Weihrauch im evangelischen Berliner Dom: Schon am Geruch war zu erkennen, dass der ökumenische Gottesdienst für die ab 1915 ermordeten Armenier, Aramäer, Assyrer und Pontosgriechen ein Ausnahmegedenken war. Manche hatten befürchtet, dass es zu einer Anklage gegen Ankara geraten könnte. War es aber nicht, sondern ein würdevoller Trauergottesdienst. Nicht gegen die Türkei, sondern für die Opfer der jungtürkischen Vernichtungskampagne vor einhundert Jahren. Die Mitwisser und Unterstützer wurden genannt. Womit wir bei den Deutschen wären.

Unter der riesigen Kuppel des Doms sprach Bundespräsident Gauck jenen Satz aus, gegen den der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu schon erfolglos bei Kanzlerin Merkel intervenierte: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist."

Gauck sagte in seiner Rede noch zwei Mal Völkermord oder Genozid. Das dürfte für einen empörten Aufschrei der türkischen Regierung sorgen. Zumal dieser erste Satz mittlerweile Berliner Konsens ist. Ihn wird auch der Bundestag heute am Freitag in einer Entschließung wiederholen. Die "Impulse" des Bundespräsidenten, wie das Auswärtige Amt es ausdrückte, hatten die deutsche Gedenkterminologie an einer entscheidenden Stelle verändert. Ursprünglich sollte das Wort Völkermord nicht in der von CDU und SPD beschlossenen Resolution auftauchen. Nun standen im Dom die Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder und Thomas Oppermann in der ersten Reihe und applaudierten dem Bundespräsidenten. 

Warum bloß wurde um das V-Wort so lange gerungen? Warum sah es so aus, als wolle der Bundestag die türkische Regierung schonen, die selbst so gern gegen andere austeilt? Weil die deutsche Realpolitik und deutsche Moralpolitik zweierlei Dinge sind. Die Türkei sei ein wichtiger Nato-Verbündeter, der im Nahen Osten eine zentrale Stellung hat, sagen deutsche Diplomaten in Berlin. Man brauche das Land gerade im Kampf gegen die IS-Dschihadisten. Außerdem könne Präsident Erdoğan das V-Wort im türkischen Wahlkampf ausschlachten.

Gauck spricht von deutscher Mitschuld

Wohl deshalb auch gibt es in Berlin eine Gewaltenteilung der besonderen Art. Jeder verhält sich ein bisschen anders zum Genozid. Während der Bundespräsident als moralische Instanz und der Bundestag, dessen Abgeordnete frei entscheiden können, vom Völkermord sprechen, schweigen Kanzlerin und Außenministerium. Das ist übrigens nicht nur Realpolitik. Auch sonst ist es nicht üblich, dass sich Kanzler oder Außenminister in harschen Urteilen über die Geschichte befreundeter Länder ergehen.

Doch auch Joachim Gauck vermied die Haltung des Anklägers. Man hatte den Eindruck, er wollte die türkische Regierung nicht vorführen, nicht in die Ecke stellen: "In dem wir erinnern, setzen wir niemand, der heute lebt, auf die Anklagebank", sagte er. Genau das ist der einzig mögliche Ton, damit die Botschaft dieses Abends in Ankara verstanden wird. Die Verbrechen beim Namen zu nennen, soll die türkische Regierung nicht ausgrenzen, sondern ihr aus der selbstgewählten Isolation helfen. Zumal in der Türkei selbst der Begriff Ermeni soykırımı – "Armenier-Völkermord" auf türkischen Titeln in jedem Buchladen steht. Die Gesellschaft ist weiter als die Regierung.

In Deutschland sehen die Regierenden die Vergangenheit nicht anders als die Gesellschaft. Das zeigte auch der Bundespräsident recht eindrücklich. Er redete über die deutsche "Mitschuld am Völkermord an den Armeniern". Über deutsche Militärs, die an der Planung und Durchführung der Deportationen beteiligt waren. Über Reichskanzler Bethmann-Hollweg, der 1915 – bestens über die Armeniervernichtung informiert – bemerkte: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht."

Gauck widmete ein Viertel seiner Rede der deutschen Beteiligung, die gerade in einem Buch des Journalisten Jürgen Gottschlich (Beihilfe zum Völkermord) detailliert nachgezeichnet worden ist. Die Rede von der deutschen Mitschuld war im Berliner Dom oft zu hören, auch aus dem Mund der protestantischen und katholischen Würdenträger. "Unsere Schuld" – das Wort gehört zum deutschen Erinnerungshaushalt. In der Türkei ist das noch anders. In den Berliner Dom hatte kein staatlicher türkischer Würdenträger den Weg gefunden. Sie suchen die "Schuld" für die Vergangenheit, die nicht vergehen will, wohl immer noch bei anderen.