Es ist sehr einfach herauszufinden, dass die Dänen ihr Land gern mögen. In jeder Kleingartenanlage flattert der Dannebrog an den Masten. Herkömmliches Mineralwasser wird gerne als Danskvand herausgehoben, also "dänisches Wasser". Und der elektrische Handtrockner, der in fast allen Gaststätten-Toiletten hängt, wird von der Firma Dan Dryer hergestellt, deren Logo aus einem Wikinger besteht, der stolz einen weiß-roten Helm auf dem Kopf trägt. 

Was dänisch ist, muss gut sein, diese Idee gefällt vielen. Nur gibt es logischerweise Dinge, auf die das nicht zutrifft. Zu denen gehört die Dansk Folkeparti – die Dänische Volkspartei. Bei der gestrigen Parlamentswahl erlangte die rechtspopulistische Partei circa 22 Prozent der Stimmen und wurde damit zweitstärkste Kraft. Ihr Erfolg übertrifft alle Prognosen.

Eigentlich war es lange Zeit Konsens, dass es sich bei der Dänischen Volkspartei nicht um dänische Qualitätsware, sondern eine gehörige Fehlkonstruktion handelt. Der ehemalige Staatsminister Poul Nyrup Rasmussen warnte im Jahr 1999 in einer Parlamentsdebatte: Die Dänische Volkspartei sei dabei, ein ethnisches Prinzip in der Politik einzuführen, das Dänemark vor einigen Monaten noch im Kosovo bekämpft hätte. Rasmussen schloss mit den inzwischen berühmten Worten: "Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, stubenrein werdet ihr nie!"

Doch schon zwei Jahre später erhielt die Volkspartei bei der Wahl 13 Prozent der Stimmen und schaffte den Durchbruch: Der damalige Parteichef der Liberalen, Anders Fogh Rasmussen, ließ sich in einer Minderheitsregierung von der Partei tolerieren. Damit war der Vorwurf, sie sei nicht stubenrein, von der Realität widerlegt worden. Die Fehlkonstruktion wurde irgendwie akzeptiert.

Inzwischen ist die Volkspartei auf dem Weg, so etwas wie der Dan Dryer der Politik zu werden: viel heiße Luft, aber sehr populär und rundum akzeptiert. Dazu beigetragen hat unter anderem der neue Vorsitzende Kristian Thulesen Dahl, dem seine Parteizugehörigkeit – anders als bei seiner Vorgängerin Pia Kjærsgaard – nicht mehr sofort anzumerken ist. Er hat die Ausstrahlung eines Staatsmannes, hält sich mit extremen Äußerungen zurück und spricht viel über Sozialpolitik.

Bei der gestrigen Wahl hat die Dänische Volkspartei im Regierungsblock erstmals die meisten Stimmen bekommen, das bedeutet: Dahl ist der neue mächtige Mann Dänemarks. Ob er auch Ministerpräsident wird, ist noch fraglich: Im Wahlkampf hatte er stets abgelehnt, in die Regierung zu gehen; als Mehrheitsbeschaffer im Parlament habe er größeren Einfluss, sagt er. Stattdessen wird es wohl der Venstre-Vorsitzende Lars Løkke Rasmussen, der eigentlich der größte Wahlverlierer ist – und nach Dahls Pfeife tanzen müssen wird.

Mit Einwanderungsthemen auf Stimmenfang

Das mussten er und Helle Thorning-Schmidt schon im Wahlkampf. Aus Angst, noch mehr Wähler an die Rechtspopulisten zu verlieren, stiegen sie in die Flüchtlings- und Ausländerdebatte ein und stellten ihrerseits ungewohnt rechte Forderungen. Genützt hat es ihnen nicht, Dansk Folkeparti triumphierte.

Doch woher kommen bloß die vielen Wähler? Wer das verstehen will, muss sich mit der innigen Beziehung der Dänen zu ihrem Land auseinandersetzen. Und da hilft ein Blick in die Geschichte: Anfang des 19. Jahrhunderts verlor das einst große und stolze Dänemark wichtige Bestandteile seines Territoriums. 1814 musste es Norwegen an Schweden abgeben, nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 noch mehrere Herzogtümer.

In der Folge konzentrierte sich Dänemark vor allem auf sich selbst. Große Denker wie Nikolai Frederik Severin Grundtvig, einer der Gründungsväter der dänischen Demokratie, hielten das dänische Volk für auserwählt und machten sich daran, dem Schmerz des Verlustes durch den Aufbau eines besonders schönen, wenn auch eben kleinen Landes entgegenzuwirken. 

Auf vieles können die Dänen stolz sein

Diese Liebe zur eigenen Nation ist bis heute zu merken. Etwa in der fællesskab, also dem starken Gemeinschaftsgefühl, das unter anderem dafür sorgt, dass die meisten Dänen ohne Wimpernzucken einen Spitzensteuersatz von 63 Prozent hinnehmen – für ihr schönes Land. Keine Frage: Auf vieles können die Dänen stolz sein, sei es die breite Akzeptanz von Homosexuellen oder die hohen Investitionen in erneuerbare Energie.

Nur denken manche, das hätte etwas mit ihrer Eigenschaft als Dänen zu tun. Und die Dänische Volkspartei versteht es, dieses weitverbreitete Missverständnis, Dänemark sei irgendwie besonders, für ihre Zwecke zu missbrauchen. Jeder allerdings, der schon mal den britischen Händetrockner Dyson Airblade benutzt hat, weiß, dass er dem lauen Lüftchen des Dan Dryers um Längen überlegen ist.