Durim und Luan blinzeln in die kalte Februarsonne von Passau und ziehen noch mal an ihren Zigaretten. Gleich fährt die Regionalbahn, in zwei Stunden wollen sie in München sein. Aus dem Kosovo sind die beiden über Budapest nach Wien gefahren und weiter mit dem Zug nach Deutschland. Alles, was sie dabei haben, ist ein Rucksack pro Person und eine blaue Plastiktüte mit Sandwiches aus dem Bahnhofskiosk. Langsam ruckelt der Zug los, Durim und Luan, die in Wahrheit anders heißen, fläzen erleichtert in den blauen Sitzen, als vor ihrem Fenster ein zweistöckiges gelbes Haus vorbeigleitet. Was sie nicht wissen: Hier jagt die Bundespolizei Passau Leute wie sie, illegale Einwanderer.

Im zweiten Stock des gelben Hauses knarzen die abgewetzten Dielen unter den Stiefeln der Beamten. An einer Zimmertür hängt ein Zettel: "Verhör". Darin sitzt ein Kosovare, Mitte 30, schwarze Haare, Jeans, Pulli, Lederjacke. Neben ihm übersetzt eine Dolmetscherin, zwei Beamten tippen gegenüber ein Protokoll. Bis unter die Decke stapeln sich die Aktenordner, jeder steht für ein Schicksal, jeder mit dem Foto eines Illegalen auf dem Rücken. 

Michael Wolf arbeitet seit fünf Jahren hier. Für ihn sind die steigenden Flüchtlingszahlen nicht nur eine abstrakte Nachricht, sie bedeuten Stress. Denn sein Revier in Passau, der Stadt an der Grenze zu Österreich, liegt auf einer der größten Schleuserrouten für Menschen, die auf dem Landweg vom Balkan nach Deutschland kommen. Es werden immer mehr, besonders aus dem Kosovo.

Seit Anfang des Jahres sollen rund 18.000 Kosovaren nach Deutschland gekommen sein – so viele, dass jüngst sogar der deutsche Botschafter in Prishtinë Alarm schlug: Das kleine, junge Balkanland werde ausbluten. Die Zahl der Asylanträge von Menschen aus dem Kosovo ist sprunghaft angestiegen, nur aus dem bürgerkriegsgeplagten Syrien kamen zuletzt mehr.

Die Mär vom Begrüßungsgeld

Viele Kosovaren wandern illegal nach Deutschland ein – über die Grenze von Serbien nach Ungarn und damit  in den Schengenraum, wo die Grenzen offen sind. Wenn er nach illegalen Einwanderern sucht, steuert Fahnder Wolf daher seinen dunklen Kombi auf den Grünstreifen der Autobahnauffahrt Pocking – wenige Kilometer vor der bayerisch-österreichischen Grenze. Er klappt den Sonnenschutz runter und lässt seine Augen über die Autos wandern, die vorbeifahren. Nur rund 0,3 Prozent des Grenzverkehrs kontrollierten sie, heißt es bei der Bundespolizei. Doch allein in Passau erwischten die Beamten im Januar rund 300 Kosovaren, im Februar werden sie die 400er-Marke sprengen. "Fast so viele Flüchtlinge hatten wir hier im ganzen Jahr 2010 insgesamt", sagt Wolf. Wie viele ihnen durchgehen, kann er nicht mal schätzen. Viele Kosovaren fahren im "Taxi" über die Grenze, wie sie es nennen. In Wahrheit ist es der Minivan eines Schleusers.

Durim und Luan haben den Zug bevorzugt. Sie wollen in München Asyl beantragen. Dort könnten sie auf Elisabeth Ramzews treffen. Sie leitet den Sozialdienst der Inneren Mission in der Bayernkaserne – das 48 Hektar große ehemalige Militärgelände im Münchner Norden ist eine von drei Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge in Bayern. Im Moment sind rund 1.000 Plätze belegt, zu zwei Dritteln von Kosovaren. Nur noch ein paar Hundert mehr und die Kaserne hat ihr Limit erreicht.

"Im Prinzip kommt jeden Herbst ein Strom vom Balkan", sagt Ramzews. Normalerweise sind es die Ärmsten, die die Not vertreibt und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch dieses Mal war es anders. "Selbst die Mittelschicht gibt ihre Jobs auf und fährt los", sagt Ramzews. Immer wieder hört sie dieselbe Geschichte: Jemand verspricht den Kosovaren,  in Deutschland warte ein Arbeitsplatz und ein Begrüßungsgeld. Ramzwes fragt sich manchmal, ob die Leute das wirklich glauben oder in ihrer Verzweiflung nur glauben wollen.