Robert Leicht, 69, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V. © Nicole Sturz

So – das finden also unsere Freunde in Washington nicht gut, dass wir über ihre Spionage gegen unsere Regierung öffentlich wahrnehmbar verärgert sind und unsere Regierung sogar Schritte ergreift, in untertänigster Höflichkeit: Da wird der Botschafter nur "eingeladen" und nicht etwa "einbestellt", da wird der CIA-Resident nur "gebeten", das Land zu verlassen und nicht etwa zur Persona non grata erklärt. Trotzdem: Der große Bruder ist verstimmt – weil wir es sind.

Da hilft es freilich zunächst nichts, wenn man zu Recht sagt: Wir hätten doch gemeinsam viel wichtigere Probleme auf der Welt – und die Amerikaner sowieso... Gerade weil das tatsächlich so ist, wirkt das Ausspionieren unter angeblichen Freunden und aufeinander angewiesenen Partnern derart ungehörig; und zwar deshalb, weil sich eben in dieser Rücksichtslosigkeit ein außerordentliches Maß an grundsätzlicher Herablassung äußert: Ober sticht Unter!

Es mag schon sein, nein, es ist so, dass die amerikanische Nation von dem Schock des 9/11 ganz tief verletzt und verändert wurde – und dass der War on Terror zur Staatsräson geworden ist. (Man muss sich ja nur einmal überlegen, was hierzulande los gewesen wäre, wenn Terroristen Flugzeuge in die Bürotürme der Frankfurter Skyline gesteuert hätten.) Wer kann, darf sich gerne an die Schreckenszeiten des deutschen RAF-Terrorismus erinnern.

Das einmal zugestanden: Die US-Spionage gegen unsere Regierungsorgane hat damit überhaupt nichts zu tun! Oder wollte jemand im Ernst behaupten, man müsse die Kanzlerin zwecks Terrorabwehr abhören? In den jüngsten Tagen ist vielmehr deutlich geworden, worum es hier wirklich geht: Aus Washington war zu hören, die Deutschen unterhielten ja gewisse engeren, also mithin unkeusche Beziehungen etwa zu Russland und zum Iran – und man habe doch ein legitimes Interesse, zu erfahren, was dabei wirklich los ist. Mit anderen Worten: Die Deutschen nehmen sich eine eigenständige Politik heraus, aus den ordentlichen diplomatischen Kanälen erfährt man nicht die Wahrheit – die Deutschen scharwenzeln also mit unseren Gegnern und schwindeln uns darüber an. Also müssen wir die Bundesregierung geheimdienstlich überwachen und ausspionieren. Und wenn sie sich darüber wahrnehmbar aufregen, dann tadeln wir solchen Ärger als "unreif".

Das Grundmuster ist einfach zurückzuverfolgen: Nach der bedingungslosen Kapitulation von Hitler-Deutschland war der Rest des Deutschen Reiches seit 1945 Besatzungsland – und die Reste des Besatzungsstatus wurden erst 1990 mit der Wiedervereinigung und dem 2+4-Abkommen aufgehoben; de iure und auf dem Papier. Doch in den Mentalitäten wirkt dieses Macht- und Autoritätsgefälle noch weiter – übrigens auf beiden Seiten. Washington fragt sich immer wieder: "Was erlaube Deutschland?" Und irgendwie können wir es den Amerikanern (und ein bisschen auch den Engländern und Franzosen) nicht ganz vergeben, dass sie uns nach und trotz Hitler in den demokratischen Westen geführt und aufgenommen haben – was wir ja auch dringend nötig gehabt hatten. Weshalb in unserer Kritik an "den Amerikanern" auch dort, wo sie berechtigt ist, stets auch ein Element überkompensatorischer Selbstgerechtigkeit mitschwingt. Was machten wir nur, wenn Amerika tatsächlich fehlerfrei wäre?

Trotzdem. Unter Freunden gehen bestimmte Sachen eben nicht. Und deshalb gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder unterbleiben künftig bestimmte Sachen bei Drohung deutlicher Zurechtweisung – oder, wenn und weil dies nicht zu erwarten ist, wir stellen das hohle Pathos der "deutsch-amerikanischen Freundschaft" ein und sprechen stattdessen nüchterner von den deutsch-amerikanischen Beziehungen und den dort zumeist übereinstimmenden, immer wieder auch divergierenden Interessen – und verfolgen dabei die unseren gelassen und im einigermaßen aufrechten Gang. Wenn die gemeinsamen Interessen wirklich so überwältigend sind, werden sie beides aushalten: das gegenseitige Ausforschen und Spionieren wie auch den Skandal, wenn solche Anzapfereien entdeckt und sanktioniert werden.

Vielleicht werden daraus dann ja wirklich einmal reife Beziehungen...