Mit dem Absturz des russischen Passagierflugzeugs über dem Sinai Ende Oktober sind erstmalig russische Zivilisten Opfer der ausufernden Kriege in Nahost geworden. Mittlerweile bezweifelt auch die Regierung in Moskau nicht mehr, dass ein Bombenanschlag die Airbus-Maschine mit 224 Menschen vom Himmel geholt hat. Präsident Wladimir Putin hat alle Flüge Richtung Ägypten vorerst verboten. Der IS hat sich längst zu der Tat bekannt, auch wenn die Spur schwer zu überprüfen ist.

Nur der ägyptische Präsident Abdel-Fatah al-Sissi sträubt sich beharrlich, offiziell und für jeden hörbar zu sagen: "Ja, leider – es war ein Terroranschlag auf unserem Boden." Dieses Zögern hat Gründe.

Denn Ägypten müsste damit weit mehr eingestehen als ein Attentat. Hier bricht gerade ein ganzes Weltbild zusammen, das dreieinhalb Jahre nach Beginn der arabischen Aufstände in Russland, bei der ägyptischen Elite, aber auch im Westen viele Anhänger gefunden hat. Seine Anhänger behaupten, dass die arabischen Aufstände nur für Konflikte und zerfallende Staaten gesorgt hätten. Die Menschen sehnten sich jedoch nach Sicherheit. Deshalb seien die bewährten Diktatoren viel besser als ihr Ruf. Man brauche sie wieder, die Menschen wollten sie. Auch Assad in Syrien.

Papperlapapp!

Kaum eine Nahostweisheit ist irreführender als diese. Und Ägypten ist das beste Beispiel dafür. Sicherheit ist immer eine Frage des Blickwinkels. Natürlich waren die alten Kader und Bürokraten in der Zeit der Revolution verunsichert und gefährdet. Sollten sie auch sein. Aber für Touristen und das Volk sah es anders aus. Unter dem 2011 gestürzten Herrscher Hosni Mubarak hatte Ägypten ganze Serien furchtbarer Terroranschläge erlebt. Noch zu Neujahr 2011 ermordeten unbekannte Täter Dutzende koptischer Christen in einer Kirche in Alexandria. Mubaraks Regime vermittelte eine Scheinsicherheit.

In der Revolution seit dem 25. Januar 2011 ließen die Anschläge nach. Es kamen weit mehr Ägypter in Unruhen und durch Gewalt der Sicherheitskräfte um als in Terroranschlägen. Mit der Beteiligung der Muslimbrüder am parlamentarischen Prozess und der Wahl eines Präsidenten aus der Muslimbruderschaft entstand für gläubige Muslime eine glaubwürdigere politische Alternative zur gewalttätigen Apokalypse der Dschihadisten. Al-Qaida war auf dem Rückzug, die IS-Vorläufergruppe fast ausgelöscht. Nur den traditionell unruhigen Sinai hat auch die Muslimbruder-Regierung nie wirklich beruhigen können.

Richtig aufgebrochen ist das Problem jedoch erst unter dem Herrscher al-Sissi. Er ließ im Sommerputsch und den folgenden Unruhen 2013 rund eintausend Regimegegner und Muslimbrüder töten und viele mehr durch Polizei und Geheimdienste verhaften. Trotz des massiven Einsatzes des Militärs im Landesinnern ist Ägypten mit vielen Terroranschlägen ein unsicherer Ort geworden. Das Sinai-Problem scheint nun völlig außer Kontrolle zu geraten. Seit dem Absturz der russischen Passagiermaschine hat es nun auch Präsident Putin gemerkt, der bisher al-Sissi immer den Rücken gestärkt hat. Indem Putin Ägypten zur Flugverbotszone für russische Maschinen erklärt, trifft er direkt den ägyptischen Tourismus.

Die Lehre: Sicherheit kommt nicht von Staatssicherheit. Sie entsteht, wenn Gesellschaften sich immer neu auspendeln und gesellschaftliche Konflikte offen und friedlich ausgetragen werden können.

Die Konflikte, die 2011 im Nahen Osten nach einem halben Jahrhundert der atemerstickenden Diktaturen aufgebrochen sind, wird kein ach so starker Mann beruhigen können. Weder al-Sissi noch Assad. Die Araber brechen aus der ihnen aufgezwungenen Unmündigkeit aus. Sie wollen in ihrer Mehrheit keine Bevormundung durch die USA oder Russland, wollen weder alte Diktatoren noch blutige Dschihadisten. Die militanten Gotteskämpfer, auch der eigentlich tote IS-Vorgänger, erhoben sich aus der Gruft, weil Assad auf sein Volk schießen ließ statt ihm das Recht auf begrenzte Mitsprache einzuräumen. Nicht mehr hatten die syrischen Demonstranten 2011 gefordert.

Präsident Putin hat nun selbst in diese historische Entwicklung eingegriffen. Der Einsatz aufseiten der vermeintlich starken Männer des Nahen Ostens bringt sein Land bei vielen muslimischen Sunniten in Verruf und macht es zur Zielscheibe. Jetzt haben russische Urlauber mit ihrem Leben bezahlen müssen. Wo werden die Dschihadisten das nächste Mal zuschlagen? Ein russischer Publizist zog nach dem Flugzeugabsturz diese erste Bilanz: "Putin plus Assad ergibt minus 224."