Beirut, vergangene Woche, im Taxi. Die Ampel steht auf Rot, eine syrische Bettlerin kommt ans Fenster des Wagens. "Geh nach Deutschland!", sagt der libanesische Fahrer. "Da geben sie dir Geld." Beirut, vergangene Woche, vor der deutschen Botschaft. Chaos unter den syrischen Antragstellern. Ein Gerücht hat sich blitzartig über Facebook, WhatsApp und Viber ausgebreitet: Die Deutschen schicken Schiffe, um die Syrer zu holen!  

Libanon, in diesen Tagen: Noch immer laufen auf allen TV-Kanälen die Bilder der deutschen Willkommenskultur. Die Helferin, die Teddybären an Flüchtlingskinder verteilt; der Polizist, der einem syrischen Jungen seine Mütze aufsetzt; die Kanzlerin beim Selfie mit einem Flüchtling. Als Korrespondentin einer deutschen Zeitung in Beirut betrachtet man das gleichzeitig mit ungläubigem Staunen, Bewunderung und wachsender Fassungslosigkeit. Liebe Landsleute: Wisst ihr, was ihr da tut?  

Eines vorweg: Nein, Angela Merkel hat die syrischen Flüchtlinge nicht nach Europa "gelockt", wie Victor Orbán gebetsmühlenartig behauptet. Das unabsehbare Ende des Krieges in Syrien, die drastisch gekürzte Hilfe seitens der UN und vieler NGOs, die Perspektivlosigkeit in den Flüchtlingscamps und eine deutliche Lockerung der türkischen Grenzkontrollen: Das zusammen hat zum Treck der Vertriebenen Richtung Norden geführt. Die Entscheidung der Bundesregierung, das Land für syrische Flüchtlinge zu öffnen, war richtig, weil alternativlos. Aber der Refugees-Welcome-Bilderreigen hat eine Sogwirkung verstärkt, die inzwischen massiven Schaden anrichtet.

Lieber zu Fuß nach Deutschland als zu kämpfen

Den lokalen syrischen Hilfsorganisationen, die von der Türkei und dem Libanon aus lebenswichtige Arbeit für Flüchtlinge und für Binnenvertriebene in Syrien leisten, laufen die Mitarbeiter Richtung Deutschland davon. In Afrin, dem stabilsten und friedlichsten der kurdischen Kantone in Syrien, haben die Behörden offenbar einen Ausreise-Stopp verhängt, weil immer mehr Kurden lieber gen Deutschland aufbrechen, als in Syrien von der Autonomie träumen. Und so mancher Peschmerga im Nordirak überlegt inzwischen, ob ein Fußmarsch nach Rosenheim nicht eine bessere Option ist als der Fronteinsatz gegen den "Islamischen Staat". Inzwischen hat wohl jeder erkannt, dass der Exodus der Syrer – und in kleinerem Umfang von Kurden, Irakern, Afghanen, Eritreern – so schnell nicht aufhören wird. Und dass er auf ein bis zum Anschlag ausgelastetes Deutschland und ein komplett überfordertes Europa trifft. 

Angela Merkels Satz "Wir schaffen das!" bleibt also nur dann gültig, wenn dieser Exodus in halbwegs kontrollierte Bahnen gelenkt wird. Das gelingt weder mit Grenzzäunen noch mit Verschärfungen des Asylrechts oder mit Drohungen an bockige EU-Mitgliedsländer. Das geht nur mit kühnen und gleichzeitig pragmatischen Vorschlägen. Einen solchen hat vor einigen Tagen ein kleiner Thinktank, die European Stability Initiative (ESI), gemacht. ESI-Leiter Gerald Knaus richtet ihn ausdrücklich an die beiden einzigen Politiker, die nach seiner Meinung der aktuellen Krise eine entscheidende Wendung geben können: Angela Merkel und Recep Tayyip Erdoğan.

Die Türkei ist das größte Transit- und Aufbruchsland für syrische Flüchtlinge. Jahrelang haben die türkischen Behörden die Syrer an der Weiterreise gehindert, jetzt hat Ankara die Grenzen durchlässig gemacht. Solange die Flüchtlinge relativ leicht mithilfe von Schleppern auf die griechischen Inseln übersetzen können, ist der Treck gen Deutschland weder durch ungarische Zäune, Wasserwerfer oder neue Grenzkontrollen im Schengenraum aufzuhalten. So lange wird es auch Bilder wie das des ertrunkenen Ailan Kurdi geben. So lange werden Schlepper weiter an der Not der Flüchtlinge verdienen. Knaus' Idee: "Deutschland verpflichtet sich, in den kommenden zwölf Monaten 500.000 Syrer aus der Türkei aufzunehmen. In einem geregelten Asylverfahren, das vor Ort in der Türkei durchgeführt wird." 

