Die CDU ist wenigstens konsequent. Der konservative europäische Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker, der offiziell auch von den deutschen Christdemokraten unterstützt wird, taucht auf ihren Wahlplakaten nicht auf. Stattdessen wirbt Angela Merkel für die Europawahl, mit ähnlich nichtssagenden Slogans wie bei den anderen Parteien, obwohl sie gar nicht kandidiert.

Doch Merkel ist die eigentliche Herrscherin der EU. Und sie wird es auch nach dem 25. Mai bleiben, egal wie die Wahl ausgeht. Und egal, wer künftig der Brüsseler Kommission vorsteht.

Die europäischen Parteifamilien tun jedoch so, als hätten die Wähler diesmal tatsächlich die Wahl. Als hätten sie es in der Hand, wen das neue EU-Parlament zum künftigen Chef der europäischen Exekutive bestimmt. Sie haben deshalb erstmals europäische Spitzenkandidaten aufgestellt, die sie als Anwärter für den Brüsseler Spitzenposten verkaufen.

Selbst die Linken haben einen gemeinsamen Bewerber gekürt, den Griechen Alexis Tsipras, obwohl der zu den entschiedensten EU-Kritikern gehört und er wie die Kandidaten der Grünen und der Liberalen keine Chance hat, Kommissionspräsident zu werden – noch weniger, als einstmals Guido Westerwelle Bundeskanzler zu werden. 

Unterschiede in Nuancen

Die Kandidaten touren jetzt unermüdlich durch Europa. Sie halten in allen 28 Mitgliedsländern Kundgebungen ab, sie diskutieren miteinander im Fernsehen und in TV-Duellen, als ginge es wirklich um was. Das funktioniert aber schon deshalb nicht, weil sie sich inhaltlich nur in Nuancen unterscheiden, weil sie – abgesehen von Tsirpas, der sich den TV-Runden verweigert – alle entschiedene Pro-Europäer sind.

Und wo es doch mal Unterschiede gibt, wie etwa beim Streit um die Eurobonds, die von dem sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Martin Schulz deutlicher befürwortet werden als von Juncker, behält Schulz seine Meinung wohlweislich für sich. Denn er weiß, dass eine wie auch immer geartete Vergemeinschaftung von Schulden bei den Wählern im Norden, insbesondere in Deutschland, nicht populär ist.

Die wahren Konkurrenten in der Debatte um die Zukunft Europas sitzen nicht dabei, aber sie beherrschen den Europawahlkampf: die Euroskeptiker und Rechts- wie Linkspopulisten. Sie wollen ein anderes, meist weniger oder gar kein gemeinsames Europa. 

Im offiziellen Wahlkampf der etablierten Parteien spielen sie jedoch lediglich als Schreckgespenst eine Rolle, weil denen in ihrer seit Jahrzehnten eingeübten Immer-mehr-Europa-Routine ein Rezept und eine Strategie fehlt, mit dieser massiven entgegengesetzten Unterströmung umzugehen.

So wohlfeil wie folgenlos

Und so wird in diesem eigenartigen Wahlkampf, der eigentlich der bisher europäischste und politischste werden sollte, erst gar nicht über die Zukunft der europäischen Einigung gesprochen.

Stattdessen arbeiten sich die versammelten Europapolitiker an den bekannten Stichworten ab: weniger Brüsseler Bürokratie und Überregulierung, garniert mit entsprechenden Beispielen; Rückgabe einzelner Kompetenzen an die Mitgliedsstaaten; mehr gemeinsame Politik dort, wo es nur gemeinsam geht, aber keine unnötige Einmischung in nationale und regionale Belange.

Alles so wohlfeil wie absehbar folgenlos, weil die Brüsseler Maschinerie auch nach dieser Wahl weiterrattern dürfte wie gehabt.