Man wünscht sich immer öfter, so mancher Politiker würde wenigstens mal zehn Sekunden nachdenken, bevor er in unserer Echtzeit-Journalismus-Welt die immer nächste rhetorische Steigerung in den Äther schießt. Natürlich muss es jeden entsetzen, welches Grauen sich fast jeden Tag im Mittelmeer abspielt. Aber gerade, weil sich nun wirklich alle Seiten einig sind, dass das Massensterben beendet werden muss, können wir vielleicht die Empörungsspirale mal ein bisschen zurückdrehen.

Ralf Stegner, Vorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein, twitterte nach der jüngsten Katastrophe mit wahrscheinlich über 800 Toten, Europa mache sich der "kollektiven unterlassenen Hilfeleistung" schuldig. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) warnte andererseits davor, Hilfe allein könne in "Beihilfe für das Schlepper-Unwesen" enden. Was die Grünen-Chefin Simone Peter wiederum als "Gipfel der Unmenschlichkeit" bezeichnete. "Wenn die Rettung von Menschen aus dem Mittelmeer Beihilfe für Schlepper ist, dann macht sich die Feuerwehr der Beihilfe für Brandstifter schuldig", so Peter.

Ich hoffe doch, ich bin nicht der einzige, der da einfach nicht mehr mitkommt, weder juristisch noch moralisch noch logisch.

Zum einen habe ich immer gedacht, dass unterlassene Hilfeleistung voraussetzt, tatsächlich Hilfe leisten zu können. Welche konkrete Hilfe im Fall des am Wochenende gesunkenen Schiffes möglich gewesen wäre, erklärt Stegner nicht. Ich fürchte: Selbst wenn statt eines Transportschiffes ein oder mehrere Küstenwachboot direkt am Unglücksort gewesen wären, hätten auch Profi-Retter die Tragödie nicht verhindern können. Hunderte Menschen, unter Deck eingeschlossen, an Deck viele Nichtschwimmer, die innerhalb von Minuten ertranken – wie genau hätte eine juristisch einwandfreie Hilfe da bitte ausgesehen? Genereller gefragt heißt das: Muss Europa, wenn es sich nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen will, so viele Küstenwach- und Marineschiffe entsenden, dass sie praktisch jedes Flüchtlingsboot eskortieren könnten und jederzeit bereit wären zur Übernahme der Passagiere?

Das kann man fordern. Aber hätte dann nicht de Maizière recht? Wäre das nicht "Beihilfe" zur Schleuser-Kriminalität, weil die Schlepper dann umso mehr Schiffe beladen würden? Nein, wäre es natürlich nicht. Beihilfe setzt den Vorsatz voraus, sich an der Haupttat beteiligen zu wollen. Dass sie die Ziele der Schlepper unterstützten, wird man den Frontex-Beamten aber kaum unterstellen können. Einen Anreiz, ihr Business auszubauen, den würde die EU den Schleppern mit einer engen Rettungskette allemal liefern. Schlechte Wortwahl von de Maizière also, aber richtiger Gedanke.

Warum Simone Peter den Hinweis auf dieses Dilemma den "Gipfel der Unmenschlichkeit" nennt, lässt sich vielleicht am ehesten damit erklären, dass sie für ein paar Minuten an der Spitze der Tickermeldungen stehen wollte. Ihr Schlepper-Feuerwehr-Vergleich ist schon deshalb abwegig, weil Brandstiftung kein Geschäftsmodell ist, das immer mehr Gewinn abwürfe, je mehr Häuser abgefackelt würden.

Also, vielleicht können wir uns alle mal wieder ein bisschen beruhigen, und im Interesse der Opfer öfter auch mal eine Denk-Minute einlegen. Was die Flüchtlinge, die noch leben, nämlich brauchen, sind Lösungen, die ihnen helfen. Pseudoempörte Parteikampfparolen gehören nicht dazu.