Es ist ein Gefühl des Entsetzens, das nun, da die Live-Ticker wieder schweigen, die Sondersendungen und Spezialausgaben verschwunden sind, zurückbleibt. Was ist eigentlich passiert? Der Pilot Andreas L. hat sein Flugzeug zur Waffe gemacht, und nach allem, was man weiß, bewusst 149 Menschen und sich selbst getötet. Aber ganz sicher kann man auch jetzt, in jenen Stunden, da dieser Text geschrieben wird, nicht sein. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Noch fehlt, obwohl sich inzwischen die Indizien eindeutig zum Bild der bewussten Tat verdichten, ein klar erkennbares Motiv, das den Schrecken des Unerklärbaren zumindest erklärbar machen und damit scheinbar bannen könnte. Und noch weiß man nicht genau, wie man von Andreas L. sprechen soll – vielleicht verharmlosend von einem Kranken, vielleicht von einem Massenmörder, wie andere meinen, vielleicht von einem depressiven Menschen, der eben, weil er die Therapie verweigerte und im Suizid gänzlich Unbeteiligte absichtlich in den Tod riss, auf entsetzliche Weise schuldig geworden ist.

Aber was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass auf die Katastrophe des Flugzeugabsturzes, online wie offline, ein Ausbruch medialer Hysterie folgte, ein allgemeines Ad-hoc-Reagieren und permanentes Sofort-Kommentieren, das niemanden sonderlich gut aussehen ließ.

Die Journalisten nicht, die trauernde Angehörige und geschockte Schüler fotografierten und filmten. Die Experten und Pseudo-Experten nicht, die wild über technische Ursachen, ein vermeintliches Gewitter in den französischen Alpen oder die Seelenlage des Piloten spekulierten. Aber auch die Medienkritiker und die professionellen Apokalyptiker der Branche nicht, weil auch ihre Reaktionen im Angesicht der Katastrophe etwas seltsam Maßloses bekamen – ganz so, als ginge es darum, das Extreme des Ereignisses noch mit einer möglichst extremen Deutung zu überbieten und im Moment der Empörung irgendeine seltsame Form der Ekstase zu erleben. Der Journalismus existiere nicht mehr, er sei dabei, sich in eine "tote Hülle" zu verwandeln, so beispielsweise ein Journalist, der sich mit großer peinlicher Geste von seinen Berufsgenossen verabschiedete; der Journalismus sei abgestürzt, hieß es in anderen Kommentaren. Und jetzt, Tage nach der Katastrophe? Was wissen wir heute?

Offensichtlich geworden ist, dass die Berichterstattung in Zeiten der Katastrophe eine offene Flanke besitzt: Ungewissheit im Verbund mit einem Geschwindigkeitsrausch, der im digitalen Zeitalter eine neue Stufe erreicht hat und die böse Absicht gar nicht braucht. Diese doppelte Gemengelage – elementare Ungewissheit bei gleichzeitig gefordertem Sofort-Sendezwang – erzeugt unvermeidlich ein vierfaches Informationsvakuum, das die Grenzüberschreitungen der letzten Tage erklärbar (wenn auch nicht "besser") macht.

Wer meint, pausenlos berichten zu müssen, manövriert sich in ein Nachrichtenvakuum hinein, was dazu führt, dass man Pseudo-News präsentiert, aber doch vielleicht gar nicht wirklich Neues zu sagen hat. Was hilft es, wenn man gleichsam live erfährt, dass die Website von Germanwings gerade nicht erreichbar ist oder Stefan Raab beschlossen hat, seine Sendung ausfallen zu lassen?

