Russische Soldaten sind laut Angaben der Nato in die Ukraine eingedrungen und haben die ukrainische Armee angegriffen. Sowohl über die Grenze hinweg als auch von ukrainischem Gebiet aus habe die russische Artillerie die ukrainische Armee beschossen, teilte das Militärbündnis mit. Der New York Times sagte eine Nato-Sprecherin, dass auch russische Luftabwehr und Spezialeinsatzkräfte in der Ukraine zum Einsatz kämen.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen warf Russland vor, eklatant gegen seine internationalen Verpflichtungen zu verstoßen und die Krise zu verschärfen. Auch Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove warf Russland vor, die Krise anzuheizen. "Legitime humanitäre Hilfe sollte nicht gewaltsam über internationale Grenzen hinweg geschmuggelt werden – ohne Zustimmung und ohne die Beteiligung internationaler Hilfsorganisationen", sagte Breedlove. Die humanitäre Notlage in der Ukraine müsse zwar angegangen werden, dies dürfe aber den Konflikt nicht noch verschärfen.

"Die schamlose Missachtung internationaler Normen und Praktiken durch den Konvoi ist ein Grund für schwere Besorgnis mit Blick auf Russlands wahre Motive bei den Vorratslieferungen über die Grenze", sagte Breedlove. "Ein erzwungener Übertritt ohne Erlaubnis oder Eskorte deutet darauf hin, dass Russland mehr daran interessiert ist, Separatisten neu zu versorgen als die örtliche Bevölkerung zu unterstützen."

Merkel lobt ukrainische Besonnenheit

Die USA haben Russland unterdessen aufgefordert, den umstrittenen Hilfskonvoi aus der Ukraine abzuziehen. "Russland muss seine Fahrzeuge sofort vom Gebiet der Ukraine zurückziehen", sagte John Kirby, Sprecher im Verteidigungsministerium. Zugleich drohte er indirekt mit neuen Sanktionen. Die USA würden mit ihren Partnern über weitere Konsequenzen beraten. Man sei sehr besorgt über die Lage, sagte Kirby. Russland dürfe den Konvoi nicht als Vorwand nehmen, unerlaubt die Grenze zu überschreiten.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich in zwei Telefonaten mit den Präsidenten der Ukraine und Russlands besorgt. Russland habe eine Eskalation der schon angespannten Situation billigend in Kauf genommen, sagte ihr Sprecher Steffen Seibert. Zugleich habe Merkel die besonnene ukrainische Reaktion gelobt. Trotz des russischen Vorgehens müsse alles versucht werden, damit die Hilfslieferung unbehelligt zu den Menschen in Not komme. Dies müsse genauso für den ukrainischen Konvoi gelten, der bisher von den Separatisten blockiert werde.

Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates

Die EU-Kommission warf Russland eine "klare Verletzung der ukrainischen Grenze" vor. Die russische Regierung müsse diese Entscheidung rückgängig machen, sagte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton. Zu begrüßen sei hingegen die Zurückhaltung der ukrainischen Behörden angesichts der direkten Invasion.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief noch für Freitag eilig eine Sondersitzung ein, um die Lage in der Ukraine zu besprechen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich besorgt über das eigenmächtige Vorrücken des Konvois: "Auch angesichts der sich verschlechternden humanitären Lage hat jede eigenständige Aktion das Potenzial, die bereits gefährliche Situation in der Ostukraine zu verschlechtern". Mehrere Staaten forderten die russische Regierung bei der Sitzung auf, die Lastwagen zurückzurufen, weil sie illegal in das Land gefahren seien. Russland wiederum beteuerte, dass es sich nur um Hilfslieferungen handele. 

Russlands Botschafter bei den Vereinten Nationen mokierte sich über Stimmen aus Kiew, die hinter dem Konvoi einen verdeckten Militäreinsatz vermuten. An Bord der rund 300 Lastwagen seien lediglich Stromgeneratoren, Zucker, Teepackungen und Babynahrung, sagte Witali Tschurkin vor der Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats. Auf die Frage, ob der Konvoi auch die prorussischen Milizen unterstützen solle, antwortete er spöttisch: "Mit Babynahrung?"