Die türkische Gegenleistung: Ankara setzt sofort das Rücknahmeabkommen mit der EU um. Dieses Abkommen, das eigentlich erst 2017 in Kraft treten soll, verpflichtet die Türkei, Flüchtlinge, die illegal über türkische Grenzen auf EU-Gebiet einreisen, zurückzunehmen. Eine solche Vereinbarung, so Knaus, würde eine legale und sichere Ausreise-Option für mehrere Hunderttausend Syrer eröffnen, die humanitäre Führungsrolle Deutschlands in der Flüchtlingskrise bestärken, sie gleichzeitig aber auch mit einer Obergrenze und mit einem geregelten Verfahren versehen.

Die Türkei wiederum träfe endlich auf einen europäischen Partner, der es mit der Solidarität in der Flüchtlingskrise ernst meint. Und noch jemand würde profitieren: Griechenland, das bekanntlich genug Probleme hat. 

Die Verlierer wären die Schmuggler.   

Auch die Türkei will nicht die Kontrolle verlieren

Natürlich fallen einem sofort Einwände und offene Fragen ein. Noch einmal 500.000 syrische Flüchtlinge nach Deutschland? Klingt nach einer wahnsinnig hohen Zahl, liegt aber kaum höher als die Schätzung deutscher Behörden über die Syrer, die man in den nächsten Monaten auf nicht kontrolliertem Weg erwartet. Kann man mit einem Politiker wie Erdoğan verhandeln, wo die Türkei durch ihre Unterstützung für islamistische Rebellen doch maßgeblich zur Verlängerung des Krieges beiträgt? Man muss und man kann wahrscheinlich auch, denn, so sagt Knaus, "die Türkei will ja selbst nicht die Kontrolle über ihre Westküste verlieren. Die braucht sie schließlich auch für den Tourismus."

Sollte nicht besser Brüssel statt Berlin mit Erdoğan reden? "Bloß nicht", antwortet Knaus. Die EU stehe mit ihren halbgaren Versprechungen, ihrem gigantischen Abstimmungsbedarf und der ebenso großen Zerstrittenheit derzeit ziemlich schlecht da in Ankara.  Sollten die 500.000 dann nicht wenigstens auf europäische Länder verteilt werden? Wäre schön, sagt Knaus. Aber als Kenner europäischer Diskussionsprozesse weiß er selbst, wie unwahrscheinlich eine solche Einigung derzeit ist. Inmitten einer entgrenzten Krise kommt es jetzt also vor allem auf zwei Nationalstaaten an. Genauer gesagt: auf das direkte Gespräch zwischen Merkel und Erdogan. "Und zwar schnell", sagt Knaus.

Der Orbán'schen Propaganda das Wasser abgraben

Denn es geht nicht nur um die Flüchtlinge. "Es geht auch darum", sagt Gerald Knaus, "der Orbán'schen Propaganda das Wasser abzugraben." Knaus sieht in dem ungarischen Regierungschef derzeit den einzigen europäischen Politiker mit einer klaren, wenn auch destruktiven Vision: "Er wähnt sich als Speerspitze eines Europas, das sich gegen Immigration und Islamisierung wehren muss, und damit findet er zunehmend Widerhall."  

Der europäische Wahlkalender zeigt in der Tat, wie dramatisch der Ungar an Rückenwind gewinnen könnte. Österreichs FPÖ, Polens erzkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit, Frankreichs Front National ­– sie alle rechnen sich in den kommenden Wochen bei Regional- und Parlamentswahlen Siege aus mit Parolen gegen Flüchtlinge, Muslime und Refugees-Welcome-Schilder. Die Aufnahme der Syrer in Deutschland und die Solidarität vieler Bürger in der EU sind für Orbán und Co. Sinnbild des "linksliberalen Europas", das er revolutionieren will. 

Ob ihm das gelingt, könnte nun in der Tat von der Kooperation zwischen einer christdemokratischen Kanzlerin und einem gemäßigt islamistischen, aber zunehmend autoritär auftretenden Präsidenten abhängen. 

So sind die Zeiten.