Er hat uns den Gefallen dann doch nicht getan. Helmut Schmidt war schon 92 Jahre alt, da kam es in einer der Freitagskonferenzen der ZEIT zu dieser Szene. Schmidt: "Vom Leben weiß man zumindest, dass es ausgeht." Darauf ein Redakteur: "Da bin ich mir nicht bei jedem in dieser Runde ganz sicher." Schmidt wiederum: "Diese Bemerkung, Herr Ulrich, betrachte ich als Schmeichelei."

Nach 30 Jahren mit ihrem Herausgeber durfte sogar eine Institution wie die Freitagskonferenz des politischen Ressorts der Wochenzeitung für einen Moment dem Gedanken verfallen, wenigstens hier ändere sich nichts. Immer um zwölf Uhr trifft sich das Ressort mit den Herausgebern, dem amtierenden und früheren Chefredakteuren, auch Redakteure von ZEIT ONLINE sind dabei. Schmidt ließ diese Begegnung nur selten aus. Und die Redaktion mochte bis in sein höchstes Alter nicht auf ihn verzichten. Nun muss sie es.

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, zeichnete den Dialog später auf in seiner Streitschrift Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss. Denn Schmidt hatte zuvor vom Krieg gesprochen, genauer von dem in Libyen, von dem er wenig hielt. Wobei sich Schmidt mit einem solchen Euphemismus nicht abgegeben hätte. "Eine große Scheiße" traf besser, was er über Krieg dachte.

Mit Schmidt starb einer der letzten führenden deutschen Politiker, deren Antrieb, Politik zu gestalten, in der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs gründete. Dabei mitzuhelfen, "dass der Frieden bleibt", nannte Egon Bahr es.

Uns Nachfolgenden klingt das fremd, auch wenn die Ukraine-Krise, der Bürgerkrieg in Syrien und der Kalifat-Terrorismus längst in unsere Welt eingebrochen sind. Denn auch wenn Krieg nach jahrzehntelanger Abstinenz durch die Kampfeinsätze der Bundeswehr wieder Teil der deutschen Erfahrung geworden ist und nun durch das Gebaren des russischen Präsidenten sowie die militärische Unterstützung anti-islamistischer Kräfte im Nahen Osten näher an uns heranrückt, ist Ulrichs Beobachtung trotzdem richtig: "Der Krieg ist nicht mehr entscheidend für unser Leben."

Für Schmidt hatte der Krieg fast alles entschieden. Persönlich, weil er in den Nachkriegswirren nicht Architektur studieren konnte, sondern auf Volkswirtschaftslehre ausweichen musste; das war billiger. Politisch, weil darin seine andauernde Sorge um den erreichten Frieden wurzelte. Weil er in der Kriegsgefangenschaft in einem britischen Lager in Belgien lernte, was Demokratie und soziale Gerechtigkeit bedeuten. Und weil diese Erfahrung seine tiefe Skepsis vor jeder Art von Charismatikern und Volksverführern weckte.

DIE ZEIT widmet Helmut Schmidt eine Sonderausgabe als Teil der Ausgabe Nr. 46 vom 12.11.2015. Wegbegleiter erinnern an den Staatsmann und ZEIT-Herausgeber.

Sie hielt an, bis zuletzt. Kurz nach der ersten Wahl Barack Obamas 2009 warnte Schmidt davor, der Euphorie nachzugeben, die sich mit dem ersten schwarzen Präsidenten Amerikas verband: "Die Charismatiker können nie einlösen, was sie versprochen haben." Sein großer Zweifel blieb: "Die Europäer fallen immer wieder auf begnadete Redner rein."

Die Deutschen waren nicht nur hereingefallen. Sie hatten ihr eigenes Land und den Kontinent in eine Katastrophe gestürzt. Schmidt mittendrin, als Soldat, als Offizier an der Ostfront. Obwohl er auch noch lange nach dem Krieg die Wehrmacht für die einzig halbwegs anständig gebliebene Organisation des Dritten Reiches hielt – was sie nicht war –, fand er an der militärischen Auseinandersetzung nichts Gutes.

Doch von der Sehnsucht nach Frieden ließ Schmidt sich nicht den Blick auf die Realität verstellen. Die politische Philosophie, der er folgte, fasste sein Biograph Michael Schwelien so zusammen: "Demokratie und Frieden müssen stets aufs Neue verteidigt werden, nach außen wie nach innen, notfalls auch unter Anwendung, zumindest unter Androhung von Gewalt – der Rest ist Sache der verfassungsmäßig dazu bestimmten Organe." Dahinter stand die Erfahrung der Weimarer Republik, aus deren Untergang Schmidt schloss, dass eine Demokratie wehrhaft zu sein hat, wenn sie bestehen will.