Helmut Schmidt bei einer Rede in Berlin im Dezember 2009 © Reuters/ Tobias Schwarz

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Am Ende haben wir wohl doch geglaubt, er sei unsterblich. Dass er älter wurde, gebrechlicher – das war augenfällig. Aber dass er eines Tages tatsächlich sterben könnte, war ein Gedanke, den wir nicht mehr zugelassen haben. Wenn er selbst damit kokettierte, dass er schon jenseits von Gut und Böse sei – und das tat er seit mindestens 20 Jahren – und jeden Tag das Zeitliche segnen könnte, dann haben wir das gemeinsam weggelacht. So einer wie er tritt nicht einfach aus dem Leben ab. Geht nicht.

Wahrscheinlich ging es auch vielen anderen Menschen so, denen Helmut Schmidt in den vergangenen Jahren der letzte Fixpunkt in einer Welt war, die aus den Fugen geraten ist. Während in Politik, Wirtschaft, Kirchen oder im Sport die Vorbilder eines nach dem anderen fielen – ein Deutscher blieb auf seinem Posten: Helmut Schmidt. Keiner, der nicht nach ihm fragte, im Inland wie im Ausland. Und immer war da das Staunen, dass jemand offenbar die Zauberformel fürs ewige Leben gefunden hatte. Mochte er wie ein Schlot rauchen und noch so viel Baileys in seinen Kaffee schütten – hatte er nicht bislang jede Bypassoperation, jeden Schwächeanfall überstanden? Und selbst wenn er wie vor Kurzem dehydriert im Krankenhaus landete, weil er vergessen hatte, Wasser zu trinken, das ja im Vergleich zu Kaffee und Baileys auch wirklich banal ist, das Gefühl war: Der schafft das. Und wenn er im Krankenzimmer den Aufstand proben musste. 

Gelegentlich schaute er auf die Jüngeren mit Milde und Herablassung

Am 10. November ist er aber in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn gestorben. Es war kein besonders gnädiger Tod. Helmut Schmidt durchlitt Stunden der Einsamkeit, und er fühlte sich – obgleich der berühmteste und beliebteste Patient Deutschlands – sogar im Krankenhaus, in dem er nach dem Sommer einige Wochen gelegen hatte, manchmal allein gelassen, immer wieder plagten ihn starke Schmerzen. Der Tod kennt keinen Kanzler, und wenn es in der Stunde des Abschieds Liebe gibt, dann nur von jenen, denen man selbst Liebe geschenkt hat.

Mit ihm ist nicht nur für uns bei der ZEIT eine Vater- und Großvaterfigur gestorben. Wer mag, kann das als eine regressive Projektion belächeln: Erwachsene Menschen, emanzipierte Gesellschaften brauchen doch keine paternalistischen Autoritäten! Aber damit wird man der Bedeutung von Helmut Schmidt nicht einmal im Ansatz gerecht. Über sein verklärtes Image hat er sich selbst lustig gemacht: Die Leute respektierten ihn wegen seiner weißen Haare, hat er immer wieder gesagt, außerdem sei er ein perfekter Staatsschauspieler. Was seine Faszination ausmachte, war etwas ganz anderes als der Umstand, dass die Zeitgeschichte irgendwie verging, er aber immer blieb – und am Ende auch noch den letzten Zeitzeugen überlebte; so gewann er mehr und mehr an Deutungshoheit.

An ihm konnte man den Unterschied zwischen einem Politiker und einem Staatsmann studieren: Es hat ihn nicht das punktuelle Wohl einer Partei interessiert, auch nicht das einer Regierung oder das seiner selbst. Beschäftigt haben ihn das Ringen um die großen Lösungen und die Einhaltung von Prinzipien, denen er alles andere untergeordnet hat, sein Festhalten am Nato-Doppelbeschluss gegen die eigene Partei und einen großen Teil der Öffentlichkeit ist dafür nur ein Beispiel. Er war wie wenige in der Lage, ein Problem mit chirurgischer Präzision zu sezieren, das Unwichtige vom Wichtigen zu unterscheiden, den Effekt von der Substanz, das Gefühlige vom Vernünftigen. Zugleich machte ihn das souverän im Umgang mit dem Persönlichen. Eigentlich gab es nichts, worüber man mit ihm nicht sprechen konnte. Und zu den eigenen Schwächen pflegte er, besonders im Alter, ein anglo-hanseatisches Verhältnis – schön selbstironisch.

