Der neue Staat ist flächenmäßig einer der größten im Mittleren Osten. Er reicht von Westsyrien bis ins Herz des Iraks, von der türkischen Grenze bis in die irakische Wüste unweit Saudi-Arabiens. Das Ziel seiner Herrscher ist ein Großreich vom Mittelmeer bis Bagdad, ein Terroristenstaat, beherrscht von der Al-Kaida-inspirierten Gruppe Isis. Ihre Kämpfer mit schwarzer Stirnbinde rücken nun gegen Bagdad vor. Mit jedem Meter, den sie erobern, bricht die uns bekannte Ordnung des Nahen und Mittleren Ostens zusammen.

Vergangenheit sind die Grenzen, die Briten und Franzosen einst im Ersten Weltkrieg für den Nahen Osten zogen. Passé ist die neue Ordnung im Irak nach der amerikanischen Invasion 2003, wo ein gewählter Ministerpräsident das komplexe Land zusammenhalten sollte. Obsolet auch iranische Vorstellungen von einer neuen Ordnung der Region. Keine Großmacht, keine internationale Organisation, keine Konferenz liefert die Blaupause für die neuen Grenzen – sondern eine Terrorgruppe.

Wenn etwas so katastrophal schiefgeht, dann muss die Frage erlaubt sein, wer eigentlich schuld daran ist. Daraus kann man dann auch schließen, wer nun etwas tun muss.

Viele würden nun instinktiv mit dem Finger nach Washington zeigen. Das muss man auch, aber es gibt zwei Staaten, die am Aufstieg von Isis wesentlich Mitschuld tragen: Iran und Russland. Der Erfolg der Terroristen ist unzweifelhaft eine Folge ihrer Hilfe für Baschar al-Assad, Präsident von Restsyrien. Assad führt seit 2011 Krieg gegen das eigene Volk. Das konnte er nur tun, weil er von Russland mit Waffen gratis hochgerüstet wurde. Und weil Iran ihm mit Truppen, Waffen und Beratern in Syrien beiseite stand.

Assad bekämpfte vor allem die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA), bombardierte ihre Hochburgen. Er zog gegen die moderaten Muslimbrüder zu Felde, um sich seinen Lieblingsfeind zu stärken – Isis. Denn nur wenn Isis stark ist, kann er sagen: Ich oder das Chaos. Die Schiiten-Allianz von Assad und Iran, plus Russland im Hintergrund, hat damit viele der mehrheitlich sunnitischen Syrer in die Arme der sunnitischen Terroristen getrieben. Das Ergebnis ist, dass wesentliche Teile von Syrien nun zu Isistan gehören.

Im Irak hat der schiitische – von Teheran gestützte – Ministerpräsident Al-Maliki nach seiner Wahl rücksichtlos seine Macht ausgedehnt. Maliki verdrängte mit Zustimmung Irans viele Sunniten aus Behörden und Armee. Maliki zerstörte die heikle Balance von Sunniten, Schiiten und Kurden im Land. Jetzt muss er zusehen, wie seine Armee unter dem Ansturm von Isis kollabiert. Plötzlich ruft er nach den Amerikanern.

Washington hat Maliki in den vergangenen Jahren unterstützt. Das ist noch der geringste in einer Reihe von Fehlern und Dummheiten. Die Zerstörung des alten Iraks in der Invasion von 2003 geht auf das Konto von George W. Bush. Das war die Urkatastrophe und der Beginn des Vakuums in der Region. Die maximale Zurückhaltung im syrischen Krieg muss sich Barack Obama anrechnen lassen. Die Europäer – mit der Ausnahme Frankreichs – bestärkten ihn im Raushalten. So blieb die Freie Syrische Armee ohne starke Unterstützung einer Großmacht, so konnte Assad sie kleinkämpfen, so wuchs Isis zur Großkampftruppe.

Dieser Aufstieg hätte vielleicht gebremst werden können, wenn reiche Sponsoren aus den Golfstaaten mehr Geld der FSA und weniger den Dschihadisten gegeben hätte. Und wenn die Regierung der Türkei sorgfältiger darauf geachtet hätte, wer da über ihre Grenzen nach Syrien zieht. Lange hat Ministerpräsident Erdoğan die Augen geschlossen. Er war blind in seinem Hass auf den abgefallenen "Bruder" Baschar al-Assad, mit dem er vor fünf Jahren gemeinsam Urlaub machte und den er vor drei Jahren "Hitler" nannte. Jetzt trägt der ganz aktuelle "Hitler" ein schwarzes Stirnband.

Insgesamt gibt es also eine erhebliche Zahl von Mitschuldigen am Kollaps zweier Zentralstaaten im Mittleren Osten und am Erfolg von Isis. Iran, Russland, die USA, die Türkei, die Golfaraber und mittelbar auch EU-Staaten müssen sich nun fragen lassen, was sie bereit sind zu tun. Als Koalition der Reuigen sollten sie die Verantwortung übernehmen. Das Bush-Desaster von 2003 will keiner wiederholen, deshalb ist der UN-Sicherheitsrat der richtige Rahmen. Aber vielleicht dann mal ohne russisches Veto.