ZEIT ONLINE: Herr Gaycken, sind wir nachrichtentechnisch eine Kolonie der USA?

Sandro Gaycken: Nein. Natürlich sind uns die Amerikaner, aber auch die Chinesen oder die Israelis, technisch weit überlegen, sind in sehr viel mehr Netzwerke eingedrungen, als wir das können. Die Stärke des BND liegt darin, eben nicht eine umfassende Totalüberwachung zu versuchen, sondern gezielt im Mittleren Osten oder in Russland mit menschlichen Quellen zu arbeiten, und das dann mit Fernmeldeaufklärung zu verbinden. Das wird von den Amerikanern durchaus geschätzt.


ZEIT ONLINE: Aber warum wird der Verbündete, warum werden wir selbst zum Gegenstand der Beobachtung?

Gaycken: Alle machen das, alle beobachten sowohl Freund als auch Feind – wenn auch den Feind vielleicht intensiver. Auch Deutsche und Amerikaner haben sich immer schon gegenseitig misstraut. Auf amerikanischer Seite verstärkte sich das durch den Anschlag vom 11. September 2001, der in Hamburg geplant wurde, aber auch durch den Einstieg von Ex-Kanzler Gerhard Schröder bei dem russischen Staatskonzern Gazprom. Dann sind da die vielen deutschen Firmen, die den Iran militärisch aufbauen und so manches Bankengeschäft – also die Amerikaner finden, wir sind kein sehr zuverlässiger Bündnispartner.

Die Amerikaner haben angeblich auch oft erlebt, dass der BND die USA ausgeforscht hat – und die Ergebnisse an die heimische Industrie weitergetratscht hat.

ZEIT ONLINE: Also stimmt das derzeitige Bild vom willfährigen deutschen Pudel nicht, der alles tut, was die Amerikaner verlangen?

Gaycken: Davon kann keine Rede sein. Wir haben uns da in so einer gewissen Doppelmoral eingerichtet: Wir wollen die Friedensmacht sein, und gleichzeitig in alle Welt gefährliche Kriegsmaschinen exportieren. Immer wieder werden europäische Politiker dabei erwischt, wie sie Deals mit dem Iran, mit Russland oder China einfädeln – und offiziell will dann niemand etwas davon wissen.

Was den BND betrifft: Der war jedenfalls auf der politischen Ebene immer sehr skeptisch und vorsichtig mit den Wünschen der Amerikaner. Aber auf den Arbeitsebenen, wo die Techniker wochen- und jahrelang lang in der Kaserne mit amerikanischen Kollegen arbeiten, trinken und essen, da läuft das natürlich schon mal anders. In den Jahren 2005 bis 2008, um die es jetzt geht, war die Aufmerksamkeit und das Verständnis für das Thema Cyberabwehr, Cyberspionage so niedrig, da hatten die Arbeitsebenen freie Hand.

ZEIT ONLINE:
Könnte es sich also auch um eine Art höherer Schlamperei gehandelt haben, wenn der BND im Auftrag der NSA Suchbegriffe benutzt hat, die nach deutschem Recht eigentlich nicht hätten eingesetzt werden dürfen?

Gaycken: Absolut. Da werden gerade in Sachen Cybersicherheit oft Entscheidungen getroffen, die unzulässig und falsch sind. Man traut sich wegen der Geheimhaltungspflicht nicht, externe Expertise einzuholen, und von der Industrie wird man oft total verarscht. Es wird nicht richtig nach oben berichtet, weil man Angst hat, irgend etwas falsch gemacht zu haben und der nächsten Sparrunde zum Opfer zu fallen – Behördenabläufe halt. Und in diesem Punkt hat die Bundesregierung auch Recht mit ihrer Kritik an organisatorischen und technischen Defiziten des BND. Da muss man dringend reformieren.

ZEIT ONLINE: Ist es technisch überhaupt möglich, sämtliche Suchbegriffe, die sogenannten Selektoren, zu überprüfen?

Gaycken: In der aktuellen Diskussion wird oft die Massenüberwachung mit Spionage verwechselt. Diese Selektoren – da geht es eben nicht um beliebige Massenabschöpfung von Daten, sondern um konkrete Sicherheitsthemen, die sehr gezielt und strategisch aufgeklärt werden. Beispiele sind Lieferungen kritischer Komponenten für Nuklearanlagen, oder man beobachtet, ob die Deutschen Wissen und Produkte weitervermitteln, die sie vertraulich bekommen haben und nicht weitergeben dürfen. Auch das passiert gelegentlich.

ZEIT ONLINE: Sollte die Bundesregierung diese Liste herausgeben, wie es jetzt die Mitglieder des NSA-Untersuchungsausschusses fordern?

Gaycken: Auf gar keinen Fall. Völlig unabhängig davon, ob die Amerikaner damit einverstanden wären. Auf dieser Liste stehen Namen von afghanischen Informanten, von deren Netzwerken. Wenn davon irgend etwas öffentlich wird, die Schule des Informanten oder sein Bezirk zum Beispiel, dann hat man den verraten. Außerdem stehen Geschäftsstrukturen deutscher Konzerne da drauf: das China-Geschäft von Siemens, was Airbus im Mittleren Osten macht – nichts Illegales, aber einfach, wer die Verkäufer sind, welche Kontakte die haben, wo die sich treffen, um welche Summen es geht. Wenn so etwas publik wird, werten das als Erstes die Chinesen aus, auch die Franzosen finden das sehr interessant. Die deutsche Industrie wird dem Kanzleramt den Kopf abreißen, wenn es dazu kommt.