Rund 60.000 jugendliche Flüchtlinge, die ganz auf sich gestellt sind, leben derzeit in Deutschland. Wöchentlich kommen etwa 2.000 hinzu. Allein sind sie, weil sie in Kriegen oder auf der Flucht ihre Familien verloren haben, oder weil die Eltern entschieden haben, sie allein Richtung Europa zu schicken, weil das Geld für die Flucht der ganzen Familie nicht reichte. Viele fliehen vor Zwangsrekrutierungen als Kindersoldaten zum Beispiel aus Eritrea, vor Zwangsprostitution oder -verheiratung, vor Genitalverstümmelung. Aber auch auf der Suche nach Familienangehörigen.

Was passiert mit den Jugendlichen, wenn sie hier ankommen?

Zunächst kommen sie in "Obhutnahme" des zuständigen Jugendamts, wie es im Behördendeutsch heißt. In den ersten sieben Tagen wird dann in einem sogenannten Clearingverfahren festgestellt, ob sie wirklich noch nicht volljährig sind und welche Hilfe sie brauchen. Dabei geht es um ihre Gesundheit ebenso wie darum, welche Art der Betreuung sie benötigen. Erst danach werden die jungen Leute verteilt, nicht auf Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern in geeignete Jugendheime, Wohngruppen oder in Pflegefamilien.

Reicht die Infrastruktur für die Versorgung der Jugendlichen?

Das Netz von Versorgung in öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen oder Familien ist durch den starken Zustrom seit Langem überstrapaziert: "Unbegleitete Minderjährige brauchen Perspektiven und intensive Begleitung", sagt zum Beispiel Maria Loheide, die im Vorstand der Diakonie für Sozialpolitik zuständig ist. "Dafür reichen die wenigen spezialisierten Einrichtungen nicht mehr aus."

Da inzwischen alle diakonischen Jugendeinrichtungen aufgefordert sind, die jungen Syrerinnen oder Afghanen aufzunehmen, bemüht sich der evangelische Wohlfahrtsverband wie andere Träger auch, die eigenen Einrichtungen "zu ertüchtigen", zu schulen und auszustatten. Und auch Pflegefamilien gilt es nicht nur zu finden, sagt Loheide. Auch sie brauchen Schulung für den nicht unkomplizierten Umgang mit teils traumatisierten jungen Menschen. Erziehungserfahrung, vor allem mit Teenagern, die ohnehin in einer Phase der Ablösung von der Familie sind, ist ausdrücklich erwünscht.

Wie sehen die Zukunftsperspektiven dieser Jugendlichen aus?

Die jungen Leute zwischen Kindheit und Erwachsenwerden hängen in Deutschland auch rechtlich oft zwischen den Welten: Weil sie noch nicht volljährig sind und schon dadurch besonderen Schutz genießen, stellen sie oft keinen Asylantrag – 2014 tat dies nur etwa die Hälfte der jungen Flüchtlinge, von denen immerhin 73 Prozent als schutzbedürftig anerkannt wurden und ein Bleiberecht erhielten. Sobald sie aber volljährig sind, droht ihnen ohne solchen Schutz, als lediglich Geduldete, die Abschiebung. Im letzten Jahr verbesserte das geänderte Bleiberecht jedoch ihre Möglichkeiten.

Wer als integriert gilt, kann eine Aufenthaltserlaubnis bekommen – dafür sind vier Jahre erfolgreicher Schulbesuch nötig oder ein Schul- beziehungsweise Berufsabschluss. Aktuell sind mindestens sechs Jahre Schule Voraussetzung. Fürs Leben lernen, das heißt daher für viele: Sie lernen auch um ihr Leben.