DIE ZEIT widmet Helmut Schmidt eine Sonderausgabe als Teil der Ausgabe Nr. 46 vom 12.11.2015. Wegbegleiter erinnern an den Staatsmann und ZEIT-Herausgeber.

Gelegentlich schaute er auf die Jüngeren mit einer Mischung aus Milde und Herablassung. Für ihn, der nur Wochen nach dem Ende der Kaiserzeit auf die Welt gekommen war, den Nationalsozialismus als Soldat erlebt hatte und danach den Aufbau der deutschen Demokratie, wirkten wir Nachgeborenen oftmals wie verhaltensgestört: keine ernsten Probleme, aber jede Menge Ansprüche, Befindlichkeiten und Wehwehchen. Bis vor ein paar Jahren ging ihm leicht der schneidende Satz über die Lippen: "Der ist noch nicht erwachsen." Und darin war – wie so oft, wenn man sich über ein Verdikt besonders ärgert – auch ein Quäntchen Wahrheit enthalten. Oder er sagte: "Das können Sie nicht beurteilen, Sie haben das alles nicht erlebt", und meinte damit vor allem Krieg und Zerstörung. Einmal sagte ich: "Ja, und ich bin froh, dass ich das nicht erlebt habe, ich glaube, man kann auch anders erwachsen werden." Er hat diesen Satz dann nicht wieder verwendet. Man konnte ihm nämlich sehr wohl widersprechen – ohne dass er es übel nahm –, auch das unterschied ihn von den meisten Politikern (und Journalisten). Wer vor ihm Angst hatte und darum besonders servil auftrat, den konnte er auf eine Weise auflaufen lassen, dass man im Boden versinken wollte.

Er wollte es sich einfach nicht abgewöhnen, gründlich zu arbeiten

Helmut Schmidt war politisch und intellektuell ein Großer – und er wusste das schon beizeiten. Dazu war er, weil das Leben nun mal ungerecht ist, auch noch musisch begabt. Aber dass die Menschen ihn richtig gern mochten, ihn gar zum beliebtesten Deutschen kürten, ist ein Phänomen seines letzten Lebensabschnitts. Auch die Annäherung an die ZEIT vor 32 Jahren war zunächst eine schwierige. Für einen Teil der Redaktion war sein Auftreten ein mittlerer Kulturschock. Viele Redakteure waren es schon äußerlich für ihn sicherlich auch. Und obwohl er ein gutes journalistisches Gespür und einen untrüglichen Sinn für Pointen in unserem Metier hatte, vollständig warm ist er damit nie geworden. Dazu war er zu sehr in der Vorstellung verhaftet, dass man sich durch einen Artikel zu einem wichtigen Thema "durcharbeiten" müsse. Kleine Hilfestellungen, etwa durch brillante Formulierungen oder szenische Elemente, fanden nur im Ausnahmefall bei ihm Gnade. Auf die Frage, ob er sich denn wenigstens ein bisschen als Journalist fühle, antwortete er in einem Zigarettengespräch mit einem Scherz, der ihm ziemlich ernst war: "Ich fürchte nicht, und wissen Sie warum? (…) Weil ich es mir einfach nicht abgewöhnen kann, gründlich zu arbeiten."

Helmut Schmidt konnte einen reizen, auch politisch. In der Beurteilung der Universalität von Menschenrechten lag er mit fast allen in der Redaktion über Kreuz. Das Prinzip der Nichteinmischung war ihm wichtiger als jedes andere Argument. Ebenso verstörend war seine Erinnerung an die Nazi-Zeit. Wie soll man glauben, dass er die ganze Grausamkeit des Dritten Reiches erst als Zuschauer beim Prozess vor dem teuflischen Volksgerichtshof unter Roland Freisler im Jahre 1944 bemerkt, von den Gräueln gegen die Juden erst nach dem Zusammenbruch von Nazideutschland gehört haben will? Er, der selbst so darunter gelitten hatte, dass sein unehelich geborener Vater, der nach den NS-Rassengesetzen ein Halbjude war, vor Angst fast verrückt wurde, seine wahre Herkunft könnte entdeckt werden. Schmidt hat da mit Sicherheit geschönt und verdrängt, und wenn man es ihm vorhielt, entgegnete er lakonisch: "Ich muss damit leben, dass Sie mir das nicht abnehmen."