ZEIT ONLINE: Herr Stokes, durch Ihre Studie wissen wir, dass es gravierende Unterschiede im öffentlichen Meinungsbild zwischen der US-amerikanischen und deutschen Bevölkerung in Bezug auf den Umgang mit Russland gibt. Was sind die Gründe dafür?

Bruce Stokes:
Die Geschichte, die Wirtschaft und die Geografie. Die Deutschen haben eine lange Geschichte mit Russland. Wenn der Kalte Krieg in einen richtigen Krieg gemündet wäre, hätte Deutschland die ersten Opfer zu verbuchen gehabt. Das hilft zu erklären, warum meist ältere Deutsche davon abgeneigt sind, eine Unterstützung der Nato-Alliierten in Betracht zu ziehen, wenn es zu einem militärischen Konflikt mit Russland kommen würde.

Deutschland hat außerdem weitreichendere Wirtschaftsbeziehungen zu Russland als die Vereinigten Staaten. Das erklärt womöglich, warum 29 Prozent der Deutschen die Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland verringern möchten. 

ZEIT ONLINE: Und was hat es mit der Geografie auf sich?

Stokes: Die Deutschen im ehemaligen Osten sympathisieren viel eher mit den Russen als ihre Landsleute im Westen. Sie würden im Fall eines Konflikts zwischen einem Nato-Verbündeten und Russland lieber nicht einschreiten.

ZEIT ONLINE: Machen sich die Vereinigten Staaten sorgen darüber, dass die Deutschen sich Russland zu sehr annähern könnten?  

Stokes: Jedenfalls fehlt der amerikanischen Öffentlichkeit die nötige Einsicht in das öffentliche Meinungsbild der Deutschen, um sich diese Sorgen zu machen. Als wir die Deutschen gefragt haben, ob sie näher an den USA sein wollen oder an Russland, haben sie sich mehrheitlich für die Vereinigten Staaten entschieden. Wir hatten ihnen nur diese beiden Optionen gegeben. Aber dennoch gibt ungefähr jeder Fünfte beide Länder an.

Die amerikanische Elite sieht die Merkel-Regierung als standhaften Verbündeten an. Trotzdem ist sie über die öffentliche Meinung der Deutschen sehr besorgt. Ich denke, dass unsere Studie ein Weckruf für manche in den USA ist, die bisher die öffentliche Meinung der Deutschen außer Acht gelassen haben.

ZEIT ONLINE: Wie steht die deutsche Bevölkerung zur Politik Russlands?

Stokes: 70 Prozent der Deutschen haben gemäß unserer Erhebungen ein negatives Bild von Russland. Im Jahre 2010 waren es lediglich 45 Prozent. Demnach haben die Deutschen in den letzten Jahren eine kritischere Haltung gegenüber Russland eingenommen. Aber mittlerweile hat diese Haltung in einen entgegengesetzten Trend umgeschlagen. Denn im Jahre 2014 lagen wir noch bei 79 Prozent.

ZEIT ONLINE: Im Gegensatz dazu sehen mehr als 62 Prozent der Deutschen die Vereinigten Staaten als einen zuverlässigen Bündnispartner an.

Stokes: Das stimmt, aber nur ungefähr die Hälfte sympathisiert mit den Vereinigten Staaten, was unser Gutachten aus dem Jahre 2014 offenbart. Die Sympathie für die Vereinigten Staaten hat in Deutschland in den vergangenen Jahren schneller abgenommen als in den anderen großen europäischen Staaten. Der Glaube an die Vereinigten Staaten als Verteidiger persönlicher Freiheit ist in Deutschland schneller zurückgegangen als in anderen großen europäischen Staaten. Ich denke, dass geht zum Großteil auf die NSA-Enthüllungen zurück.

ZEIT ONLINE: Nur 19 Prozent der Deutschen denken, dass die Nato militärische Hilfe für die Ukraine, die nicht Nato-Mitglied ist, leisten sollte. Warum?

Stokes: Das hat wieder mit der Geschichte zu tun. Die älteren Deutschen würden weniger als die jüngeren befürworten, dass man einem Nato-Verbündeten im Falle eines Konflikts zur Hilfe eilt. Und sicherlich erhöht die militärische Aufrüstung der Ukrainer das Potenzial für einen Krieg gegen ihre Nachbarstaaten. In weiten Teilen der deutschen Bevölkerung gibt es generell eine Abneigung gegen alles, was zu einem militärischen Konflikt führen könnte. Die Deutschen wollen eher eine Option, die weniger Risiken birgt. 71 Prozent der Deutschen begrüßen daher ökonomische Hilfen für die Ukraine.

ZEIT ONLINE: Warum befürwortet die Mehrheit der Deutschen keine militärische Intervention, selbst wenn es um einen Konflikt mit Russland und einem Nato-Mitglied gehen würde?

Stokes: Hier muss man wieder zwischen der älteren und der jüngeren Generation unterscheiden. Es scheint, als würden diejenigen, die den Kalten Krieg miterlebt haben, nicht wollen, dass man wieder in diese Zeiten zurückfällt. Zudem gibt es eine Geschlechter-Differenz. 49 Prozent der deutschen Männer würden einem Nato-Verbündeten beistehen wollen, aber nur 27 Prozent der deutschen Frauen. Dazu gibt es wieder eine Ost-West-Differenz. 40 Prozent der Westdeutschen würden militärische Gewalt zur Verteidigung eines Nato-Verbündeten gutheißen, aber nur 28 Prozent der Ostdeutschen.

ZEIT ONLINE: Spielen bei diesen Positionen die Erfahrungen aus den Weltkriegen eine Rolle?

Stokes: Das sind eher Konsequenzen des Kalten Krieges. Aber natürlich wird es auch der Nachklang der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg sein. Die Deutschen möchten nicht, dass sich dieser Horror jemals wiederholt.