Frage: Herr Wolffsohn, Sie haben sich mal einen deutschen Patrioten genannt, aber auch in der israelischen Armee gedient. Für welches Land schlägt Ihr Herz denn mehr?

Michael Wolffsohn: Ich habe mich einen bundesdeutsch-jüdischen Patrioten genannt, als es das vereinigte Deutschland noch nicht gab. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe ich das gern geändert, also deutsch-jüdischer Patriot. Beides gehört zu meiner Biografie: das Deutsche, das allgemein Jüdische und eben Israel. Mein Herz schlägt für beide Staaten. Aber ich lebe gern und freiwillig in Deutschland.

Frage: Sind Sie stolz, ein Deutscher zu sein?

Wolffsohn: Auf nicht selbst erbrachte Leistungen kann ich nicht stolz sein. Ich bin aber dankbar, dass ich vom deutschen Kulturkreis geprägt worden bin. Und es ist das Geschenk meines Lebens, dass mich ebenfalls das Jüdisch-Israelische stark beeinflusst hat. Heute bezeichne ich mich lieber als einen kosmopolitischen deutsch-jüdischen Patrioten. Das ist nur scheinbar widersprüchlich. Für mich bedeutet Patriotismus, sich für das eigene Gemeinwesen einsetzen, damit es demokratisch bleibt oder wird.

Frage: Was fällt Ihnen auf, wenn hierzulande über Israel geredet wird?

Wolffsohn: Eine zunehmende Distanziertheit, Aggressivität und Gehässigkeit, die mich beunruhigt und verletzt.

Frage: Woran machen Sie das fest?

Wolffsohn: Seit Anfang der achtziger Jahre gehört Israel in den Augen der deutschen Öffentlichkeit zu den drei unbeliebtesten Staaten der Welt, manchmal vor Iran und Nordkorea, manchmal dahinter. Das halte ich für einen normativen Skandal. Es gibt an der israelischen Politik und Gesellschaft vieles, was man kritisieren kann – wie in jedem Land. Aber die Vehemenz der Ablehnung ist grundfalsch, empörend und ungerecht. Israel ist eine funktionierende Demokratie, ein pluralistischer Staat, der zum Beispiel in Sachen Integration von Minderheiten einiges geleistet hat.

Frage: Woher kommen die Vorbehalte?

Wolffsohn: Da gibt es erstens die traditionellen Antisemiten. Sie machen ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung aus. Zweitens steigt der Anteil von Muslimen, die aus unterschiedlichen Gründen immer islamischer, teil islamistisch geworden sind und als Folge des Nahostkonflikts Israel regelrecht hassen. Sie leben in Europa und Deutschland, aber Nahost bedeutet ihnen viel. Auf diese Weise wurde auch Deutschland ein Nebenschauplatz der Nahostkonflikte. Drittens ist die alte und die neue Linke zu nennen.

Frage: Inwiefern?

Wolffsohn: Die "alte" Linke hat sowohl eine antizionistische als auch eine anti-israelische Tradition. Die DDR war zum Beispiel so etwas wie die Avantgarde der altlinken Israel-Feindschaft. Die "neue" Linke steht seit dem Sechstagekrieg von 1967 dem jüdischen Staat sehr kritisch, teils feindlich gegenüber. Dann gibt es noch eine weitere anti-israelische Gruppe: Zu ihr gehören jene, die in die Geschichtsfalle tappen.

Frage: Was meinen Sie damit?

Wolffsohn: Die Mehrheit der Deutschen sagt völlig zu Recht: Wir wollen nie wieder Täter sein. Konkret heißt das, die Anwendung militärischer Gewalt als Mittel der Politik wird als illegitim betrachtet. Das ist aus historischer und psychologischer Sicht völlig verständlich. Die Mehrheit der jüdischen Welt hat aus Krieg und Holocaust eine andere Lehre gezogen: Wir wollen nie wieder Opfer sein. Das gilt vor allem für Israel. Umgeben von Feinden hält man dort die Anwendung militärischer Gewalt zur Verteidigung für legitim. Diese Diskrepanz führt dazu, dass Israel gerade in Deutschland besonders unbeliebt ist.

Frage: Aber der 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen wird in diesen Tagen groß gefeiert. Wie würden Sie das deutsch-israelische Verhältnis in einem Wort beschreiben?

Wolffsohn: Mit zwei Worten: fremde Freunde.

Frage: Und was ist stärker, das Fremde oder die Freundschaft?