Das Zusammentreffen von Katastrophe und rascher publizistischer Reaktion bedingt notwendig ein Faktizitätsvakuum: Man weiß wenig sicher, will aber doch Gewissheiten präsentieren. Das war das Problem der ZEIT-Titelgeschichte über die Lufthansa aus der vergangenen Woche (Absturz eines Mythos). Die Aufmachung legte, wie Leser monierten, eine Vorverurteilung des Konzerns nahe. Es ergibt sich überdies ein Interpretationsvakuum, das dann, wie geschehen, Experten der Luftfahrttechnik oder der Psychologie mit Spekulationen zur Absturzursache füllen. Schließlich erzeugt der Bilderhunger des Fernsehens und der Boulevardpresse notwendig ein Visualisierungsvakuum. Die Folge ist, dass man sich möglichst rasch die Bilder beschafft, die man bekommen kann, um Ereignisnähe zu simulieren – vom weinenden Nachbarn bis hin zu dem Wohnhaus des Piloten und seiner Eltern in Montabaur.

Die schlechte Nachricht lautet also, dass die Mediengesellschaft eine angemessene Katastrophendidaktik, einen klugen Umgang mit der plötzlichen, der totalen Präsenz des Schreckens erst noch lernen muss. Es gilt in einer Zeit, in der uns aus einem globalen Pool der Daten und Dokumente täglich aufwühlende Bilder erreichen, auch auf Extremereignisse gleichermaßen besonnen und mitfühlend zu reagieren – sonst entsteht ein Stichflammen-Journalismus und eine gesellschaftliche Stimmung des letztlich folgenlosen Dauerentsetzens. Das heißt: Die Mediengesellschaft der digitalen Moderne braucht, paradox genug, Regeln zur Sicherung der Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten. Sie muss dem emotionalen Extrem – sei es eine Flugzeugkatastrophe, ein Amoklauf, ein Enthauptungsvideo, ein Attentat – auf eine Weise begegnen, die nicht selbst in einem Extremismus der Erregung versinkt und sich in eine Art mentale Geiselhaft des Schreckens begibt.

Allerdings: Das fordert sich leicht. Umgesetzt werden müssen derartige Ansprüche in einem Moment, in dem in vielen Redaktionen massiv gespart wird und völlig unklar ist, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft aussehen.

Auch das Medienpublikum hat sich zugeschaltet

Und doch gibt es auch in Zeiten ökonomischer Verunsicherung und eines sich verschärfenden Kampfes um Aufmerksamkeit eine Sehnsucht nach Aufklärung, Tiefenrecherche und entschleunigter Deutung – auch das haben die letzten Tage gezeigt. Zum einen ist mir kein Beispiel der jüngeren Katastrophenberichterstattung erinnerlich, das auch branchenintern so viel Kritik und Kopfschütteln ausgelöst hätte, so viele Debatten und öffentliche Diskussionen über unverpixelte Fotos, die Namensnennung des Piloten, die Macht und Moral der Medien.

Zum anderen hat sich das Medienpublikum selbst in einer bislang unbekannten Unmittelbarkeit zugeschaltet. Das muss man nicht pauschal feiern, denn auch diejenigen, die sich da artikulieren, sind – wie alle Akteure in der öffentlichen Arena – anfällig für Manipulationen, Einflüsterungen, Stimmungen. Und doch verschieben sich hier die Machtverhältnisse. Selbst die Chefredakteure der größten deutschen Boulevardzeitungen sahen sich in der vergangenen Woche gezwungen, auf den Unmut im Netz zu reagieren. Noch watschte man die Einsprüche selbstbewusst als das Gerede von "Moralaposteln" ohne fundierte Medienkenntnis ab, aber schon allein der Zwang zur Auseinandersetzung macht deutlich, dass neben die vierte Gewalt des Journalismus heute die fünfte Gewalt der vernetzten vielen getreten ist, die Medien beobachten und kritisieren.

Das mag manchmal mühsam sein, mitunter brutal und ungerecht, aber auch inspirierend und lehrreich. Im Idealfall entsteht so – Schritt für Schritt – eine redaktionelle Gesellschaft (Cordt Schnibben), die sich über ethisch-moralische Standards für eine neue Medienwelt verständigt und in ein großes Gespräch eintritt, das allen nützen kann. Im Angesicht der Katastrophe, aber auch in den Zeiten danach.

Dieser Text stammt aus der ZEIT vom 1. 4. und wurde für die Online-Fassung geringfügig aktualisiert.