Die Proteste für mehr Demokratie in Hongkong haben in der Sonderverwaltungszone die Feiern zum 65. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China überschattet. Tausende Demonstranten trotzen in der Nacht dem heftigen Regen. Die Demonstrationen weiteten sich vom Finanzzentrum auf Hongkong Island auf das populäre Einkaufsviertel Tsim Sha Tsui auf der Halbinsel Kowloon aus, das auch bei Touristen sehr beliebt ist. 

Mit einem Schweigeprotest begleiteten die Demonstranten die morgendliche traditionelle Flaggenzeremonie, während Regierungschef Leung Chun-ying und Ehrengäste bei einem offiziellen Empfang mit Sektgläsern auf den Nationalfeiertag anstießen. Demonstrativ wandten Studentenführer und Aktivisten der Bewegung Occupy Central der Zeremonie den Rücken zu, als die Flaggen Chinas und Hongkongs gehisst wurden. Die Demonstranten hielten schweigend die Hände über Kopf gekreuzt.  

Bezirksrat Paul Zimmerman zeigte seine Unterstützung für die Proteste, als er in der Zuschauermenge bei der Feier einen gelben Regenschirm – ein Symbol der Bewegung – aufspannte.

Bei der Zeremonie verteidigte Regierungschef Leung den Beschluss des Volkskongresses in Peking, bei der Wahl des Hongkonger Regierungschefs 2017 nur von China abgesegnete Kandidaten zuzulassen. "Allgemeine Wahlen abzuhalten ist besser als überhaupt keine allgemeinen Wahlen zu haben", sagte Leung. "Wohlstand und Stabilität in Hongkong in der Zukunft zu wahren, ist ein wichtiger Teil des 'Chinesischen Traumes'." Leung bezog sich damit auf die Leitideologie von Staats- und Parteichefs Xi Jinping, die ein starkes und wohlhabendes China zum Ziel hat. 

In einem Beitrag für den US-Sender CNN schrieb Leung, dass die Debatte um das Wahlverfahren mit Vernunft geführt werden müsse. "Schiere Emotion wird zu nichts führen", schrieb er. Die Kritik der Demonstranten sei unberechtigt, weil das Nominierungsverfahren für die Kandidaten noch nicht festgelegt sei. 

Chinas Zensoren blockieren Nachrichten

Die Proteste waren über Nacht weiter friedlich verlaufen, während sich die Polizei zurückhielt, um Konfrontationen wie in der Nacht zum Montag zu verhindern. Heftiger Regen dünnte die Scharen etwas aus. Tausende blockierten aber am Morgen weiter wichtige Straßen in etlichen Stadtteilen. Das Feuerwerk zum Nationaltag, den die sieben Millionen Hongkonger mit zwei arbeitsfreien Tagen begehen, hatten die Behörden abgesagt. 

Die chinesische Zensur unternahm weiter große Anstrengungen, um die Verbreitung von Nachrichten aus Hongkong in der Volksrepublik zu unterbinden.

Der britische Premierminister David Cameron will den chinesischen Botschafter in London einbestellen. Zwar sei es nicht an Großbritannien, sich in jedes i-Tüpfelchen der Pläne Pekings einzumischen, sagte Cameron. Doch sei es wichtig, dass die Bürger von Hongkong ein echtes Recht darauf hätten, ihren Regierungschef zu bestimmen.    

Menschenrechtler berichten von Festnahmen in China

In China sind in den vergangenen Tagen nach Angaben der Menschenrechtsgruppe China Human Rights Defenders (CHRD) Dutzende Aktivisten festgenommen worden, weil sie die Proteste in Hongkong unterstützten. So sei in der Stadt Shenzhen, einer Sonderwirtschaftszone nahe Hongkong, der Aktivist Wang Long festgenommen worden, nachdem er Informationen über die Demonstrationen ins Internet gestellt hatte.

In Shanghai wurde der Gruppe zufolge die Aktivistin Shen Yanqiu festgesetzt, nachdem sie Tage zuvor ein Bild von sich selbst mit rasiertem Kopf als Unterstützung für die Hongkong-Proteste veröffentlicht hatte. Sie werde an einem unbekannten Ort festgehalten. Aktivist Song Ningsheng wurde festgenommen, weil er Fotos veröffentlicht hatte, auf denen er Plakate mit Parolen zur Unterstützung der Proteste zeigte.