Zettelt Russland gerade einen weiteren Krieg an? Diesmal im hohen Norden, um sich die Bodenschätze der Arktis unter den Nagel zu reißen? Manche Nachrichten der vergangenen Tage lasen sich so. Russland schicke "Kriegsschiffe" in die Arktis, hieß es bedrohlich, eine ganzen Verband gleich, Landungsschiffe und Tanker und ein U-Boot-Abwehrschiff.

Was passiert da? Höchstwahrscheinlich überhaupt nichts. Jedenfalls nichts Kriegerisches. Was sich in der Arktis schon seit einigen Jahren abspielt, hat wenig mit Konfrontation zu tun, sondern – jedenfalls bislang – mit erfreulich viel Kooperation.

Vom Klimawandel in der Region erhofft sich nicht nur Russland neue wirtschaftliche Perspektiven. Auch Kanada, Norwegen, Dänemark (in Vertretung Grönlands) und die Vereinigten Staaten spielen mit dem Gedanken, neue Seerouten zu eröffnen und sich gewaltige Rohstoffreserven zu erschließen.

Mehr Militärpräsenz auf allen Seiten

Geologen schätzen, dass nördlich des Polarkreises bis zu 30 Prozent der bisher unentdeckten Erdgasreserven des Planeten schlummern könnten. Sämtliche Anrainerstaaten wissen aber auch, dass sowohl die Ausbeutung dieser Ressourcen wie auch mögliche neue Transportwege nur dann realisierbar sind, wenn die Artkisnachbarn sie gemeinsam angehen. Und dazu gehört auch, selbst wenn es erst einmal paradox klingt, mehr Militärpräsenz auf allen Seiten.

Die Arktis mag nämlich ein Eldorado sein. Aber sie ist auch eine Hölle. Ein halbes Jahr Dunkelheit. Schweres, unberechenbares Wetter. Selbst im Hochsommer Treibeis, das Tanker und Bohrinseln rammen kann. Weithin unbewohnte Küsten, also kaum Möglichkeiten, Seeleuten oder Technikern zur Hilfe zu kommen. Kurzum: Wer hier irgendwelche Schätze erschließen will, muss sich erst einmal das Gelände erschließen.

Dazu braucht es Eisbrecher, Air-Sea-Rescue-Kapazitäten, Nachschubrouten, Konvoi-Sicherung, sprich: schweres Material, das gewöhnlich nur Armeen und Küstenwachen zu bieten haben. Nicht jede Aufrüstung ist deshalb automatisch eine Aggression. Nicht nur Russland schafft derzeit mehr Schiffe, Flugzeuge und Soldaten in den Norden. Norwegen und Kanada tun es ebenfalls.

Sicher, der Kreml hat vor einigen Jahren ein Zeichen gesetzt, das man als Hegemonialanspruch deuten kann. Der Polarforscher Artur Tschilingarow pflanzte 2007 aus einem U-Boot heraus eine metallische Russlandflagge auf den Meeresboden, angeblich genau auf den Nordpol.

Aber erstens ist die Zeit, in der auf solche Art Claims abgesteckt wurden, vorbei. Und zweitens ist der Nordpol selbst, auch wenn's traurig klingt, völlig wertlos.

Wer welche territorialen Ansprüche hat, regeln die Vereinten Nationen (VN), genauer gesagt ein Gremium mit dem wunderbaren Namen Festlandsockelgrenzkommission. Entscheidend für die Wirtschaftsrechte ist, wie weit die geologische Ausdehnung eines Landes in den Meeresgrund hineinreicht. Völlige Klarheit hat darüber bisher nur Norwegen, weil es frühzeitig einen Prüfantrag bei den VN gestellt hat.

Russland, Dänemark und Kanada müssen noch klären lassen, wie weit ihre submarine Ausdehnung reicht. Alle drei behaupten, ihnen gehöre der Nordpol. Aber am Ende wird die Antwort auf diese Frage bestenfalls symbolischen Wert haben. Das Meer am Nordpol ist zu tief und die vorhergesagten Bodenschätze dort zu gering, um irgendetwas rentabel zu vermarkten.

Ob es überhaupt lohnt, in der Arktis zu bohren und zu schöpfen, wird immer fraglicher. Egal, wie viel Gas und Öl unter dem Eis schlummert, es ändert nichts an den Gesetzen der Thermodynamik: Wenn der Energieaufwand für die Förderung höher ist als der Energieertrag, ist die ganze Unternehmung sinnlos. Genau danach sieht es im Moment aus. Seit die USA durch ihr Fracking zum Selbstversorger geworden sind, ist der Preis für Gas so weit gesunken, dass Polargas schlicht zu teuer wäre, um vermarktbar zu sein. Tja. Womöglich sind also schon all die Kriegsschiffe eine Fehlinvestition.