Als ich in den 1980er Jahren nach Deutschland kam, war ich richtig Europa-verliebt. Wie jedem Amerikaner wurde auch mir in der Schule eingetrichtert, dass Europa eine Utopie der Aufklärung, der Wissenschaften und der Intellektuellen sei, ein wundersames Märchenland der Kultur.

Immer mehr musste ich einsehen, dass das amerikanische Europa-Bild eine Fata Morgana ist.  Seit dem Fall der Mauer sind aus Europa kulturell, politisch und wirtschaftlich keine nennenswerten Impulse mehr gekommen. Mehr noch: Nirgendwo am Horizont ist ein neuer Freud, ein neuer Darwin, ein neuer Einstein, ein neuer Marx, ein neuer Carl Benz oder ein neuer Picasso zu sehen.


Dafür hat Russland mit der Annektierung der Krim ohne jeden effektiven Widerstand die Grenzen des akzeptierten Verhaltens übertreten und damit der Welt gezeigt, dass die EU kein ernstzunehmender Gegenspieler ist.

Und obwohl Deutschland vor Jahren das Ruder in der EU-Wirtschaftskrise übernommen hat,  hat das Wachstum in 26 der 28 Mitgliederstaaten immer noch nicht das gesunde Niveau von vor der Krise erreicht. Zum Vergleich: Die USA sind bereits seit 2011 wieder auf ihrem alten Wachstumsniveau.

Also passiert das, was immer in Europa passiert, wenn eine Wirtschaftskrise sich einfach nicht verabschieden will: Bei der Europawahl am Sonntag werden nationalistische Parteien mehrerer Staaten höchstwahrscheinlich mehr Sitze erreichen als zu irgendeiner Zeit seit 1945. Ist Europa gerade im Begriff, der Welt erneut zu beweisen, dass es partout nicht in der Lage ist, die eigenen Probleme zu lösen?

Am deutschen Horizont dämmert etwas auf, was schon öfter zum Untergang Europas geführt hat: Angst.

Na gut, "Angst" ist ein großes Wort. Ich spreche hier nicht von der Angst von 1933, als Deutschland tatsächlich unter einer harten Wirtschaftskrise litt. Das war eine große Angst. Die Angst heute ist kleiner – und kleinkarierter. Es ist nicht die Adrenalin-gesättigte Angst des Gejagten in einem Horrorfilm, sondern die dumpfe, wimmernde, selbstsüchtige Angst des Verwöhnten. Die deutsche Angst vor einer neuen Aufgabe, vor der Verantwortung und vor seiner Bedeutung in Europa ist die Angst der Angsthasen.