ZEIT ONLINE: Herr Mudde, was ist Populismus und was will der Populist?

Cas Mudde: Populismus ist eine Ideologie, die die Gesellschaft in zwei Gruppen teilt. Auf der einen Seite die "reinen" Menschen und auf der anderen die "korrupte" Elite. Populisten glauben, dass sie den Common Sense kennen, also den eigentlichen Willen der Menschen. Der Populist will eine echte Repräsentation dessen, was von ihm als rein wahrgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Für Rechtspopulisten spielen die Themen Integration und Einwanderung eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung der "schweigenden Mehrheit". Warum?

Mudde: Weil die Mehrheit der rechtspopulistischen Parteien rechtsradikale Parteien sind, deren Ideologie im Kern Nativismus ist, also die Idee, dass jedes Land eine Monokultur haben sollte. In den meisten Fällen ist es eine Kombination aus Nativismus, Autoritarismus und Populismus. Natürlich gibt es da Unterschiede in den Formen des Populismus. Beispielsweise wird man im Linkspopulismus keine Betonung auf Integration und Einwanderung finden. Diese Betonung kommt eher vom Nativismus als vom Populismus.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich Links- und Rechtspopulisten voneinander?

Mudde: In ihrem Menschenbild. Rechtspopulisten und Rechtsradikale definieren den Menschen ethnisch und Linkspopulisten und Linksradikale nicht. Sozioökonomisch gesehen unterscheiden sie sich aber nicht groß voneinander. Manche Positionen der französischen Front National könnte man auch als mittelinks einordnen. Sie möchten unter anderem, dass die Wirtschaft den Interessen der Menschen dient. Aber eben nur dem Wohl des eigenen Volkes. Das ist der nativistische Aspekt dabei.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass der Populismus im heutigen Europa omnipräsent ist?

Mudde: Er ist nicht in dem Sinne omnipräsent, dass er alle Länder bestimmt. In ganz Europa errangen die Populisten durchschnittlich 17 Prozent, was auch bedeutet, dass 83 Prozent nicht populistisch sind. Sie sind also sicherlich nicht so wichtig, wie Medien manchmal vorgeben.

Aufseiten der Medien kann man teilweise von einer Besessenheit in Bezug auf alles sprechen, was mit rechtsgerichteter Politik zu tun hat, was offensichtlich auf das Holocaust-Trauma zurückgeht. Das rechte Bewegungen zur Polarisierung tendieren, trägt auch dazu bei. Medien mögen das, weil das Leser und Zuschauer anzieht.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle sollten Ihrer Meinung nach Medien im Umgang mit populistischen Parteien spielen?

Mudde: Genau dieselbe Rolle, die sie in Bezug auf jede andere Partei spielen. Sie müssen ihren Lesern und Zuschauern ein akkurates Bild dessen liefern, was diese Parteien sind und wie relevant sie sind. Ich glaube nicht, dass sie es verdienen, anders behandelt zu werden. Medien machen erst ihren Job, wenn sie diese Parteien nicht überzeichnen und es schaffen, öffentlich zu machen, worum es ihnen geht.

ZEIT ONLINE: Vor wenigen Tagen formierte sich eine Parlamentariergruppe im Europäischen Parlament unter der Führung der französischen Rechtspopulistin Le Pen. Wie schätzen Sie die Aktivitäten der Rechtspopulisten auf Europa-Ebene ein?

Mudde: Von ihnen geht keine Gefahr aus. Sie haben auf dem europäischen Kontinent nur kleinere Erfolge gefeiert. Einige Parteien haben von den Krisen profitiert, andere nicht. Diese Gruppe wurde gegründet, um EU-Gelder abzugreifen. Sie sind nicht stärker als zuvor und haben sich lediglich die abtrünnige Ukip und zwei Abgeordnete einer kleinen polnischen Partei dazu geholt. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass diese Parteien keine Chance auf eine Wiederwahl haben. Letzten Endes bleibt es ein Kern von fünf Leuten.