Alice Bota ist Politik-Redakteurin der ZEIT in Hamburg © Privat

Karol Tendera ist Pole, 93 Jahre alt und verklagt das ZDF. Diese Woche hat der Prozess in einem Bezirksgericht in Tenderas Heimatstadt Krakau begonnen, weil das ZDF im November 2013 bei einem historischen Film über die Befreiung der Konzentrationslager von den "polnischen Vernichtungslagern Majdanek und Auschwitz" schrieb. Tendera fühlt sich dadurch persönlich verletzt. Vor allem aber fürchtet Karol Tendera, dass mit Worten, Verdrehungen und Ungenauigkeiten, nur häufig genug wiederholt, Geschichte irgendwann ganz anders erzählt werden könnte, nämlich so: Es waren polnische Konzentrationslager, also tragen die Polen die Verantwortung dafür. Deshalb klagt Karol Tendera.

Man kann das als übertrieben sehen. Empfindlichkeiten eines alten Mannes, Empfindlichkeiten eines ganzen Landes, auch die polnische Regierung wacht und ermahnt und schickt Protestnoten an Medien. Man kann das wichtigtuerisch, hysterisch, auch kleinlich finden: Fehler passieren bisweilen, zumal Journalisten, und niemand würde ernsthaft infrage stellen wollen, dass es Deutsche waren, die für die Vernichtung von Millionen Menschen verantwortlich waren. Vielen deutschen Medien ist dieser Fehler schon einmal unterlaufen, auch die  Zeitung Die Welt wurde bereits verklagt. Warum reicht nicht eine Korrektur, wie bei Fehlern üblich, und erledigt ist die Sache? Warum braucht es eine öffentliche Entschuldigung und 50.000 Euro, von denen Tendera verlangt, dass sie für gesellschaftliche Zwecke gespendet werden?

Und dann erzählt Tendera aus seinem Leben. Er sitzt in seiner kleinen Krakauer Wohnung, voll mit symbolischen Familienstücken, und erzählt lang und atemlos. Und man begreift, dass hier auch sein Leben verhandelt wird, seine Geschichte vom Vernichten und Überleben, die Wahrheit des Karol Tendera, die er durch ein schwerwiegendes Wort herausgefordert sieht, das ihn wirklich trifft, weil es ihm seine eigene Geschichte zu nehmen droht. Es waren ja nicht Polen, die ihn schlugen und folterten, sondern Deutsche.

Kartografie der Erinnerungen

Tendera war Häftling in Auschwitz-Birkenau. Ein Überlebender, noch heute rastlos und umtriebig. Er spricht vor Schulklassen von seinen Erfahrungen, manchmal kommen deutsche Bekannte zu Besuch, mit denen er über die Geschichte spricht. Er besucht immer wieder das alte Lager, das nicht weit weg von Krakau liegt. Er hat sich dem Club ehemaliger Häftlinge des KZs Auschwitz-Birkenau angeschlossen. Selbst von den größten Grausamkeiten, die er gesehen oder durchlebt hat, erzählt Tendera laut und schnell, ohne zu stocken, er muss gehört werden. Wenn Tendera sieht, wie dem Besucher die Gesichtszüge entgleisen ob des Unvorstellbaren und Unerträglichen, von dem er da spricht, ruft er: "Das war so!" Und tröstet und redet weiter.

Tendera hat ein Buch geschrieben, es heißt "Polen und Juden in Auschwitz, 1940-1945", es ist eine Kartografie seiner Erinnerungen an jene Jahre. Er hat Briefe an Menschen geschrieben, die ihm wichtig erschienen, viele Briefe. Einer ging an Barack Obama, als der ausgerechnet zur Ehrung des polnischen Widerstandskämpfers Jan Karski, der der Welt verzweifelt Bericht über die Existenz des Holocaust ablegte und ungehört blieb, von "polnischen Konzentrationslagern" sprach. Eine Antwort bekam Tendera nicht. Dafür schrieb ihm aber Christian Wulff, damals noch Bundespräsident, der Tendera für sein Engagement dankte.

Pakt mit Patria Nostra

Und nun hat sich Tendera eben mit einer Organisation eingelassen, die sich Patria Nostra nennt – ein Zusammenschluss lauter, freundlich gesagt, polnischer nationalkonservativer Anwälte, die diese Klagen anstreben, weil sie finden, dass der polnische Staat nicht genug tue, um gegen die geschichtsklitternden Versuche vorzugehen; er müsse viel massiver und aggressiver vorgehen. Es ist eine Art Pakt zwischen Tendera und Patria Nostra: Sie können für ihr Unterfangen Tenderas moralische Authentizität gut gebrauchen, und Tendera braucht sie, um es mit großen internationalen Konzernen überhaupt aufnehmen zu können – was könnte er, ein Rentner aus Krakau, schon allein ausrichten? Er glaubt nicht, dass das Geschreibe von "polnischen Konzentrationslagern" Zufall ist oder Ungenauigkeit; er sieht ein Kalkül dahinter, zumal bei den deutschen Medien, wo keins ist.

Doch es ist ja nicht so, als wären das Einzelfälle. Eine Mitarbeiterin im polnischen Außenministerium sagt, dass sie pro Jahr in den Medien etwa 110 bis 130 solcher Fehler finden, manchmal auch mehr; nach Obamas Rede hätten sehr viele den Ausdruck nachgeplappert. Jeden dritten Tag steht also irgendwo auf der Welt etwas von "polnischen Konzentrationslagern", die nicht polnisch waren, und man kann sich fragen, wie oft über die Jahre eine Unwahrheit wiederholt werden muss, bis zumindest ein Bruchstück von ihr doch haften bleibt.

Die Lager Majdanek und Auschwitz übrigens waren deutsch, errichtet im "Generalgouvernement", ehemals polnisches Territorium, das 1939 von den Deutschen besetzt wurde. In einem dieser Lager überlebte wundersamerweise Karol Tendera, Nummer 100430, der heute gegen das Zweite Deutsche Fernsehen klagt.