ZEIT ONLINE: Herr Felschtinsky, fürchten Sie seit dem Mord an Boris Nemzow um Ihr Leben?

Juri Felschtinsky: Nein, und dafür gibt es einen Grund: Ich lebe in Boston. Das ist weit weg von Russland. Und ich weiß, wie weit ich gehen darf. Wenn ich nach Russland reisen würde, wäre das wie Selbstmord. Seit Putin Präsident ist, habe ich mein Heimatland nicht mehr betreten. 2001 lebte ich unter viel größerer Gefahr, da ich gemeinsam mit Alexander Litwinenko über Putins Verbindungen zum Ausbruch des Tschetschenien-Krieges geschrieben hatte. Damals waren wir die einzige Stimme, die darüber berichtete. 2007, als ich in meinem Buch beschrieb, wie der FSB durch Putin die Kontrolle über alle Staatsorgane in Russland übernimmt, war es ähnlich. Aber heutzutage bin ich wirklich nicht der einzige, der Putin mit Hitler vergleicht.

ZEIT ONLINE: Putin-Kritiker müssen innerhalb Russlands mit dem Tod rechnen?

Felschtinsky: Schauen Sie sich dieser Tage nach dem Tod von Boris Nemzow das russische Fernsehen an. Alle Menschen, die dort über den Mord reden, vermeiden das Wort Putin. Sie blenden einfach aus, dass er hinter dem Anschlag stehen könnte. Sie reden darüber, dass Teile der Regierung daran beteiligt gewesen sein könnten, sich das Klima der Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert haben könnte, Nemzow aus persönlichen Gründen erschossen wurde, ausländische Agenten aus der Ukraine oder aus den USA damit etwas zu tun haben könnten. Und so weiter und sofort. Aber all diese Menschen nehmen nie den Namen Putin in den Mund. Sie werden niemals öffentlich in Russland den mächtigsten Mann des Staates beschuldigen. Komisch, oder?

ZEIT ONLINE: Sie sind überzeugt: Putin gab den Auftrag, Nemzow umzubringen?

Felschtinsky: Putin hat Nemzow exekutieren lassen, durch den FSB. Wenn man alle mittlerweile bekannten Fakten zu diesem Unglück bedenkt, gibt es keine anderen glaubwürdigen Alternativen zu dieser Schlussfolgerung.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Felschtinsky: Jeder Mörder, der nicht mit dem russischen Geheimdienst zusammenarbeiten würde, hätte Nemzow an einem anderen Ort getötet. Die Leute, die es taten, sehen sich nicht als Kriminelle, sondern als Spezialpolizisten, die einen Auftrag ausgeführt haben. Deshalb haben sie sich nicht darum gekümmert, ob sie von einer Überwachungskamera gefilmt werden oder jemand sie bei der Tat sieht. In Russland wissen die Menschen genau, dass Nemzow vom FSB umgebracht wurde und Putin dahintersteht. Sie erwähnen diese Option nur nicht, weil sie um ihr Leben fürchten.

ZEIT ONLINE: Es bleibt aus deutscher Perspektive unbegreiflich. Dass nur einige Hundert Meter vor dem Reichstag ein Oppositionspolitiker erschossen wird und der Bundespräsident oder die Kanzlerin dafür verantwortlich sind – das ist hier unvorstellbar.

Felschtinsky: Es gibt ein Sprichwort. Wenn ein Vogel wie eine Ente aussieht, wenn er wie eine Ente läuft, wie eine Ente schnattert, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit eine Ente. Wer die Krim annektiert, Truppen in den Osten der Ukraine schickt, der lässt auch einen wichtigen Oppositionspolitiker direkt in Moskau umbringen. Sie müssen Ihre deutsche Perspektive verlassen, um die Morde an Politkowskaja, Litwinenko, Nemzow und vielen anderen zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Es gibt keine Beweise, dass Putin hinter dem Mord steht.

Felschtinsky: In einem Land wie Russland, so wie es heutzutage regiert wird, werden Sie für diesen Mord nie Beweise finden. Russland ist ein Polizeistaat, in dem alles von Putin und ganz wenigen Leuten um ihn herum kontrolliert wird. Bei all den bisherigen Morden des FSB gab es auch nie Beweise, die die Hintermänner belastet haben. Nehmen Sie den Fall Litwinenko. Da können die britischen Ermittler so viele Hinweise wie möglich sammeln – aus Russland werden keine Belege kommen, dass Putin hinter der Vergiftung steht.

ZEIT ONLINE: Sie haben vor Litwinenkos Tod ein Buch mit ihm geschrieben. Haben sie es damals für möglich gehalten, dass er dafür getötet werden könnte?