Als vor einem Vierteljahrhundert der Kalte Krieg zu Ende ging, warfen drei amerikanische Polit-Philosophen einen Blick voraus. Nacheinander legten Francis Fukuyama, Samuel Huntington und Robert Kaplan ihre gänzlich verschiedenen Drehbücher der Zukunft vor. Alle wurden sie damals heiß diskutiert. Wie nehmen sie sich heute aus?

Fukuyama rief 1989 das Ende der Geschichte aus. Der Sieg des Liberalismus, der Demokratie also und des freien Marktes, sei unumkehrbar, behauptete er; vor uns lägen "Jahrhunderte der Langeweile". Selten ist eine These von der Wirklichkeit so schnell, so schnöde dementiert und demontiert worden. Die Geschichte ist weitergegangen, wie sie immer weitergehen wird, solange es die Menschheit gibt. Und sie ist nicht in erfreulicher Richtung weitergegangen.

In seinem Aufsatz The Clash of Civilizations (1993) verkündete dann der Harvard-Professor Huntington kurz und bündig: "Der Zusammenprall der Kulturen wird die Weltpolitik beherrschen." Die künftigen Kriege, so seine Voraussage, würden sich zwischen dem Westen und den nicht westlichen Kulturkreisen abspielen, zumal zwischen dem Westen und dem Islam, aber auch China. In ihrer Pauschalität traf diese Voraussage nicht zu. Wohl hatte Huntington erkannt, dass Radikalislamisten vom Schlage der Al-Kaida zur Vorhut eines muslimischen Zivilisationskrieges gegen den Okzident werden könnten. Eines jedoch hat er nicht gesehen: dass ein brutaler Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten innerhalb des Islams Vorrang gewinnen würde vor der Auseinandersetzung zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Dafür hat er durchaus richtig analysiert, dass das aufstrebende China sich aus einer Status-quo-Macht in eine expansionistische Macht verwandeln könnte.

Das dritte Drehbuch entwarf Robert Kaplan in seinem Aufsatz The Coming Anarchy (1994). Er prophezeite, dass die Welt vor einer heillosen Periode stehe, gekennzeichnet von Kämpfen um Wasser, Nahrung, saubere Luft; von Konflikten um Rohstoffe; von innerstaatlichen Unruhen und Stammeskriegen, von der Chaotik zerfallender, in die Anarchie abstürzender Staaten. Der Blick nach Afrika oder auf den Mittleren Osten lässt leider keinen Zweifel, dass Kaplan mit seiner Analyse ein trauriges Stück Wirklichkeit zutreffend beschrieb.

Die Frage ist, welche Art von Weltordnung sich aus dem gegenwärtigen Chaos entwickeln mag. Eine Davos-Welt, in der die Globalisierung – lies: Verwestlichung – robust fortschreitet, allmählich aber ein weniger westliches Gesicht bekommt, sondern durch China und Indien eine mehr und mehr asiatische Einfärbung erhält? Eine verwässerte Pax Americana, in der die USA präeminent bleiben, aber nicht mehr prädominant sind? Eine Welt, in der ein IS-ähnliches Neues Kalifat gegen die Vorherrschaft des westlichen Wertesystems anstürmt? Eine Welt der Angst, in der nicht staatliche Akteure – in erster Linie grenzüberschreitende Terroristen, Cyberkrieger und global operierende Kriminelle – so viel Unsicherheit verbreiten, dass überall die demokratischen Freiheiten eingeschränkt und durch ein Orwellsches Überwachungssystem à la NSA ersetzt werden? Eine Welt ohne den Westen? Eine Welt, in der die Existenz der Atomwaffen den Krieg zwischen Staaten verhindert, in der jedoch innerstaatliche Konflikte – Bürgerkriege, Stammeskriege, Religionskriege – nationale und regionale Ordnungen zerstören?

Woraus sich die weitere Frage ergibt, wie sich der Westen angesichts solcher scheiternden, ins Chaos versinkenden oder mörderischen Staaten verhalten soll. Eingreifen, auch militärisch, in humanitären Interventionen, die sich auf die "Schutzverantwortung" der stabilen Mächte stützen, die von der UN-Vollversammlung gebilligte responsibility to protect? Oder aber, die Fehlschläge der jüngsten Interventionen von Somalia über Irak und Afghanistan bis Libyen vor Augen, sich um Gottes willen nicht in fremde Händel einmischen?

"Wir sollten eingreifen, also müssen wir", sagen die einen. "Wir können nicht, also sollten wir nicht", halten die anderen dagegen. Ethische Erwägungen stehen gegen realpolitische Überlegungen – gerade auch in der öffentlichen Diskussion, die Bundespräsident Gauck ausgelöst hat. Natürlich kann und darf man bewaffnete Interventionen nicht ein für allemal ausschließen. Ich bin jedoch grundsätzlich dafür, das Prinzip des amerikanischen Stardiplomaten und Historikers George F. Kennan zu beherzigen: sich vor Militärinterventionen zu hüten, solange nur unser Zartgefühl verletzt ist, nicht aber unsere Interessen berührt sind. Der Einsatz militärischer Gewalt, um Regime zu stürzen und Demokratien aufzubauen, ist einfach zu kostspielig, der Ausgang zu ungewiss, als dass man sich leichtfertig darauf verlegen dürfte. Und auch bei rein humanitären Aktionen ist der alte Rechtsgrundsatz ultra posse nemo obligatur nicht aus den Angeln zu heben: Niemand kann zu etwas genötigt werden, das sein Leistungsvermögen übersteigt.

Den bedrängten Menschen helfen, jawohl: in den überfüllten UN-Flüchtlingslagern in Gaza, Jordanien, im Libanon auch, in der Türkei und im irakischen Kurdistan. Und warum soll nicht auch unsere Luftwaffe Lebensmittel, Wasser und Medikamente für die verfolgten Jesiden im Sindschar-Gebirge abwerfen? Doch sollten wir – die Deutschen und überhaupt die Europäer – uns nicht einreden (oder einreden lassen), wir könnten mit Militär etwas ausrichten, wo selbst die Amerikaner sich nur höchst sparsam engagieren. In Gaza wie im Irak und in der Ukraine ist Staatskunst gefragt, nicht Kriegskunst.