem: Sie wollen unbedingt den Konflikt in der Ukraine den Amerikanern in die Schuhe schieben, finden aber keine plausible Begründung. Nun bin ich gespannt darauf, wie lange es dauert, bis es heißt: "Kein Blut für Weizen!"

Wie Amerika im Moment tatsächlich zu der Krise in der Ukraine steht, ist eine ganz andere Geschichte: Wir wollen nämlich nichts damit zu tun haben.

Das merkt man nicht nur daran, dass über 80% der Amerikaner strikt gegen jede militärische Intervention sind, man merkt es vor allem an der Halbherzigkeit der Sanktionen, die Obama fordert.

Ein paar Truppen nach Polen

Nur Wochen nach dem russischen Einmarsch schloss er militärische Intervention aus, und seither warnt er vor einer Überreaktion. Dass er, um Polen zu beruhigen, dorthin ein paar Truppen schickt, wird zu Recht als "lachhaft" deklariert. 

Wenn man Obama fragt, warum er nichts Ernsthaftes gegen Russland unternimmt, antwortet er, seine Hände seien gebunden, solange die Europäer nicht mitziehen, die so viel Angst um ihre Profite haben.

"Nehmen wir an – um nur ein Beispiel zu nennen", sagte er, "wir würden gewisse Waffenexporte nach Russland verbieten. Wenn aber darauf jeder europäische Waffenexporteur die Lücke mit eigenen Exporten füllt, ist das wenig effektiv." Wen meint er jetzt damit? Ein kleiner Hinweis: Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.

Die amerikanische Reaktion auf den Ukraine-Konflikt ist so halbherzig, dass unsere Verbündeten sich schon Sorgen um ihre eigene Sicherheit machen.

Zum Beispiel Japan, das sich seit einigen Monaten mit China um ein paar Inseln streitet, und zwar immer hitziger. 

Bisher konnte Japan sich auf die USA verlassen: Vertraglich muss Amerika im Ernstfall für die Verteidigung Japans aufkommen. Nun hat der Inselstaat schon mal höflich angefragt, ob die USA ihre Verträge mit Japan im Ernstfall genauso wahrnehmen wird wie im Ukraine-Konflikt – nämlich gar nicht.

Putin, ein Super-Sensibelchen?

Was für den Rest der Welt offensichtlich ist, ist nach Deutschland noch nicht durchgedrungen: Auf Demos wird vom Dritten Weltkrieg gesprochen, selbst seriöse Medien verbreiten Angst. So hat neulich der Historiker Christian Hacke im Deutschlandfunk Obama vorgeworfen, er würde die Situation "anheizen", indem er Russland nicht als Super-, sondern bloß als "Regionalmacht" bezeichnet hätte. Dieser Putin muss wirklich ein Super-Sensibelchen sein!

Ich kann mir nur einen Grund vorstellen, warum immer mehr Deutsche das Problem den Amis in die Schuhe schieben wollen: Verantwortung. Denn als größtes und reichstes Mitglied im Club der EU trägt vor allen anderen Deutschland die Verantwortung für das Problem "Russlands neuer Imperialismus".

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine ist eine Reaktion darauf, dass die EU das Land aus dem russischen Einflussbereich und unter den eigenen Einfluss bringen wollte. Was Putin nicht kaufen konnte, nahm er sich mit Gewalt. Das hat viele Deutsche schockiert: "Wie? Auf jede Aktion folgt eine Reaktion? Das hat uns keiner gesagt!"

Nun muss die EU eine Entscheidung treffen: Entweder wird Russland weiterhin alles geschenkt, was es verlangt, oder die EU steht für ihre Interessen ein und sagt: "Bis hierhin und nicht weiter."

Jammern über Heizölpreise

Doch das geht nur, wenn die 28 Mitgliedstaaten als kohärentes politisches Gebilde auftreten – mit eigenem EU-Außenministerium, das geschlossen und verbindlich agiert. Für die Ukraine ist es sicher zu spät. Aber wenn wir wollen, dass Putin in Zukunft zweimal überlegt, bevor er Moldawien (10% russische Minderheit), Lettland (27%) und Estland (25%) "befriedet", muss die EU zu einer politischen Einheit werden, die man ernst nehmen kann und deren Sanktionen wehtun.

Doch was tut die europäische Führungsmacht Deutschland?

Es jammert und schimpft. Es hat Angst vor schwindenden Profiten und steigenden Heizölpreisen. Es hat Angst vor Putin, vor dem Dritten Weltkrieg und vor der eigenen Verantwortung. Und zeigt mit zitterndem Finger auf die Amis, die, im Gegensatz zu den Deutschen, keine Angst haben, als Imperialisten beschimpft zu werden, wenn es darum geht, ihre Interessen zu wahren.

Nur leider haben wir diesmal keine Interessen in der Ukraine. Die traurige Wahrheit ist: Die Zukunft Europas liegt diesmal in der Hand der Deutschen.