Demonstranten laufen in Ferguson durch eine Wolke von Tränengas. © Jim Young/Reuters

Staatsanwalt Robert McCulloch hatte seine Ausführungen im Gerichtsgebäude von Ferguson noch nicht beendet, da flogen vor der Tür auf der Florissant Avenue bereits die ersten Steine und Flaschen. Die Entscheidung der Grand Jury, der McCulloch vorstand, den Polizisten Darren Wilson weder des Mordes noch des Totschlages am schwarzen Jugendlichen Michael Brown anzuklagen, war längst zu den Demonstranten hinausgedrungen. Den ganzen Tag hatten sie auf McCullochs Ankündigung gewartet. Nun entlud sich ihr aufgestauter Zorn. 

Es war der Auftakt zu einer langen Nacht der Proteste, in Ferguson und in den gesamten USA. In der Stadt, in der der Tod des unbewaffneten Michael Brown durch etliche Kugeln aus der Waffe von Wilson zum Symbol andauernder Polizeigewalt geworden ist, wurden Polizeiautos angezündet und Läden geplündert. Unweit des Stadtkerns von Ferguson blockierten Menschen den Highway I 44. Auch in anderen Städten des Landes trieb der Zorn die Menschen auf die Straßen. Durch New York, Chicago und Los Angeles marschierten Hunderte Bürger bis in die späte Nacht aus Solidarität mit Ferguson. 

Die Tatsache, dass erneut der Tod eines afroamerikanischen Jugendlichen durch die Staatsgewalt ungeahndet bleibt, hat im ganzen Land Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgelöst. Hinzu kommt: In dieser Woche starb ein zwölf Jahre alter Junge in Ohio durch Polizeikugeln. Der Junge hatte mit einer Spielzeugpistole hantiert, die ein Polizist wohl für eine echte Waffe hielt. In Brooklyn wurden zwei unschuldige Bewohner eines Sozialbaukomplexes von einem nervösen Polizisten in ihrem eigenen Treppenhaus erschossen.

Häufung von willkürlicher Polizeigewalt

Im Sommer waren alleine in der Woche, in der Michael Brown umkam, drei weitere unschuldige Afroamerikaner durch Polizeigewalt gestorben. In Los Angeles wurde der geistig behinderte Ezell Ford erschossen. In Ohio starb John Crawford, der gerade seinem Sohn in einem Kaufhaus eine Spielzeugpistole ausgesucht hatte. Und im New Yorker Stadtteil Staten Island wurde der 43 Jahre alte Eric Garner von Polizisten erwürgt, obwohl er keinen Widerstand gegen seine Verhaftung geleistet hatte.  

Amerika mag diese Häufung an willkürlicher Polizeigewalt nun nicht mehr ertragen. So sagte Jeffrey Mittman, Direktor der Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union von Missouri zum Spruch der Jury in Ferguson: "Die Entscheidung negiert nicht die Tatsache, dass Michael Browns Tod Teil eines alarmierenden nationalen Trends ist. Polizisten benutzen exzessive Gewalt gegen schwarze Amerikaner und werden in den seltensten Fällen dafür zur Rechenschaft gezogen." Auf den Schildern der Demonstranten von Ferguson waren Parolen zu lesen wie "Black Lives Matter" – auch schwarze Leben haben Wert. Ein wütender Demonstrant in Ferguson schrie die Polizei an: "Ihr seid schlimmer als der IS."

Angesichts dieser Rage wirkte die Bemühung von Präsident Barack Obama, die Gemüter zu beruhigen, eher unbeholfen. Obama versuchte mit einer Ansprache kurz nach McCullochs Mitteilung die Nation davon zu überzeugen, dass die Polizei in der überwiegenden Mehrheit der Fälle nicht aus rassistischen Vorurteilen heraus handele. Immerhin gestand Obama zu, dass es aus historischen Gründen ein Vertrauensproblem zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei gebe. Dieses Problem werde jedoch nicht dadurch gelöst, "dass jemand Flaschen schmeißt." 

Distanziertere Beobachter kritisierten derweil vor allem, wie die Behörden den Fall gehandhabt hatten. So schrieb der Kommentator Jason Johnson auf der Website des TV-Senders CNN, dass es hier "ein Versagen auf allen Ebenen" gegeben habe.

Vorwurf der Befangenheit

Besonders befremdet hatte die Experten die Tatsache, dass Staatsanwalt McCulloch der Grand Jury über Monate sämtliche Beweise und Indizien des Falles sowie alle Zeugen vorgeführt hatte. Die Grand Jury hat in den USA jedoch lediglich die Aufgabe, darüber zu befinden, ob eine Anklage erhoben werden kann. Dazu reicht der sogenannte probable cause aus – eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Straftatbestand vorliegt. Das dauert oft nur wenige Stunden.

Üblich ist auch, dass der Staatsanwalt eine Anklage vor der Grand Jury befürwortet oder sich dagegen ausspricht. McCulloch hatte hingegen keine Position bezogen, die Verantwortung auf die Jury abgewälzt und damit ein öffentliches Verfahren verhindert. "Das ist nicht richtig", urteilte Benjamin Crump, Anwalt der Familie Brown: "Die Öffentlichkeit hätte ein Recht gehabt, die Zeugen selbst zu hören."  

Immerhin hat McCulloch, dem schon vor dem Verfahren vorgeworfen wurde, polizeinah und befangen zu sein, nach seiner Pressekonferenz die der Grand Jury vorgelegten Beweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.  Aus dem Material geht hervor, dass Michael Brown den Polizisten Wilson attackiert hat, während der noch in seinem Dienstwagen saß. Es wurden Fotos von Wilson beigelegt, die Verletzungen an Kopf und Nacken zeigen. Wilson, zu diesem Ergebnis ist die Grand Jury gekommen, habe in diesem Handgemenge seine Waffe gezogen und Brown in die Flucht geschlagen. Erst als Brown sich umgedreht und auf Wilson zugegangen sei, habe der Polizist die tödlichen Schüsse abgefeuert.

Laut der Grand Jury lag angesichts dieser Faktenlage der Rechtsstandard der "objektiven Angemessenheit" vor, weil Wilson sich bedroht fühlte. Genau dieser Rechtsstandard wird jedoch in der Diskussion um Polizeigewalt massiv kritisiert. "In der Gerichtspraxis wird der Einschätzung des Polizisten, ob "objektive Angemessenheit" vorlag,  nie widersprochen", schreibt der Kommentator der politischen Wochenschrift The Nation. Aus diesem Grund käme es zu so wenigen Verurteilungen in Prozessen wegen Polizeigewalt.

Ferguson und der Fall von Darren Wilson bilden da keine Ausnahme.