Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Wann waren sich Franzosen und Deutsche je so nahe wie in dieser Schreckensnacht von Paris? "Schuld ist Hollande", riefen die Attentäter, die einen Konzertsaal stürmten und dort nach bisherigem Kenntnisstand bis zu 100 Menschen töteten. Frankreichs Präsident François Hollande saß zur gleichen Zeit neben dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und schaute sich wie Millionen andere das Fußballspiel Deutschland – Frankreich an. In der Nähe des Stadions explodierten Bomben.

Was waren das früher für Kampftage, wenn Franzosen und Deutsche auf dem Fußballplatz gegeneinander antraten. Weltmeisterschaft in Spanien 1982, Halbfinale: Schumacher hielt das Bein hoch, Battiston fiel – es waren harmlose Sportkämpfe, aber immer noch beseelt von der alten Erbfeindschaft. Deshalb mussten Kohl und Mitterrand 1984 in Verdun über den Gräbern des Ersten Weltkriegs Hände halten: weil immer noch nicht alle Wunden geschlossen waren.

Spätestens seit dieser Nacht von Paris stehen Deutsche und Franzosen, so fühlt es sich an, erstmals gemeinsam an einer Front. Es beginnt in der 16. Spielminute: Der französische Außenverteidiger Patrice Evra führt den Ball, hebt kurz den Kopf, hört eine gewaltige Explosion. Für einen Moment ist er abgelenkt, dann passt er zurück, das Spiel geht weiter. Es ist dieser Moment, den Millionen Deutsche und Franzosen in Erinnerung behalten werden. Denn der Terrorangriff, den jene Explosion verkündet, gilt allen im Stadion, Hollande und Steinmeier, Evra und Schweinsteiger, Deutschen und Franzosen.

Plötzlich ist der Fußball völlig bedeutungslos. Kein französischer Nachrichtensender wird in dieser Nacht noch das Spielergebnis bekanntgeben, obwohl Frankreich das Spiel gewann. Weil in dieser Nacht Frankreich und Deutschland gemeinsam verlieren.

Auch der Letzte müsste nun verstehen, warum die deutsch-französische Brigade keine Luxustruppe ist, warum beide Länder in Zukunft wirklich eine gemeinsame Armee brauchen. Spätestens jetzt müssten Deutsche und Franzosen erkennen, dass Frankreichs militärische Einsatzbereitschaft im Nahen Osten und Deutschlands Aufnahmebereitschaft gegenüber den syrischen Flüchtlingen zwei Seiten einer Medaille sind. Dass es nicht eine deutsche und eine französische Antwort auf die Nahost-Krise gibt, sondern nur eine gemeinsame.

Die Terroristen wählten ihr Ziel sehr genau. Gemeint war die freie europäische Gesellschaft, genauer: die wehrlos erscheinende deutsch-französische Freizeitgesellschaft im Pariser Weltmeisterschaftsstadion. Nun muss sich zeigen, ob es bei Händehalten bleibt. Oder ob Deutsche und Franzosen zusammen kämpfen lernen.

Das muss nicht gleichbedeutend mit gemeinsamen Kriegsabenteuern sein. Aber mit einer bis in jedes Detail koordinierten Strategie beider Nationen gegen ihre neuen Gegner. Bisher haben Deutsche und Franzosen Europa gemeinsam aufgebaut. Seit dieser Nacht müssen sie es gemeinsam verteidigen.