Mein lieber Shixue!

Du bist patriotischer Chinese. Ich bin patriotischer Ami. Deshalb wird uns keiner glauben, dass ausgerechnet wir beide letzte Woche in Peking friedlich bei einem guten chinesischen Bier beieinander saßen und das finanzielle Schicksal Europas erörterten. Vielleicht war das auch der Grund, warum wir uns nicht die Schädel eingeschlagen haben: Trotz unserer ideologischen Differenzen verbindet uns eine tiefe Liebe zu Europa.

Europäer und Chinesen haben ja erstaunlich viel gemeinsam. Zum Beispiel: Das erste, was ein Europäer über China lernt, ist, dass die Chinesen glauben, sie seien der Nabel der Welt. Da können wir nur müde lächeln. Sicher, ihr habt das Schießpulver erfunden, aber das ist lange her. Nein, die Europäer wissen, dass das nicht sein kann, da ja ganz klar Europa der Nabel der Welt ist!

Lach jetzt nicht, die Europäer glauben das wirklich! Immer noch halten sie ihre Vorstellung von Kultur, Politik und Moral für international maßgeblich. Dass ihre Glanzzeit fast genauso lange vorbei ist, wie die der Chinesen, bekommen sie nicht mit.

Wie oft hast Du in Brüssel gehört, dass ein Europäer Menschenrechte in China fordert? Natürlich sind ihm die Menschenrechte für andere in Wirklichkeit egal. Das ist nur seine Art zu sagen: Wir sind immer noch moralisch überlegen. Auch die anderen Vorurteile, die die Europäer über China pflegen (Smog! Produktfälschung! Überbevölkerung! Raffgier! Unterdrückung!), sollen vor allem beweisen, dass sie besser sind als die Chinesen.

Dabei könnte der Europäer einige chinesische Eigenschaften gut gebrauchen. Zum Beispiel eurer ungeheures Potenzial zur Veränderung.

Während die Deutschen an der Vergangenheit kleben wie Kaugummi an der Sohle, schmeißen sich die Chinesen mit einer ungeheuren Lebenslust in jede neue Aufgabe, egal, wie furchterregend sie ist. Das sah man in den 1980ern: Gefühlte fünf Minuten, nachdem Deng Xiaoping die Worte "Reich werden ist ruhmvoll!" äußerte, haben deine Landsleute ein Wirtschaftswunder hervorgebracht, das das deutsche Wirtschaftswunder wie Pipifax aussehen lässt.

Schau dir dagegen die Deutschen an, wenn sie vor einer neuer Aufgabe stehen: Sie erfinden die bizarrsten Bedenken, geben sich langen, quälenden Diskussionen hin und malen alles Schwarz, was ihnen in den Sinn kommt – damit sie bloß nicht an die Arbeit gehen müssen. Eher baut Berlin ein Flughafen, als dass die Deutschen mit der Europäischen Union etwas Anständiges hinkriegen. Wenn die Chinesen die Verantwortung für die EU hätten, würde es hier anders aussehen, aber hallo.

Die Chinesen sind auch ehrlicher als die Europäer.

Nehmen wir als Beispiel das Kapitalismus. Die Chinesen haben Spaß daran, Geld zu verdienen, sie sind stolz, anderen zu zeigen, dass sie erfolgreich sind, sie tragen ihre Statussymbole wie Auszeichnungen – sind sie ja auch.

Auch die Deutschen scheffeln Geld ohne Ende. Deutschland gehört ja zu den erfolgreichsten kapitalistischen Völkern der Welt; auch hier dreht sich das Leben des durchschnittlichen Bürgers um Geld, Geld, Geld. Nur, sie würden es niemals zugeben.

Sie häufen ebenfalls Statussymbole an, von teuren Biolebensmitteln über den Lanzarote-Trip bis hin zum BMW, aber sie tun so, als ob es keine sind: Bio essen sie, um die Welt zu retten; BMWs fahren sie, weil das verlässliche Autos sind, und auf den Kanaren überwintern sie, weil jeder weiß, wer sich gut erholt, arbeitet auch besser. In anderen Ländern nennen wir das "Heuchelei"; in Deutschland nennt man das "kritisches Denken".

Als Du – ein waschechter Ökonom – vor nicht zu langer Zeit beruflich in Brüssel weiltest, hast du einen sehr interessanten – und sehr wahren – offenen Brief an Europa geschrieben. Darin beklagst du, dass die EU China in vielfältiger Weise auf Distanz hält. Und das, obwohl China viel Geld in Europa investiert. Dafür ist China gut genug – aber als strategischer Partner wird das Reich der Mitte nicht ernst genommen.

Du hast Recht, aber was mich an deinem Brief fasziniert, ist etwas, was ich zwischen den Zeilen lese: Dein Land hat offenbar ein starkes Bedürfnis – vielleicht sogar eine innige Sehnsucht – vom Westen anerkannt zu werden.

 Anerkennung! Vom Westen! Wer hätte das gedacht!

China hat verstanden, dass es die letzten paar Jahrhunderte verschlafen hat. Es versteht, dass der Weg zurück in die Liga der großen Nationen nicht über große Batzen Geld oder gar über militärische Macht führt. Es geht um etwas kaum Fassbares, um irgendwas wie gegenseitigen Respekt. Vor ein paar Tausend Jahren wurde China respektiert. Jetzt braucht das Reich der Mitte den Respekt des Westens, um wieder zum Reich der Mitte zu werden.

Und das, mein lieber Shixue, nennen wir in Europa eine "Achillesferse".

Noch haben die Europäer Angst vor China. Noch begreifen sie Euch als eine Art mythischen Drachengott, der sich aus den tiefen Schatten der Neun Heiligen Berge erhebt und die westliche Welt verschlucken will. In Wahrheit steht China draußen vor der Tür und bittet den Westen kleinlaut um Mitgliedschaft im Club der Moderne.

Wenn der Westen das einmal kapiert, wird er viel mehr Veränderung von China verlangen, als China lieb sein kann.

Oder habe ich da was übersehen? Ich freue mich auf die weitere Diskussion – das nächste Mal aber in Berlin bei einem guten deutschen Bier!

Mit dem besten Aloha nach Peking, Dein Eric T. Hansen