Im Kommentarbereich des Ukraine-Live-Blogs auf ZEIT ONLINE läuft bereits eine emotionale Diskussion, als Nutzer "Pommy" sich einschaltet und die "Doppelstandards" des Westens moniert. Bei den Abstimmungen über die Abspaltung der Krim und im Osten des Landes seien gläserne Wahlurnen noch bemängelt worden, bei der Präsidentschaftswahl würden sie "plötzlich positiv dargestellt". Ein gutes Dutzend Beiträge hat "Pommy" bislang geschrieben, den ersten gerade mal am 19. Mai 2014. "Die G7 ist Geschichte", erklärt er etwa, das neue "Power-Couple" dagegen bestehe aus Russland und China. Aus welchem Antrieb heraus dieser anonyme Nutzer seine Kommentare verfasst, soll und wird hier nicht zu klären sein – mag sein, dass er sich seine Meinung gänzlich frei gebildet hat.

Allerdings verdichten sich die Hinweise, dass der Kreml im Kampf um die öffentliche Meinung aufgerüstet hat. Soziale Netzwerke und Kommentarleisten wichtiger Medien sind im Visier der russischen Propaganda-Maschine. Vor allem in Deutschland, England und den USA hat eine Debatte über manipulierte Kommentare begonnen, doch so vielfältig die Verdachtsmomente sind, so dürftig sind die Beweise. Und nicht alle Wege führen nach Moskau.

Für die extreme Häufung prorussischer Kommentare auf westlichen Medienseiten gibt es denn auch mehr als eine mögliche Ursache. Die wichtigsten: vom Kreml organisierte Kommentaragenturen, vollautomatisierte Computerprogramme (Bots), unabhängige patriotische Exilrussen und ganz und gar westeuropäische Bürger, die ihre gewohnten Nachrichtenportale für zu tendenziöse Berichterstattung kritisieren. Etwas abseits stehen die Verschwörungstheoretiker und Montagsdemonstranten – sie sind grundsätzlich antiwestlich gestimmt und nutzten den Ukraine-Konflikt lediglich als Aufhänger. Doch der Reihe nach.

800 Dollar im Monat fürs Kommentieren

Seit dem Herbst 2013 soll der Kreml den Aufbau eines Systems betreiben, das über soziale Netzwerke und Kommentare die Meinung in westlichen Ländern beeinflussen soll. In der renommierten Zeitung Wedomosti schrieb Ilja Klischin vor wenigen Tagen, dass die Ereignisse rund um die Massenproteste in Moskau Ende 2011 – als die Bürger sich über soziale Netzwerke zu Kundgebungen gegen die Regierung versammelten – zu einem Umdenken geführt hätten. Klischin bezieht sich auf geheime Quellen aus dem Umfeld von Präsident Wladimir Putin und schreibt, dass es sich beim Kopf der geheimen Propagandamaschine um Wjatscheslaw Wolodin handeln soll – den stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung, der als Vertrauter Putins auch auf der Sanktionsliste der Europäischen Union gelandet ist.

Vom Kreml gesteuerte Medienagenturen bezahlten demnach vor allem junge Menschen dafür, immer wieder die gleichen Textbausteine unter Artikel mit Russlandbezug zu setzen oder bei Facebook zu posten. Die Vorwürfe doppelter Standards und der Heuchelei westlicher Politiker gehören dabei zum gebräuchlichen Repertoire. Journalisten der Nowaja Gazeta und der St. Petersburg Times war es in den vergangenen Monaten gelungen, solche Agenturen anonym zu besuchen und detailliert vom Arbeitsalltag zu berichten. Um die 800 Dollar verdienten Mitarbeiter dort für einen Monat "Copy & Paste"-Dienst am Vaterland, wahlweise um "Oppositionsführer Nawalny mit Dreck zu bewerfen" oder das umsichtige Handeln der russischen Regierung zu loben.

Von russischen Hackern erbeutete Dokumente deuten an, dass die bisherigen Bemühungen des Kremls um die Meinungshoheit bei Facebook, dem russischen Pendant "Vkontakte", und bei ausgewählten Medien lediglich Aufwärmübungen für deutlich weiterreichende Aktivitäten darstellen. So werden beispielsweise die Eigenheiten des Kommentarbereichs der amerikanischen Huffington Post besprochen, wo etablierte Kommentatoren weiter oben auftauchen und Beiträge frisch angemeldeter Leser deshalb weniger wahrgenommen werden. Bis zu 100 Accounts seien dort deshalb anzulegen, heißt es in den Dokumenten.