Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 2010 © Wolfgang Kumm/dpa

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Vor dem Sterben hatte er keine Angst. In vielen Gesprächen während der vergangenen Jahre hat Helmut Schmidt über den Tod gesprochen. Mal schnoddrig ("Ich gehöre schon lange nach Ohlsdorf!"), mal melancholisch. Er teilte das Schicksal derer, die sehr alt werden: Es wird einsam um sie. Fast alle seine Freunde waren gestorben, zuletzt Siegfried Lenz und Richard von Weizsäcker.

Helmut Schmidt hatte keine Angst vor dem Sterben, aber er hing am Leben. Bis zuletzt blieb er auf eine begnadete Weise geistig aktiv. Mochte er seit Jahren im Rollstuhl sitzen, mochte ihn manch körperliches Gebrechen quälen – sein Arbeitspensum blieb gewaltig. Er las unaufhörlich, zu Hause, im Büro, im Auto. Und beschränkte sich keinesfalls auf die Zeitungslektüre. Er arbeitete sich durch EU-Berichte und Botschaftsanalysen, durch Gesetzesvorlagen und Parlamentsprotokolle. Abends las er Bücher: Geschichte, Philosophie, Literaturklassiker.

Er selbst war sicher, auch deshalb ein biblisches Alter erreicht zu haben, weil er nie aufgehört hatte, zu arbeiten. Fast noch wichtiger: Er hat nie aufgehört, neugierig zu sein. Jeder, der ihn besuchte, wurde ausgefragt. Ob Politiker, Diplomat, Zentralbankpräsident oder Journalist: Alle mussten sie ihm berichten, was es Neues gab, und bitte en détail.

Er saß dann in seinem Arbeitszimmer im 6. Stock des ZEIT-Gebäudes hinter dem Schreibtisch, vom Zigarettenrauch eingehüllt, Fenster und Türen geschlossen, kein Auge für Elbphilharmonie, Bismarck-Denkmal und Michel, das herrliche Hamburger Panorama, auf das der Blick aus seinem Büro geht. Helmut Schmidt fragte. Trank dazu Kaffee mit viel Zucker und gern einem Schuss Baileys. Viel mehr brauchte er nicht zwischen Frühstück und Abendessen.

Es stimmt, was kaum ein Außenstehender glauben mochte: Bis kurz vor seinem Tod kam Helmut Schmidt dreimal, oft viermal in der Woche ins Büro. Am Freitagmittag, Punkt zwölf, erschien er in der Konferenz des Politischen Ressorts, meist als Erster. Und fast immer war er es auch, der das Gespräch eröffnete. "Ich habe mal eine Frage."

Oft war es eine in Frageform gefasste dezidierte Meinung; zur Ukraine, zu Griechenland, zu Obama, zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Darüber wollte er diskutieren. Wollte Gegenargumente hören. Auf rund 1.500 Freitagskonferenzen dürfte es Helmut Schmidt in seinen 32 Jahren bei der ZEIT gebracht haben. Und keiner von uns, der nicht stolz darauf war, mit ihm in dieser Runde sitzen zu dürfen.

Stolz waren wir und staunten über seine ungebrochene Schaffenskraft. Jahr für Jahr hat Helmut Schmidt ein neues Buch vorgelegt. Darunter gewichtige Erinnerungsbände und schmalere aktuelle Debattenbeiträge: zur deutschen Einheit, zu China oder zum "Raubtierkapitalismus". Hat es in den zurückliegenden drei Jahrzehnten einen politischen Autor gegeben, der öfter und länger auf den Bestsellerlisten des Spiegels stand als er?

Dass sein Ansehen bei den Deutschen ins schier Unermessliche stieg, hat Helmut Schmidt mit Gelassenheit und gesundem Selbstbewusstsein zur Kenntnis genommen. Wer mit ihm auf Reisen war, wer miterlebt hat, mit welch scheuem Respekt ihm die Menschen in der Bahn oder im Flugzeug begegneten, der bekam eine Ahnung davon, wie dieser doch so nüchterne und oft barsche Norddeutsche verehrt, ja, geliebt wurde.

Nicht, dass er diesen Respekt übertrieben gefunden hätte. Helmut Schmidt war sich seiner Wirkung bewusst und seines Ranges in der internationalen Politik. Er hat sich ein scharfes Urteil über jene bewahrt, die seinen Ansprüchen nicht genügten. Die Freundschaften hingegen, die ihm wichtig waren, pflegte er gewissenhaft.

Auf eine anrührende Weise hat er sich von seinen Freunden im Ausland verabschiedet. In New York traf er sich noch einmal mit Henry Kissinger und George Shultz. In Singapur und Peking mit Lee Kuan Yew und Zhu Rongji. In Moskau empfing ihn Wladimir Putin zum Abendessen. Die allerletzte Auslandsreise führte nach Wien, zum Treffen des Inter Action Council, eines von ihm mitbegründeten Kreises ehemaliger Staats- und Regierungschefs.

DIE ZEIT widmet Helmut Schmidt eine Sonderausgabe als Teil der Ausgabe Nr. 46 vom 12.11.2015. Wegbegleiter erinnern an den Staatsmann und ZEIT-Herausgeber.

Auch die Reisen innerhalb Deutschlands wurden weniger. Was er bis zum Ende liebte, waren die Ausflüge an Orte in Norddeutschland, an denen er hing: Worpswede, Fischerhude, Lübeck, die Elbe, der Brahmsee.

Und er arbeitete weiter. Er gab seinen Kollegen bei der ZEIT Interviews, zum Ende des Zweiten Weltkrieges oder zu Franz Josef Strauß, er schrieb einen Leitartikel zur Solidarität mit Griechenland. Dann, fast 97 Jahre alt, schwanden ihm die Kräfte.

Wie wird es sein am Hamburger Speersort, ohne Helmut Schmidt? Eine große Traurigkeit hat uns ergriffen. Er hat – nach dem Tode von Gerd Bucerius und Marion Dönhoff – über unser Blatt und unser Wohlergehen gewacht. Nun kommt kein Manuskript mehr, an dem man immer unwillkürlich schnupperte, weil es den Duft seines Büros trug, in dem man auch Bücklinge hätte räuchern können. Die Luft wird besser sein und das Haus sehr leer.

Helmut Schmidt hat in den letzten Jahren gern einen Vers des amerikanischen Dichters Robert Frost zitiert. "The woods are lovely, dark and deep, But I have promises to keep, And miles to go before I sleep, And miles to go before I sleep."

Helmut, lieber Freund, mögen Sie in Frieden ruhen.

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