Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Wolfgang Huber, hält Militäreinsätze etwa gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unter Umständen für eine moralische Pflicht. "Unsere Verantwortung für den Frieden kann im äußersten Notfall den Einsatz von Waffengewalt einschließen", sagte Huber der ZEIT. "Wir haben Verantwortung für andere und werden auch dann schuldig, wenn wir die Opfer des IS allein lassen."

Ein Militäreinsatz verstößt aus Hubers Sicht nicht notwendigerweise gegen das christliche Tötungsverbot: "Für mich schließt das Gebot 'Du sollst nicht töten' auch das Gebot ein: 'Du sollst nicht töten lassen'", sagte er. Der Einsatz für Frieden könne auch das Töten von Menschen einschließen: "Doch im Bewusstsein, dass Töten mit Schuld verbunden ist und dass Töten allein niemals hinreicht, um Frieden zu machen." 

Huber wandte sich damit gegen einen Pazifismus aus Prinzip, wie er in der Debatte über deutsche Militäreinsätze zuletzt von Margot Käßmann, seiner Nachfolgerin an der EKD-Spitze, vertreten wurde. "Pazifismus heißt nicht Passivität. Pazifisten sind diejenigen, die Frieden machen", sagte Huber. "Pazifisten sind nicht diejenigen, die alles geschehen lassen."

Kritik an langsamer Reaktion Deutschlands

Den Vereinten Nationen warf Huber vor, ihre Schutzverantwortung für die Opfer des IS-Terrors nicht wahrzunehmen. "Ich bedaure sehr, dass die Vereinten Nationen den Opfern nicht gerecht werden. Erstens, weil der Islamische Staat täglich mehr Menschen terrorisiert. Zweitens, weil die UN durch Untätigkeit ihre innere Legitimität untergraben", sagte der Theologe. Unverständlich sei auch das Zögern des UN-Sicherheitsrats.

"Das gilt auch für Sondersitzungen im Bundestag", sagte Huber weiter. Damit kritisierte er die nach seiner Meinung langsame Reaktion Deutschlands auf die Lage im Irak. Der Bundestag will am 1. September über Waffenlieferungen an die irakischen Kurden debattieren. Entscheidungsgewalt hat das Parlament aber nicht. Den Beschluss fasst allein die Regierung.